Bienenstiche gehören für Konrad Ansorge zum Alltag. Sein Credo: "Wenn man einen Stich bekommt, muss man es einfach ertragen." FOTO: SCHEPP
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Bienenstiche gehören für Konrad Ansorge zum Alltag. Sein Credo: "Wenn man einen Stich bekommt, muss man es einfach ertragen." FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Konrad Ansorge: Ein Leben voller Stiche

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Über eine halbe Million Bienen schwirren im Garten des Gießeners Konrad Ansorge umher. Der Vorsitzende des Imkervereins ist in Gießen glücklich. Das war nicht immer so. Ein Porträt.

Behutsam hebt Konrad Ansorge den Deckel des Bienenkastens an. Es dauert keine Sekunde, bis ein dumpfes Brummen den Garten im Anneröder Viertel durchdringt. Akustisch geben die Bienen Vollgas, körperlich verhalten sie sich jedoch ruhig. Geradezu träge. "Das ist nicht immer so", sagt Ansorge mit einem Lächeln. Ob er häufig gestochen wird? Das Lächeln des 69-Jährigen wird breiter. "Natürlich, das gehört dazu. Wenn man einen Stich bekommt, muss man es einfach ertragen." Diese Weisheit kann der Hobby-Imker, der in seinem Garten zehn Bienenvölker mit rund 500 000 Tieren beherbergt, auch auf andere Bereiche übertragen. Denn es gab Phasen in seinem Leben, die deutlich schmerzhafter waren als ein Bienenstich.

In Gießen weint man immer zweimal: Wenn man die Stadt das erste mal betritt, und wenn man sie wieder verlassen muss. Es gibt viele zugezogene Menschen, die so denken. Bei Ansorge war es anders. Er brauchte gleich mehrere Anläufe, um in Gießen glücklich zu werden. Geboren und aufgewachsen ist er in Berlin. "Mein Vater hatte dort eine Arztpraxis. 1958 nahm er aber eine Stelle in Detmold am Bundeswehrlazarett an, wo er später Chefarzt wurde." Der nächste Karrieresprung des Vaters führte die Familie dann ans Gießener Bundeswehrkrankenhaus. "Es war nicht einfach für mich", erinnert sich Ansorge, der beim Umzug nach Mittelhessen kurz vor der Pubertät stand. In diesem Alter die Freunde, das soziale Umfeld zurückzulassen, sei eine große Herausforderung gewesen. Als die Familie dann einige Jahre später nach der Pensionierung des Vaters wieder nach Berlin zog, weinte Ansorge der Stadt nicht allzu viele Tränen nach. Gießen sollte eine Episode bleiben - dachte er zumindest.

Nach dem Abitur studierte Ansorge an der FU Berlin Biologie. "Mich hat vor allem die Neurobiologie begeistert, weil sie viel mit Technik zu tun hat." In seiner Diplomarbeit beschäftige er sich daher auch mit der Region des Gehirns, in der visuelle Eindrücke mit der Motorik verknüpft werden. Mit seinen Untersuchungen, die er hauptsächlich an Fröschen und Kröten vornahm, machte sich Ansorge schnell einen Namen. Er war so gut, dass er an der alterwürdigen Yale University eine Stelle als Postdoc ergatterte. "Eine reizvolle Aufgabe", sagt er, "und das bei einem weltberühmten Professor." Doch wenige Wochen vor Beginn des Abenteuers schmiss Ansorge hin. Statt an einer der renommiertesten Universitäten der Welt zu forschen, entschied er sich für den schnöden Schuldienst.

Viele Akademiker dürften das mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck quittieren. Doch Ansorge war überzeugt, die richtige Entscheidung zu treffen. Und er bereut sie bis heute nicht. "Ich wollte nicht schon wieder mein soziales Umfeld verlassen. Außerdem darf man den Beruf nicht verklären: Ich bin morgens früh ins Labor gegangen und erst spät abends wieder nach Hause gekommen." Zu jener Zeit habe ihm die Arbeit zwar Spaß gemacht, er habe aber auch nach vorne geschaut: Soll so der Rest meines Lebens aussehen? Ansorge kam zum Schluss, diese Frage mit Nein zu beantworten. "Und da mir das Unterrichten schon an der Uni großen Spaß gemacht hat, habe ich mich für den Schuldienst entschieden."

Ansorge machte auch auf diesem Gebiet Karriere, er schaffte es in Berlin an einem berufsfeldbezogenen Oberstufenzentrum bis zum Fachbereichsleiter. "Das war toll, ich habe sehr viel gelernt", sagt der 69-Jährige. Und fügt an: "Doch dann kam der große Bruch in meinem Leben."

