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Es gab Zeiten, da ging die Angst auf der Bühne nicht weg.

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"Der Kopf ist der größte Hundesohn": Jonas Schubert von OK KID über die Schattenseite des Geschäfts

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Das Leben als Musiker ist verheißungsvoll: Mit Kunst gutes Geld verdienen, an spannende Orte reisen und auf der Bühne von Tausenden Menschen bejubelt werden. Doch es gibt auch eine Schattenseite. Im Interview spricht Jonas Schubert von OK KID über Bühnenangst, Druck, Textaussetzer, das Ende von Jona:S und sein einstiges Stotterproblem.

"Jeden Abend Vorhang auf, will nicht hoch, muss jetzt raus": Die Zeile stammt aus Ihrem neuen Song "Nur wir drei". Sie waren gerade auf Tour, standen jeden Abend auf der Bühne. Hatten Sie Angst davor?

Jonas Schubert: Nein. Ich habe das zum Glück hinter mir gelassen. Aber es gab diese Phase. Sie begann im Herbst 2014. Ich hatte plötzlich in jedem Song Textaussetzer, teilweise sind mir ganze Strophen nicht mehr eingefallen. Seitdem war da dieses komische Gefühl.

Was für ein Gefühl?

Schubert:Du hast die Symptome, als stünde ein Säbelzahntiger vor dir und du müsstest flüchten. Das Adrenalin, dass da ausgeschüttet wird, ist schon crazy. Das habe ich so noch nicht gehabt. Und die Angst ging auf der Bühne nicht weg. Ich hatte das Gefühl, die ganze Zeit zu schwimmen verbunden mit leichten Kreislaufproblemen. Und immer die Angst: Wann kommt der erste Aussetzer?

2014 waren Sie kein Newcomer mehr.

Schubert:Nein. Und die Probleme traten auch nicht bei neuen Songs auf, sondern bei welchen, die wir schon Tausend mal gespielt hatten. "Stadt ohne Meer" zum Beispiel. Das führte dazu, dass ich schon während des Songs permanent dachte: Jetzt gleich kommt der Fehler. Und dann kam er auch. Der Kopf stellt einem Fallen. Deswegen singe ich ja auch: "Der Kopf ist der größte Hundesohn."

Jonas Schubert von OK KID: "Ich kenne sehr viele Künstler, die solche Probleme haben"

Wie sind Sie damit umgegangen?

Schubert:Ich habe mir vor allem selbst Druck gemacht. Irgendwann habe ich dann angefangen, bestimmte Songs von der Setlist zu streichen. Unter dem Vorwand, sie seien langweilig und ich hätte sie schon zu oft gespielt.

Haben Sie damals mit jemandem darüber gesprochen?

Schubert:Nur mit dem engsten Kreis. Ich wollte nicht, dass es zu sehr Thema wird, da es sonst das Problem nur noch verstärkt und der Fokus nicht mehr auf der Musik gelegen hätte. Natürlich habe ich mich gefragt, ob das noch der richtige Job für mich ist. Ich kenne sehr viele Künstler, die solche Probleme haben, aber nicht öffentlich darüber reden wollen.

Und wie geht es Ihnen heute?

Schubert:Das ist jetzt fünf Jahre her, seit vier Jahren bin ich safe. Ich habe heute eher ein gesundes Lampenfieber.

Wie haben Sie diese Panik überwunden?

Schubert:Dank meiner Bandkollegen Raffi und Moritz. Sie haben dafür gesorgt, dass ich die Songs, bei denen ich Probleme hatte, immer wieder singen musste. Sie haben mir eingetrichtert, dass ich verkacken darf. Auch wenn wir vor 20 000 Menschen spielen.

Die neue Playlist "Woodkids" ist noch an vielen anderen Stellen sehr persönlich. Im ersten Lied heißt es, ein Stotterproblem sei "wie auf Knien über Schotter zu gehen". Sie haben früher selbst gestottert.

Schubert:Ja.

Jonas Schubert von OK KID: "Dafür muss man Opfer bringen, das Private unterordnen"

Viele stotternde Menschen meiden es, in der Öffentlichkeit zu reden. Sie hingegen stehen heute auf großen Bühnen vor Tausenden Menschen. Hätten Sie sich das damals vorstellen können?

Schubert:Ja (lacht). Das ist ja das Lustige. Dass ich durch die Flucht auf die Bühne nicht mehr gestottert habe. Ich habe schon früh gemerkt, dass es mir liegt, wenn ich Aufmerksamkeit erhalte.

Vom Stotterer zum Wortakrobaten. Das ist ein beeindruckender Wandel.

