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Kraftvoller Auftritt des OKB

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Von: Dagmar Klein

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Wz_Hess_Waldrodung_31072_4c_1 © Dagmar Klein

»Kraft« ist die aktuelle Ausstellung des Oberhessischen Künstlerbundes überschrieben. Sie ist nun analog zu sehen, nachdem lange nur eine Online- Präsentation möglich war.

Den ersten Anlauf für diese Ausstellung nahm der Oberhessische Künstlerbund (OKB) im April 2020. Durch den Lockdown wurde daraus die erste virtuelle Ausstellung des OKB auf dessen Website. Nach 16 Monaten ist sie nun möglich geworden, die reale Ausstellung. Darüber freuten sich beim Pressegespräch der Wetzlarer Kulturdezernent Jörg Kratkey, die Leiterin der Stadtgalerie Ulrike Sott, der OKB-Vorsitzende Dieter Hoffmeister und weitere Gäste.

Kunstwerk »teilgeräumt«

Zu Beginn konnte schmunzelnd der »erste Beuys-Moment« vorgestellt werden, gemeint ist das Abräumen seiner berühmt gewordenen Fettecke durch Reinigungskräfte. Auch in der Stadtgalerie hatte jemand einen zerbrochenen Teller weggeräumt, der zu einer Installation von Hans-Jürgen Hädicke gehört. Das konnte behoben werden, sodass der Beitrag zum Thema (Schwer-) Kraft wieder komplett ist.

Hoffmeister wies darauf hin, dass die Ausstellung nicht eins zu eins mit der des Vorjahrs übereinstimmt. Weitere Künstlerinnen sind beteiligt, andere haben neue Arbeiten gefertigt, und einige sind nicht dabei, etwa die Keramiker, die mit der Vorbereitung ihres großen Marktes im Hofgut Appenborn befasst sind. Neu dabei ist Yutta Bernhardt, die im Juli als neues OKB-Mitglied aufgenommen wurde. Die Gießenerin lebt seit 20 Jahren in München, hält aber die Kontakte in ihre alte Heimat. Besonders beeindruckend ist ihr Bild einer apokalyptischen Reiterin.

Kunsthistorikerin Dagmar Klein verlas Auszüge aus ihrem online publizierten Text zur Ausstellung. Alle konstatierten, wie erstaunlich der Wandel der Befindlichkeiten und die Regeländerungen seitdem gewesen ist. Als Konstante bleibt das Ausstellungsmotto »Kraft«, denn Kraft haben wir alle gebraucht in dieser bizarren Pandemiezeit, die immer noch an den Nerven vieler zehrt.

»Fast jedem Ding kann offenbar Kraft zugesprochen werden, sei sie nun maschineller, mentaler, muskulärer oder mystischer Natur«, so die Einführung. Die Kraft der Natur im Frühlingserwachen war im sonnigen April 2020 besonders präsent und zeigt sich auch jetzt in einigen Bildbeiträgen. Etwa in den farbstarken Arbeiten von Susanne Jacobs und in den filigranen Schwarzweiß Zeichnungen von Renate Bechthold. Neben den farbenfroh-heiteren Collagen von Renate Donecker wirken die Materialbilder von Dagmar Bolterauer recht düster. Aber ihr Thema ist auch die Auswirkung des Nine-Eleven-Terrorangriffs auf New York.

Volker Kusterer zeigt Fotografien aus den Buderus-Werken, ihn fasziniert die Kraft des Feuers, das zur Metallschmelze genutzt wird. Quasi das Ergebnis eines solchen Vorgangs zeigt das Objektbild »Schmelzkraft« von Frank Wojtynowski direkt daneben, in anderer Form ist es auch Thema bei der Fotoserie eines inszenierten Autounfalls von Norbert Grimm. Angelika Nette hat ein skurriles Werk beigesteuert, eine geschmiedete Axt an einem dünnen Ast, was das Arbeitsgerät dysfunktional macht. Die roten Spuren an der Spitze könnten die Spur eines Gewaltverbrechens sein.

Unterschiedliche Kraft-Auslegungen

Paulina Heiligenthal hielt auf einer Iranreise Auswüchse petrochemischer Anlagen fest. Paul Hess thematisiert ebenfalls Gewalt gegen die Umwelt. In seiner Fotoserie sind die Aktivitäten von Besetzung, Räumung und Abholzung eines Waldes erkennbar, in den vier Ecken gerahmt von toten Vögeln. Christian Sämann ist mit Zeichnungen von verlassenen Industrieorten dabei, die von einstigem Krafteinsatz zeugen, aber von der Natur zurückerobert werden.

Kraft bedeutet für einige der Beteiligten also Gewalt. Nicht so bei Werner Braun. Er zeigt körperliche Kraft in der Polarität von Anspannung und Entspannung beim Sport. Und Marina Cerea weist auf das Gegenteil hin, auf Auszehrung und Kraftlosigkeit. Dieter Hoffmeister weckt den Spieltrieb. Mit gesammelten Dingen aus dem Haushalt hat er ein bewegliches Objekt gebaut, das die Rückholkraft einer Feder demonstriert und dabei kräftig Wind macht.

Ganz in die Welt der Kunstmittel führen Katja Ebert-Krüdener und Andreas Rück mit ihrer Farbfeldmalerei. Außerdem beweist sie Erfindungsreichtum und gestaltet mit einer Mund-Nase-Bedeckung ein schwarz-weiß flimmerndes Werk mit dem treffenden Titel »Visueller Terror«. Ria Gerth symbolisiert mit ihrer gegossenen Stubenfliege, dass Kraft relativ ist und nicht von Größe abhängt. Weitere Künstler und ihre Werke sind zu entdecken bis zum 12. September.

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Wz_OKB_BlickinAusst2_310_4c © Dagmar Klein
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Wz_Saemann_verlassen_310_4c © Dagmar Klein
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Wz_Hoffmeister_mobil_310_4c_1 © Dagmar Klein

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