In seinem Gemälde "Virginia und Virginius" verlegte der Gießener Maler Johann Nikolaus Reuling einen Mordfall der Antike auf die Bühne des Barocktheaters seiner Zeit. FOTO: PM
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In seinem Gemälde "Virginia und Virginius" verlegte der Gießener Maler Johann Nikolaus Reuling einen Mordfall der Antike auf die Bühne des Barocktheaters seiner Zeit. FOTO: PM

Kriminalfall aus dem alten Rom

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Der Gießener Barockmaler Johann Nikolaus Reuling macht uns zu Zeugen eines Mordes. Sein Bild ist Teil der aktuell nicht zu besichtigenden Gemäldesammlung des Ober- hessischen Museums.

Nanu, was passiert denn da? Unversehens sind wir als Besucher des Oberhessischen Museums vor dem großformatigen Gemälde des Gießener Barockmalers Johann Nikolaus Reuling (1697 bis 1780) in ein Geschehen von kaum zu überbietender Dramatik hineingezogen. Wir sind Augenzeugen eines Mordes - und staunen nicht schlecht, denn Täter und Opfer sind in merkwürdig verzerrter Pose ineinander verschlungen, so als seien sie beide ein Liebespaar, und das Mordopfer, eine junge Frau, umfasst mit ihrer rechten Hand geradezu zärtlich und hingebungsvoll die blutige Klinge des Dolches, die sie soeben ins Herz getroffen hat.

Über den Maler des Bildes ist heute nicht mehr viel bekannt, nur dass er zweimal verheiratet war, 16 Kinder hatte und zeitlebens vergeblich versuchte, Universitätsmaler in Gießen zu werden. In der Sammlung des Museums befindet sich von ihm außerdem eine Gießen-Ansicht von 1772, in der die Stadt mit Festungsanlagen, Straßen und Stadtkirchenturm zu sehen ist.

Den Schlüssel zum Verständnis des 1757 entstandenen Mord-Bildes liefert sein Titel "Virginia und Virginius". Demnach hat der Maler auf das vom römischen Geschichtsschreiber Titus Livius überlieferte und seither vielfach zitierte Virginia-Motiv zurückgegriffen, dem ein Kriminalfall aus dem alten Rom zugrunde lag. Livius schilderte in heroischer Weise, dass ein Vater im fünften vorchristlichen Jahrhundert seine Tochter Virginia in aller Öffentlichkeit erstach, um sie vor der Vergewaltigung durch einen mächtigen Patrizier zu bewahren.

Reuling verlegte die tragische Begebenheit aus der römischen Antike in seine eigene Zeit und eröffnete ihr zugleich die Bühne des zeitgenössischen Barocktheaters, auf der sich unter anderem das Bedürfnis der Aristokratie nach Prachtentfaltung und Repräsentation auszudrücken pflegte. Auf die Theatersituation in "Virginia und Virginius" weist bereits die Palastdekoration hin, die die Blicke der Zuschauer in einen hohen repräsentativen Saal mit Marmorfliesen am Boden und wuchtigen Säulen führt. Der schwere grüne Samtstoff an den Seiten windet sich in höchst kunstvollem Faltenwurf durch die Dekoration und korrespondiert so mit dem nicht minder raffinierten Faltenwurf der Kostüme.

Bluttat auf großer Barockbühne

Zum Barocktheater gehörten aber auch die heroische Geste, das große Pathos und die erregende Darstellung von Menschenschicksalen. Was das angeht, ist Reuling, wie man deutlich sieht, nichts schuldig geblieben. Man sehe sich nur die theatralisch übertriebene Gestik und Mimik der beiden Figuren an. Noch im größten Schmerz, noch in der zartesten Empfindung wahren sie Form und Maß: Wenn es schon ein Mord sein muss, dann hat alles in einem schicklichen Rahmen zu geschehen.

Alles zielt auf größtmögliche Wirkung ab, und damit tritt uns in "Virginia und Virginius" ein Maler entgegen, der die barocke Farb- und Formenpalette souverän zu gebrauchen verstand, der gesättigte und helle, warme und kühle Werte elegant zu einer packenden Darstellung zusammenfügte. In der kalten Architektur des Marmorsaals fällt das Licht von oben herab, lässt die Farben aufleuchten und die Körper - und da besonders die entblößte Brust der Virginia - plastisch hervortreten. Die schwellenden Rundungen der athletischen Muskulatur erinnern uns daran, dass wir es hier mit Menschen in tragischer, heldenhafter Größe zu tun haben, mit Helden, die leiden, zerstören und sterben. Das dünne Rinnsal Blut, das der Brust Virginias entströmt, steigert die Dramatik der Szene um ein Weiteres.

Wie sehr die Geschichte der Virginia zu Lebzeiten des Malers allgemein präsent war und die Gemüter erregte, zeigt sich auch daran, dass Reulings Zeitgenosse, der Aufklärer und Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781), sie in seiner Tragödie "Emilia Galotti" verarbeitete. Bei ihm spricht die sterbende Emilia zu ihrem Vater die berühmt gewordenen Worte: "Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert." Während aber der gut 30 Jahre jüngere Lessing in sein Drama Kritik an der absolutistischen Herrschaft verpackte und vor allem das Bildungstheater des aufstrebenden Bürgertums im Sinn hatte, blieb Reuling doch in erheblichem Maße der barocken Ausdrucks- und Bilderwelt verhaftet. Wie im Barocktheater geschieht bei ihm die Bluttat auf großer Bühne, doch jenseits davon zeugt sein Gemälde noch heute von der sicheren malerischen Umsetzung eines poetischen Gedankens und der schöpferischen Fantasie des Künstlers.

Wegen Renovierungsarbeiten im Alten Schloss kann das Bild derzeit nicht bewundert werden. Die Gemäldesammlung des Oberhessischen Museums ist ab September wieder zugänglich.

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