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Auch diese beiden jungen Frauen müssen ihre Konfirmation erst einmal verschieben. FOTO: MH

Kontakte pflegen

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Eigentlich werden seit Mitte Mai in den evangelischen Gemeinden in und um Gießen 300 Jugendliche konfirmiert. Eigentlich. Denn mit Beginn der Kontaktsperre brach auch der Konfirmandenunterricht ab. Wie haben Kirchengemeinden die Beziehung zu den Jugendlichen seitdem gestaltet? Und was wird aus den Konfirmationen?

Gott sei Dank haben wir den Konfirmationsanzug noch nicht gekauft, der Junge wächst ja monatlich", tröstet sich eine Mutter angesichts der abgesagten Konfirmation. Pfarrerin Sonja Löytynoja von der Luthergemeinde im Gießener Osten weiß, dass sich die Familien schon lange auf einen "perfekten Tag" mit Familienfeier gefreut hatten. "Und nun dieses Ungewisse."

Rasch nahm die junge Pfarrerin Kontakt zu den Familien auf. "Ich habe den Eltern geschrieben, ich wüsste nicht, wie es mit einem Pubertierenden zu Hause geht, aber ich wüsste, wie es ist, mit Zwillingen in der Trotzphase zu Hause sein zu müssen." Das löste einen regen E-Mail-Kontakt mit den Eltern aus, in dem sich Sorgen, Anspannungen, aber auch Hoffnungen offenbarten.

Angst, Trauer und Dankbarkeit

Auf einem anderen digitalen Kanal, WhatsApp, antworteten ihr die Konfirmanden. Sie schrieben von "Verwirrung" und "Ahnungslosigkeit" angesichts der ungewissen Lage; von der "Angst" um die Oma; von "Trauer", weil so viele Menschen an den Folgen der Viruserkrankung leiden und sterben; sie fühlten sich in die "Einsamkeit" der Menschen ein, die ohne Kontakte waren, spürten aber auch "Dankbarkeit" gegenüber denen, die in den Krankenhäusern helfen. Sie selbst vermissten den Kontakt zu Freunden.

Die Konfi-Treffen jedenfalls waren wie der Schulunterricht erst einmal ausgesetzt. Für Löytynoja war aber klar: "Was Jugendliche mit Kontaktsperre noch mehr als Trostpsalmen und Bibelwissen brauchten, sind Beziehung und Gespräche." Und so pflegte sie den Kontakt weiter. Dabei fühlte sie sich aber nicht verpflichtet, "den Konfis digital Bibelverse zu vermitteln". Die 14-Jährigen sollen religiöse Kompetenz erwerben und Beziehungen knüpfen, erleben, dass ihnen die Kirche was geben kann, nicht unbedingt Lerninhalte. "Sie sollen sich im Konfi ein Grundgefühl aneignen können: Ich werde hier als Mensch angenommen und kann mich mit Fragen auseinandersetzen - wer bin ich, wo komme ich her, wo will ich hin? Fragen, die im schulischen Alltag nicht so eine große Rolle spielen."

Nichts anderes ist die Konfirmation nach evangelischem Verständnis. Während des festlichen Konfirmationsgottesdienstes bekennen sich die Jugendlichen zum christlichen Glauben und bestätigen damit ihre Taufe. Von nun an gelten sie als mündige Mitglieder der christlichen Gemeinde.

Löytynoja forderte die jungen Menschen zum Nachdenken heraus. Quasi Konfi-Home-Schooling. Vor Ostern etwa erhielten sie Aufgaben für die verschiedenen Stationen der Leidensgeschichte Jesu. Ganz persönlich sollten sie notieren, welche Stimmung sie in ihrem Umfeld und in der Gesellschaft wahrnehmen. Überlegen, was Nächstenliebe heute bedeutet. Dazu auch Fotos schicken. "Durch die Antwortern und Bilder habe ich die Konfis von einer sehr privaten Seite, und als vernünftig und erwachsen, reflektiert und informiert erlebt."

Vergangenen Sonntag wäre es mit Konfirmationen in und um Gießen losgegangen. Stattdessen fanden die Konfirmanden Trostbriefe mit einem kleinen Geschenk in ihren Briefkästen, schildert etwa Pfarrerin Christine Specht aus Allendorf. Gemeinsam mit dem Kleinlindener Pfarrer Ekkehard Landig und Vikar David Lieder habe sie kleine Boxen gebastelt. Darin: Texte, ein Teelicht und etwas Süßes. "Wir hätten gerne mit den Jugendlichen einen wunderschönen Konfirmationsgottesdienst gefeiert." Deshalb ist es wichtig, ihnen zu schreiben: Auch die Wiesecker Pfarrerin Iris Hartings schrieb mit ihrer Kollegin Carolin Kalbhenn Karten. "Ich will ihnen vor Augen führen, dass ich an sie und ihre Familie denke."

Video zur Rolle des Konfi-Spruchs

Natürlich ist die digitale und die analoge Briefpost kein Ersatz für die ausgefallenen Konfirmationen, aber es ist ein rührendes Zeichen von Verbundenheit und Zuwendung.

Löytynoja hat ihren Konfis ein Video geschickt. Darin erzählt sie, welche Rolle ihr Konfirmationsspruch für sie heute noch spielt. Dass sie den von ihr als 14-Jähriger ausgesuchten Vers "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit" zunächst lange Zeit vergessen hatte. Später als Karatekämpferin und Trainerin habe sie gespürt, dass ihr Mut und ihr Vertrauen sowie der Respekt für Gegner und Kampfrichter im Kern den Konfi-Spruch spiegeln, der zu ihrem Lebensmotto geworden war. Sogar ein kleines Tattoo habe sie sich dazu stechen lassen. Jetzt sei sie neugierig, welchen Spruch die Jugendlichen für sich heraussuchten. Ob er wohl die Corona-Zeit widerspiegelt, fragt sie sich. Darüber will sie in den kommenden Wochen mit den Jugendlichen bei Spaziergängen zu zweit erzählen lassen.

Das Video von Pfarrerin Löytynoja ist im Internet auf www.giessen-evangelisch.de zu sehen.

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