Schubert:Dabei hat das eine mit dem anderen viel zu tun. Meine Affinität zu Worten und Metaphern kommt daher, dass ich früher immer überlegen musste, wie ich ein Wort, das ich nicht gut aussprechen konnte, am besten umgehen kann. Ich brauchte also Synonyme. Ich hatte für gleiche Bedeutungen immer viele Formulierungen parat.

Auf "Nur wir drei" thematisieren Sie auch erstmals das Ende der Vorgängerband Jona:S. Darin heißt es: "Aus fünf Freunden wurden drei." Das klingt traurig.

Schubert:Ja. Wir wollten damals den nächsten Schritt gehen. Zusammen an einen Ort ziehen und das Bandleben leben. Dafür muss man Opfer bringen, das Private unterordnen. Mit einem der beiden damaligen Bandkollegen haben wir immer noch ein Superverhältnis. Er wollte damals aber auch gehen. Mit dem anderen war es hingegen sehr schwierig. Wir haben seit dem Zeitpunkt, als er damals mein Zimmer verlassen hat, keinen Kontakt mehr. Dabei waren wir zuvor sieben Jahre lang eine Band und haben sehr viel Zeit miteinander verbracht. Das war schon heftig.

Jonas Schubert von OK KID:"'Sensation' war unser letztes Album auf unserem Majorlabel"

Auf der Woodkids-Playlist finden sich auch kritische Töne über die Musikindustrie. Ist das ein Haifischbecken?

Schubert:Nein. Aber es gibt sehr viele Leute, die mitverdienen wollen. Es ist zwar wichtig, dass du Leute hast, die dir den Rücken freihalten. Ein Manager zum Beispiel. Oder eine Bookingagentur. Und die sollen auch an dem Kuchen verdienen. Es gibt aber auch Posten, die wir in Frage stellen.

Welche Konsequenz haben Sie gezogen?

Schubert:"Sensation" war unser letztes Album auf unserem Majorlabel. Man wollte zwar mit uns verlängern. Wir haben aber gemerkt, dass die Bedingungen eines Vertrags bei einem großen Label für eine Band, wie wir es sind, also mit großem Freiheitsdrang, keinen Sinn mehr macht. Es gibt kein böses Blut, aber für uns war das nicht mehr die Art, wie wir Musik veröffentlichen wollen. Wozu braucht man als Künstler die Musikindustrie, wenn du den direkten Weg gehen kannst?

Und wie sieht dieser Weg aus?

Schubert:Wir haben alles alleine gemacht. Wir haben selbst ein Presswerk ausgesucht und "Woodkids" nur auf Vinyl herausgebracht. Und das nur in der vorbestellten Stückzahl. Wir haben kein Geld für Marketing ausgegeben, sondern nur ein paar Posts veröffentlicht. Das Video haben wir aus eigener Kasse finanziert und erst gedreht, als die Platte nicht mehr verfügbar war. Also gegen Murphys Law der Musikindustrie. Wir haben viele Sachen komplett anders gemacht als ein Majorlabel. Am Ende kommen wir trotzdem auf einen ähnlichen Umsatz.

Jonas Schubert von OK KID: "Es gibt Prognosen, dass der Umsatz noch steigen wird"

Früher galt das Internet als großer Feind der Branche. Heute nutzen viele Musiker die Möglichkeit, sich selbst zu vermarkten. Ist das der Weg der Zukunft?

Schubert:Ich glaube ja. Es gibt Prognosen, dass der Umsatz noch steigen wird. Vor zehn Jahren war kaum jemand bereit, zehn Euro für ein Streaming-Abo zu bezahlen. Heute ist das anders. Und natürlich hast du eigene Vertriebswege, musst also einen geringeren Teil des Kuchens abgeben.

Abschließend noch einmal etwas Persönliches: Seinen Platz zu finden, scheint zu einer Lebensmaxime für viele Menschen geworden zu sein. Zu wissen, wo man hingehört. Sie hingegen singen auf dem letzten Woodkids-Track: "Ich hoffe, ich komme niemals an." Warum nicht?

Schubert:Meine Stechuhr abarbeiten, drei Wochen Urlaub im Jahr und Netflixabende? Das ist nicht, was ich will. Ich will mich selbst immer wieder überraschen, nicht nur in der Kunst. Diese Genügsamkeit - ich hoffe, dass ich die niemals habe.

Sondern?

Schubert:Ich habe mal einen psychologischen Test gemacht: Nach dem Motto: Wo siehst du dich in fünf Jahren? Am Ende kam heraus, dass der fünfte Wunsch, den man aufschreibt, der wichtigste ist. Bei mir stand da: Ich wünsche, dass ich mit inspirierenden Menschen gute Gespräche an den schönsten Orten der Welt führen kann. Wobei: Wenn das Ankommen bedeutet, komme ich vielleicht doch ganz gerne an.

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