Kornelia Kieckbusch wird ihren blauen "Ferrari" sehr vermissen. Vor allem aber die Menschen im Uni-Hauptgebäude. FOTO: SCHEPP
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Kornelia Kieckbusch wird ihren blauen "Ferrari" sehr vermissen. Vor allem aber die Menschen im Uni-Hauptgebäude. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Kornelia Kieckbusch: Ein Leben mit Flecken

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Für Kornelia Kieckbusch ist es das erste Weihnachtsfest im Ruhestand. Die Arbeit als Reinigungskraft hat der Gießenerin dabei geholfen, schwere Krisen zu bewältigen.

Kornelia Kieckbusch hat ihren Putzwagen und das blaue Wischfahrzeug, das sie liebevoll ihren "Ferrari" nennt, im Foyer des Uni-Hauptgebäudes abgestellt. Jetzt steht die Gießenerin auf den Treppen vor dem Eingang und zieht kräftigt an ihrer elektronischen Zigarette. Man merkt der 65-Jährigen an, dass sie aufgewühlt ist. Gerade eben haben die Kollegen ihrer "Konni" einen Präsentkorb zum Ruhestand geschenkt. "Und einen großen Geldbetrag. Aber richtig groß", sagt Kickbusch. Sie nestelt dabei an ihrem blauen Kittel herum, der sie als Reinigungsfrau zu erkennen gibt. Darüber trägt sie eine Schärpe. "Die habe ich auch von den Kollegen bekommen", sagt sie. "Endlich Ruhestand" ist darauf zu lesen. Kickbuschs gläserner Blick verrät jedoch, dass von "endlich" keine Rede sein kann. An ihrem Körper wirkt das schwarze Band vielmehr wie ein Trauerflor.

Um zu verstehen, wie viel ihr die Arbeit bedeutet, muss man Kieckbuschs Vergangenheit kennen. Als Kleinkind kam sie mit ihrer Familie 1956 aus Potsdam nach Gießen. Sie landeten im Flüchtlingslager. "Danach sind wir in den Heyerweg gezogen." Zu jener Zeit war der Eulenkopf ein raues Pflaster, das Areal zwischen Gieß ener Ring und US-Depot galt zurecht als sozialer Brennpunkt. Trotzdem verbindet Kieckbusch gute E rinnerungen mit dem Heyerweg. "Die Menschen waren sehr nett. Man konnte ohne Probleme die Haustüren offen lassen." In ihrer Familie ging jedoch weitaus weniger harmonisch zu.

"Meine Mutter konnte uns Kindern keine Gefühle zeigen. Sie war eiskalt", sagt Kieckbusch. Nach der Trennung der Eltern lernte die Mutter einen Schrotthändler kennen. Doch der fand schnell Gefallen an Tochter Konni. Kieckbusch war 14, als sie sich mit dem Ex ihrer Mutter verlobte, mit ihm auf Schrotttouren ging - und anfing zu trinken. "Ich bin früh dem Alkohol verfallen. Mit 24 war ich ein Wrack", sagt Kieckbusch und fügt hinzu: "Ich habe das alles einfach nicht verarbeitet."

Neuanfang nach Entziehungskur

Es gab nicht den einen Schlüsselmoment, der Kieckbuschs Lebenswandel einläutete. Vermutlich hatten sich mit den Jahren einfach zu viele negative Erlebnisse angehäuft. "Irgendwann saß ich mit einer Flasche Bier in der Hand da und habe gedacht: Lieber Gott, willst du mir helfen oder willst du mich verrecken lassen? Da hat es Klick gemacht."

Kieckbusch melde sich für eine Entziehungskur an. Sechs Monate lang kämpfte sie in Oberfranken gegen ihre Sucht. "In der Kur habe ich erstmals realisiert, dass ich ein Mensch, eine ›Konni‹ bin. Zuvor war ich ein Nichts." Mit dieser Erkenntnis, diesem neu gewonnenem Selbstbewusstsein, startete die Gießenerin einen Neuanfang.

Nach der Entziehungskur zog Kieckbusch nach Stuttgart. "Meine Therapeutin hatte mir gesagt, ich soll bei Null anfangen und mein altes Umfeld meiden." In der Schwabenmetropole baute sie sich erstmals ein eigenständiges Leben auf. Sie arbeitete als Reinigungskraft, lebte in ihrer eigenen Wohnung, schloss Freundschaften. Für andere mag das nicht besonders klingen, Kieckbusch hingegen, deren Leben von kleinauf fremdbestimmt und von Leid geprägt war, ist noch heute stolz auf diese Leistung.

