Konstrukteur der "Wunderwaffe"

  • Burkhard Möller
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Wer sich nur ein bisschen für Raumfahrt interessiert, hat schon einmal den Namen Wernher von Braun gehört. Der Deutsche, der als Raketenforscher den Nazis und dann den Amerikanern diente. Sein Chef bei der Entwicklung der "Wunderwaffe" V2 war der Gießener Walter Dornberger. Eine Anfrage aus Peenemünde erinnert an ein vergessenes Kapitel der Gießener Militärgeschichte.

Wenn es um die Geschichte des Militärs in Gießen in den Nachkriegsjahrzehnten geht, kann man Jürgen Marschinke kaum etwas vormachen. Als der Vorsitzende des Traditionskreises des einst in der Steubenkaserne stationierten "Raketenartilleriebataillons 52 und Begleitbatterie 5" vergangene Woche eine E-Mail aus Peenemünde öffnete, musste aber sogar er passen. "Davon hatte ich noch nie etwas gehört, auch meine früheren Kameraden nicht, die ich gefragt habe", sagt der in Buseck lebende Ex-Berufssoldat. Das ist insofern erstaunlich, weil sich die Geschichte, um die es geht, keine zwei Kilometer entfernt von der früheren Bundeswehr-Kaserne auf der Hohen Warte abspielte. Dort befand sich seit Mitte der 1980er Jahre die erste Stellung der US-Armee mit Boden-Luft-Raketen "Patriot" in Europa. Bekannt wurde die Waffe im zweiten Golfkrieg in den 1990er Jahren, als sie irakische Raketen abfing, die auf Israel abgefeuert wurden.

Erste "Patriots" auf Hoher Warte

Für diese frühere Militärliegenschaft interessiert sich nun das Historisch-Technische Museum Peenemünde. Dort wird die Geschichte des militärischen Raketenprogramms während der Nazizeit erforscht. Eine Mitarbeiterin des Museums war bei Recherchen über Walter Dornberger, ab 1943 Kommandeur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, auf die Information gestoßen, wonach die Patriot-Stellung auf der Hohen Warte nach dem in Gießen geborenen und aufgewachsenen Ingenieur benannt worden war. Tatsächlich heißt es in einem Wikipedia-Eintrag: "Die erste Patriot-Flugabwehrraketen-Stellung der US Army Europe wurde 1984 bei der Hohen Warte in der Nähe von Gießen eingerichtet und nach Walter Dornberger benannt."

Wie ein Foto zeigt, auf das die Museums-Mitarbeiterin in den Annalen des in der Licher Limes-Kaserne stationierten Flugabwehrraketenregiments 2 der Bundeswehr stieß, befand sich auf dem Gelände auf der Hohen Warte ein großer Gedenkstein mit drei zweisprachigen Text- und Porträttafeln, "Dornberger-Anlage" genannt. An diesen Tafeln hat das Museum in Mecklenburg-Vorpommern Interesse und hoffte, dass Mitglieder des Traditionskreises etwas über den Verbleib der Plaketten wissen. Aber Marschinke konnte nicht weiterhelfen.

Eine vage Chance besteht, dass die Amerikaner nach der Aufgabe der Patriot-Stellung im Jahr 1991 die Plaketten dem kleinen Museum der AAFES-Ruheständler übergaben, das früher im alten Wach- und Arrestgebäude des US-Depots untergebracht war. Mittlerweile liegen die Bestände der sogenannten "Historischen Sammlung" im Stadtarchiv. Allerdings sind die zahlreichen Exponate noch nicht katalogisiert worden. Gleichwohl wollen die Mitarbeiter mal einen Blick auf das Material werfen, denn auch das Stadtarchiv hatte eine Anfrage des Museums aus Peenemünde erhalten, wie der neue Archivar Dr. Christian Pöpken bestätigt.

Dass die Amerikaner ihrem einstigen Kriegsgegner ein Denkmal setzten, zumal Dornberger als Chef des Programms Aggregat 4 (später "Vergeltungswaffe" 2) Verantwortung für den grausamen Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen bei der Raketenproduktion trug, wirkt aus heutiger Sicht irritierend. Aber erstens wären die frühen Erfolge der US-Raumfahrt ohne die deutschen Ingenieure nicht denkbar gewesen und zweitens war es im US-Militär durchaus verbreitet, die technisch-militärischen Leistungen der Deutschen zu bewundern - und für sich zu nutzen.

Unkritischer Umgang

Die Briten wollten Dornberger als Kriegsverbrecher verurteilen und hielten ihn zwei Jahre lang fest, ehe er 1947 in die USA auswanderte und Berater der Air Force wurde. Später arbeitete er für Rüstungsfirmen und wurde 1955 amerikanischer Staatsbürger. 1980 starb er im Alter von 84 Jahren in Sasbach in Baden-Württemberg. Seine Familie hat in Gießen Spuren hinterlassen, denn seine Eltern betrieben die Pelikan-Apotheke am Kreuzplatz, die bis 1984 mit dem Namen Dornberger verbunden war.

Dass Dornberger, der bereits in der Weimarer Republik bei der Reichswehr Raketenforschung betrieb, unter den Nazis eine steile Karriere machte und eine Waffe entwickelte, die von Sklavenarbeitern produziert und die Tod und Verderben unter anderem nach London trug, wurde bei diversen Würdigungen seiner Person in Gießen ausgeblendet. Als am 3. Juli 1984 die Patriot-Stellung auf der Hohen Warte im Rahmen einer Feier nach Dornberger benannt wurde, schrieb die Gießener Allgemeine von der "Ehrung eines Soldaten, dessen Leben und Leistungen auch heute noch vorbildhaft sind". Bei seiner Tätigkeit an der Spitze des Raketenprogramms in Peenemünde habe Dornberger "menschliche Größe und Integrität gezeigt, häufig gegen den Widerstand von politischer Seite", wurde ein Redner zitiert.

Von der Patriot-Stellung auf der westlichen Hohen Warte ist bis auf die geschotterten Wege, auf denen einst die Straßen zwischen den Abschussbunkern verliefen, nichts mehr zu sehen. Vor rund 20 Jahren wurden die Bunker und Gebäude gesprengt, danach renaturierte der Bundesforst das Areal. Die Patriots der US-Armee waren 1991 von Gießen in die Kriegsregion am persischen Golf verlegt worden.

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