Mit "Kriegsneurose" war Soldat kein Held mehr

Auftakt zur Serie über Geschichtswettbewerb-Beiträge: Annick Kyra Gallen befasste sich mit Psychiatrie vor 100 Jahren Auftakt zur Serie über Geschichtswettbewerb-Beiträge: Annick Kyra Gallen befasste sich mit der Psychiatrie vor 100 Jahren.

Gießen (kw). Gefeiert wurde "die deutsche Mannhaftigkeit, Innerlichkeit und Treue, die Liebe zum Vaterlande, die Freude am Waffenhandwerke", die ganz im Gegensatz stehe zur "internationalen Waschlappigkeit". Begeistert zogen Tausende Freiwillige 1914 in den Krieg. Doch 200 000 von ihnen landeten in psychiatrischen Anstalten und wirkten gar nicht mehr "mannhaft" - sie litten etwa an Weinkrämpfen, Lähmungserscheinungen, Zittern oder Taubstummheit. Sie galten in der Regel nicht mehr als "Helden", sondern als Simulanten oder Menschen, die wohl von Geburt an "minderwertig" gewesen seien. Das zeigt Annick Kyra Gallen in ihrem Geschichtswettbewerb-Beitrag "Ohne jeglichen Willen, gesund zu werden! Der Umgang mit traumatisierten Soldaten des Ersten Weltkriegs am Beispiel der Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen".

Einen der sechs Gießener Landessiege hat die Abiturientin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums bekommen für ihre Arbeit, in der sie das vor 100 Jahren propagierte "Heldenbild" kritisch unter die Lupe nimmt. Der Krieg habe damals als "die eigentliche Bewährungsprobe" des Mannes gegolten, von dem erwartet wurde, dass er "für das Vaterland" zu sterben bereits ist. Patienten in der Anstalt an der Licher Straße dagegen waren laut den Akten zum Beispiel schreckhaft, weinerlich, gedrückt oder unkonzentriert, hatten Schmerzen oder erbrachen sich nachts.

Diese "Häufchen Elend" wurden als "gestört" oder "unmännlich" betrachtet, während körperlich Kriegsversehrte ihren "Helden"-Status behielten, schreibt Annick.

Der Umgang mit ihnen habe sich im Laufe des unerwartet langen und harten Kriegs sehr verändert: "In den ersten Jahren wurden die Betroffenen mit Diagnosen wie Granatschock, Schreckneurose oder Granatkontusion noch bemitleidet, von der Front abgezogen, und ihnen wurden Erholungsurlaub und Badekuren genehmigt." Doch die militärische Führung habe befürchtet, diese Milde könnte die Armee "destabilisieren" und den Durchhaltewillen der Bevölkerung beeinträchtigen. Außerdem fürchtete man hohe Rentenzahlungen. Ein "scharfes Vorgehen" gegen "Kriegsneurotiker" war die Folge: Während betroffene Offiziere weiterhin zur Kur geschickt wurden, entwickelten Ärzte für die Behandlung der einfachen Soldaten Methoden wie Stromschläge mit bis zu 110 Volt oder eiskalte Wassergüsse. Entlassen werden sollten die Patienten "nur noch in eine Richtung", nämlich an die Front. Auf diese Weise könne man "Lügner" entlarven, hieß es.

Manche Militärpsychiater bezeichneten jeden als geborenen "Psychopathen", der den Belastungen nicht gewachsen war: "Er will krank werden, und wenn er es erst einmal ist, mangelt es ihm an Gewissen, das ihm sagt, er sei der Gesellschaft gegenüber verpflichtet, wieder gesund zu werden."

Unter den sieben Patienten, deren Akten sie einsah, habe es möglicherweise wirklich einen gegeben, der seine Symptome vortäuschte, fand Annick heraus. Andere jedoch hätten darunter gelitten, dass sie mit ihrer Krankheit ihren Eltern "Schande" machten. Und ein psychisch kranker junger Mann, der nie Soldat gewesen war, habe immer wieder gedrängt, in den Krieg ziehen zu dürfen. Er verfasste Schreiben wie dieses: "Ich will und werde das größte Opfer nicht scheuen, wenn es gildet für mein Vaterland in welchem ich wieder zur Ehre gelange (...) zu kämpfen. Ich bitte noch einmal gegen mich gnädig zu handeln und mich zum Soldaten zu machen, daß ich als Vaterlandsverteidiger exestieren kann auf der Welt."

So etwas wäre heute undenkbar - oder? Ganz so weit weg, wie manche meinen, sei das Thema gar nicht, mahnt Annick in ihrer Schlussbetrachtung. In den letzten Jahren hätten sich Hunderte von Bundeswehrsoldaten nach Auslandseinsätzen wegen psychischer Störungen in Behandlung begeben. Einige von ihnen müssten darum kämpfen, dass ihre Probleme als Folge ihrer Erlebnisse etwa in Afghanistan anerkannt werden. Und viele andere scheuten wohl eine Diagnose, weil sie nicht als "Weicheier" gelten wollten. Auch heute noch, so Annicks Schluss, gebe es ein Männerbild, "zu welchem Schwäche angeblich nicht passt". Dafür spiele "Heldentum", wenn auch unausgesprochen, nach wie vor eine Rolle.

AZ-Serie zu Schülerarbeiten

Auch dieses Jahr waren Schülerinnen und Schüler des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums sowie ein Abiturient der August-Hermann-Francke-Schule erfolgreich beim von der Körber-Stiftung veranstalteten Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Wie berichtet, haben Jugendliche 17 Arbeiten zum Thema "Helden: verehrt - verkannt - vergessen" eingereicht. Davon erhielten drei einen Förderpreis, sechs wurden Landessieger und haben damit eine Chance auf einen Bundespreis. Die "Gießener Allgemeine Zeitung" stellt alle Beiträge zur Lokalhistorie ab heute in einer Serie vor.

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