Drei Jahre später kehrte die Gießenerin in ihre Heimatstadt zurück. "Meine Schwester hatte mir einen Job bei der AAFES besorgt." Nach ihrer Zeit beim Vertriebszentrum des Army and Air Force Exchange Service, von wo aus T-Shirts und Hifi-Anlagen an die in aller Welt verstreuten GIs verschickt wurden, ergatterte Kieckbusch eine Stelle als Reinigungskraft bei den Stadtwerken. Beruflich lief es gut, und auch privat baute sich Kieckbusch etwas Neues auf.

Nur sechs Monate nach ihrer Rückkehr hatte Kieckbusch jenen Mann geheiratet, mit dem sie heute noch zusammen ist. Sie brachte zwei Kinder zur Welt und nahm sich vor, eine bessere Mutter zu sein als ihre eigene. Es gelang nicht immer.

"Ich wollte meinen Kindern das geben, was ich selbst nicht bekommen habe. Ich muss aber ehrlich sagen, dass es mir manchmal schwergefallen ist, Lieb e zu zeigen." Kieckbusch räumt ein, mitunter kalt gewesen zu sein, obwohl sie es eigentlich nicht wollte. Manchmal ist es eben schwer, etwas zu geben, das man selber nie bekommen hat.

Die schwere Jugend liegt Jahrzehnte zurück, Alkohol hat die 65-Jährige seit 1978 nicht mehr angerührt. Trotzdem verlief ihr Leben auch danach nicht problemlos. Ihre drei Geschwister sind allesamt verstorben. Zweimal Krebs, einmal die Folge einer Magersucht. Es gab noch weitere Schwierigkeiten in Kieckbuschs Leben, die sie aber lieber für sich behalten möchte.

Kieckbusch hat ihr ganzes Leben lang ge putzt. Und sie ist gut in ihrem Job, davon ist sie überzeugt. Dunkle Flecken in der Biografie lassen sich aber nicht wegwischen. Dass die Flecken mit den Jahren trotzdem verblasst sind, schreibt Kieckbusch ihrer Arbeitsstelle zu. Vor allem ihren Kollegen.

2001 bewarb sie sich auf eine freie Stelle an der Justus-Liebig-Universität. Seither ist sie als Reinigungskraft im Hauptgebäude und einigen Räumlichkeiten in der Bismarckstraße tätig, den Großteil der Zeit als Vorarbeiterin. "Durch das Vertrauen, das ich hier erhalten habe, und die Verantwortung, die ich übernehmen durfte, habe ich mich menschlich weiterentwickelt", sagt sie. Erstmals habe sie sich vernünftig verständigen und sagen können, was sie denke und empfinde. Vor allem aber habe sie in all den Jahren stets ein offenes Ohr gefunden und eine Schulter, an der sie sich anlehnen konnte. "Ich konnte mit meinen Problemen immer kommen und wurde immer wieder aufgemuntert." Kieckbusch hat bei diesen Worten Tränen in den Augen. "Ich wurde hier nicht nur als Reinigungskraft gesehen, sondern als Konni, die Kollegin."

Diese Zeiten sind jetzt vorbei. Gestern war ihr letzter Arbeitstag. Kieckbusch ist nun offiziell Rentnerin. Noch kann sich die Gießenerin mit der neuen Rolle nicht anfreunden. "Mir fällt es schwer loszulassen. Es fühlt sich an, als ob ich eine Familie verlassen muss."

Zum Glück hat Kieckbusch ihre leibliche Familie. Vor allem die Aussicht, mit ihren drei Enkelkindern mehr Zeit verbringen zu können, schenkt der Großmutter Zuversicht. "Ich freue mich darauf, mit ihnen häufiger auf dem Fußballplatz stehen zu können. Meine Enkelkinder sind alles für mich", sagt Kieckbusch. Dann gehen ihre Mundwinkel langsam nach oben, zum ersten Mal an diesem Vormittag zeigt die Gießenerin ein Lächeln. "Und ich weiß genau: Meine Enkelkinder lieben mich auch."

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