Unbekannten Bruder aufgespürt

Zu jener Zeit war Ansorge verheiratet, seine Frau hatte zwei Kinder mit in die Ehe gebracht. Wie der Zufall es will, eröffnete sich ihr aber ein Karriereweg außerhalb Berlins - ausgerechnet in Gießen. Ansorge blieb mit den beiden Stiefkindern in der Hauptstadt. "Wir haben also eine Fernbeziehung geführt. Zwei Jahre später sind die Kinder zu ihr nach Gießen gegangen."

Es folgten zwei weitere Jahre, in denen die Familie eine Fernbeziehung führte. Dann entschloss sich Ansorge, eine Versetzung zu beantragen. Tschüss Berlin, hallo Gießen.

Doch die Familienzusammenführung funktionierte nicht. Vier Jahre Fernbeziehung zollten ihren Tribut. "Meine Frau hat mich verlassen. Die Ehe war gescheitert." Und so saß Ansorge alleine in der Stadt, in der er gar nicht sein wollte. Mit einem Job an einer Schule, der ihm nicht gefiel. Wie in der pädagogischen Steinzeit habe er sich dort gefühlt. Kurzum: "Mir ist alles weggebrochen, was mir wichtig war. Ich war todunglücklich." Mehrere Jahre erging es Ansorge so, doch irgendwann besserte sich die Situation. An seiner Schule fing ein neuer Direktor an, der Ansorge förderte. Bis zum Eintritt in seine Altersteilzeit hatte sich der Gießener zum stellvertretenden Schulleiter hochgearbeitet. Auch sein Privatleben hellte sich auf. Bereits seit über 20 Jahren ist Ansorge nun schon mit seiner neuen Frau glücklich.

Es gab noch einen Moment, der Ansorge einen Stich ins Herz versetzt hat. Allerdings einen, über den er heute hocherfreut ist. "Vor etwa 20 Jahren habe ich erfahren, dass ich neben meinen Schwestern auch einen Halbbruder habe." Zu jener Zeit sei sein Vater schon sehr alt gewesen, sagt Ansorge. "Als er dann einmal sein ganzes Arbeitszimmer umgeräumt hat, habe ich einen Brief gefunden. Er hat darauf sehr komisch reagiert. Also habe ich ihn gelesen." Der Brief stammte von Olaf.

Ansorges Vater hatte während des Krieges eine Affaire mit einer anderen Frau. Daraus ging ein Sohn hervor. Ansorges Vater verschwieg seiner Familie das uneheliche Kind. "Olaf dachte lange, sein Vater sei im Krieg gestorben. Das hatte seine Mutter ihm erzählt", sagt Ansorge. Irgendwann habe Olaf dann herausgefunden, dass sein Vater noch lebte. Er machte ihn ausfindig und schrieb ihm einen Brief. Konrad Ansorge fand ihn.

"Ich habe dann Kontakt mit ihm aufgenommen. Meine Geschwister und ich haben ihn besucht. Das hat vieles wieder gutgemacht. Er hatte unter der Situation sehr gelitten." Olaf lebt heute mit seiner Frau in Österreich, er unterrichtet - wie Ansorge einst auch - Biologie an einer Schule. Ansorge strahlt: "Zufälle gibt es. Wir haben heute eine tolle Beziehung."

Mit Sicherheit hat Olaf schon den Honig gekostet, den Ansorges Bienen produzieren. 300 bis 400 Kilo sind es jedes Jahr. Von dem kleinen Verkaufstisch in seiner Hofeinfahrt aus versorgt er damit die ganze Nachbarschaft. Ansorge ist auch Mitglied im Gießener Imkerverein, seit Anfang des Jahres sogar als Vorsitzender. Sein Interesse für die Bienen besteht bereits seit dem Studium, die Imkerei hat er aber erst im Ruhestand für sich entdeckt. Genauso wie die Mauersegler, die in seinem Dach brüten. Über die Vögel hat er sogar eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben. "Dafür habe ich Mikrofone und Kameras in den Kästen installiert, tausende Fotos durchgesehen und Tonsequenzen analysiert." Der Einsatz hat sich gelohnt: Seine Arbeit über die Geschlechtserkennung der Mauersegler durch ihre Rufe wurde in einem Fachblatt veröffentlicht.

All das zeigt: Ansorge ist in Gießen längst glücklich geworden. Auch wenn es dafür mehr als einen Anlauf gebraucht hat.

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