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Konzertlesung mit Samuel Harfst und Samuel Koch

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Auf den ersten Blick scheint sie nicht viel mehr als der gemeinsame Vorname zu verbinden. Nun standen der Singer-Songwriter Samuel Harfst und der nach dem »Wetten dass...?«-Unfall querschnittsgelähmte Samuel Koch bei einer Konzertlesung gemeinsam auf der Bühne.

Seit Wochen waren die 700 Karten für den neuen Gemeindesaal der Freien Evangelischen Gemeinde ausverkauft.

Zwei Leben, wie sie kaum unterschiedlicher sein können, entfalten sich in Musik, Wort und Dialogen, die die Gemeinsamkeiten sichtbar machen. Zwei identische Sessel stehen auf der Bühne, die in blaues nebliges Licht getaucht ist. Doch während der eine Mann immer wieder aufsteht, um seine Lieder mit seiner Band zu singen, muss der andere sitzen bleiben. Für Samuel Harfst, der in Hüttenberg aufwuchs, ist es ein Heimspiel. Wie viele seiner Bandkollegen drückte er jahrelang neben dem Gemeindesaal die Schulbank in der August-Herrmann-Francke-Schule. Beide sind sie Anfang zwanzig, doch während der eine als Straßenmusiker die Welt bereiste und sich zum gefragten Bandleader entwickelte, zerplatzten die Träume des anderen in 60 Sekunden.

»Zwei Leben« nennt Samuel Koch seine Lebensgeschichte. Daraus liest der junge Mann, dem trotz allem nicht der Humor vergangen zu sein scheint, und der über seine Situation Witze macht. Als er zu lesen beginnt, wird es ganz still im Saal. Die Betroffenheit ist mit Händen zu fassen. Ob er noch den Satz aus dem »Vater unser« beten könne, »Dein Wille geschehe«, habe ihn ein Freund nach dem Unfall gefragt. Da war der Traum, Schauspieler zu werden, mit dem eigenen Körper zu arbeiten, in andere Rollen zu schlüpfen, zerronnen. Dieses Leben »davor« passte so gar nicht zu dem, das sich nach und nach vor ihm ausbreitete. Sport, Akrobatik, die Schwerkraft hinter sich lassen, danach strebte er. »Früher bin ich schon fast durchgedreht, wenn ich mich nicht bewegen konnte.« Natürlich habe er sich gefragt, ob er »bewegungssüchtig« sei. Doch er habe sich mit Gott geeinigt, dass es gut und richtig sei, eine Leidenschaft und eine Begabung zu leben. Das war vor dem Unfall. Der reduzierte ihn auf den Menschen, der übrig blieb, als der durchtrainierte Körper lahmgelegt wurde. »Privileg zu sein« heißt ein Lied von Samuel Harfst.

Schon im ersten Leben habe er, Samuel Koch, der sportbegeisterte junge Mann, der sich von seinem Gottvertrauen getragen fühlte, dieses Lied geliebt. Nach dem Unfall habe er es lang nicht hören können.

Zwischen Musik und Texten kommen die beiden ins Gespräch. Ob er an Schicksal glaube und ob er ein Gefühlsmensch sei, fragt Koch Harfst. Koch ist heute klar, dass es vernünftiger gewesen wäre, auf sein Gefühl zu hören, das ihn vor der gewagten Wette warnte, auch wenn die After-Show-Party mit Cameron Diaz lockte.

Harfst ist ein Gefühlsmensch, als Songwriter schreibt er über das, was er erlebt, auch wenn dessen Tragweite nicht so gravierend ist, wie bei Koch. Als Musiker hat er seine Sprache gefunden, das auszudrücken, was beide verbindet. »Weil ich nicht weiter in diese Richtung will, mach ich einen Schritt zurück«, singt er, und »fürchte dich nicht vor der Welt, denn ich habe sie überwunden, in all den dunklen Stunden habe ich um dich gerungen«. Sanft entfalten sich Melodien in mitreißenden Rhythmen und sehr persönlichen Texten. Der Sound geht ins Ohr, die Worte ins Herz. Der Erfolg, ob iPhone-Werbung oder Vorprogramm von Whitney Houston, gibt den fünf Musikern Recht, die mit Leidenschaft und Können ihre Musik präsentieren und mit »Schritt zurück« gerade ihr sechstes Album veröffentlicht haben.

Auf der Bühne findet das Trio um Samuel Harfst, Schlagzeuger David Harfst und Dirk Menger (Cello/Piano/Rhodes) mit Robert Laupert (Sax, Banjo, Gitarre) und Joshua Mette (Bass) eine perfekte Ergänzung. Beide, sowohl Harft als auch Koch, bringen ihre Botschaft unaufdringlich aber eindrucksvoll zu Gehör. Was sie neben ihrer Freundschaft verbindet, wird an diesem Abend spürbar. Es ist, was Koch im letzten Kapitel seinen Buches so ausdrückt: »Nicht zu zweifeln an dem, was man nicht sieht.« Doris Wirkner

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