Der psychisch kranke Matthias (Lukas Goldbach) wirkt auf seine Umgebung wie ein Außerirdischer. FOTO: WEGST
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Der psychisch kranke Matthias (Lukas Goldbach) wirkt auf seine Umgebung wie ein Außerirdischer. FOTO: WEGST

Konfusion in Orange

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Das Stadttheater bleibt seiner Linie treu und zeigt zeitgenössische Stücke auf der Großen Bühne. Am Samstag hatte Clemens J. Setzs "Erinnya" Deutsche Erstaufführung - und hinterließ am Ende auch eine zum Nachdenken anregende Konfusion.

Fast jeder Dritte erkrankt im Laufe seines Lebens an einer psychischen Krankheit. Es muss ja nicht gleich eine Psychose sein. Burnout, Depression, Angstzustände -- und schon fällt man aus dem Raster der sogenannten Normalität. Doch wie gehen wir mit solchen Menschen um? Und welche Chancen oder Gefahren bieten dabei künstliche Intelligenz und Biotech? Damit beschäftigt sich Clemens J. Setz in seinem 2018 in Graz uraufgeführten und nun als Deutsche Erstaufführung am Stadttheater Gießen gezeigten Stück "Erinnya".

Der designierte Kleist-Preisträger Setz zeigt sich in seinen Büchern und Stücken fasziniert von moderner Technik, Sprachbots, künstlicher Intelligenz. Aber auch Anspielungen auf Literatur oder antike Mythologie verwebt der "literarische Extremist im besten Sinne", so die Kleist-Jury, kunstvoll in seinem ganz eigenen Kosmos mit gesellschaftlichen Fragen. Das erleichtert nicht unbedingt das Verstehen seiner Texte, gibt aber Denkanstöße zu unangenehmen Fragen der Zeit.

Das gilt auch für "Erinnya", in dem der psychisch kranke Matthias (Lukas Goldbach) dank eines nach den antiken Rachegöttinnen benannten Headsets, das "demokratisch" Antworten generiert, wieder am Leben der Anderen teilhaben kann. Doch seine Sätze irritieren. Und "Erinnya" entpuppt sich zunehmend als eine Gefahr, wirkt wie eine bewusstseinserweiternde Droge, die alle als Lifestyle-App ausprobieren wollen und die für dauerhafte Verwirrung sorgt.

Chips, die den Blutzuckerspiegel messen. Apps, die Schritte und den Pulsschlag analysieren. Selbstfahrende Tesla-Autos, die permanent die Umgebung filmen. Biotechnik und künstliche Intelligenz haben längst Einzug in unseren Alltag gehalten. Doch wollen wir sie auch unmittelbar in unseren Kopf lassen? Können sie auch bei psychischen Ausnahmesituationen helfen? "Erinnya" sät daran Zweifel.

Regisseur Titus Georgi geht es aber in seiner Inszenierung des Stücks weniger um diesen Science-Fiction-Aspekt, als um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen umgehen. Die "Erinnya" ist für ihn nach eigener Aussage nur eine "Nebelkerze", die der Autor wirft. Und tatsächlich helfen Georgi und Dramaturgin Carola Schiefke den Zuschauern mit der auf das Wesentliche konzentrierten Inszenierung und dem psychiatrische und literarische Hintergrundinformationen liefernden Programmheft, dem "Kern" des Stücks näher zu kommen.

Lenz, der Erdkern und Hundeköpfe

Man kann die um Toleranz bemühten Eltern (Roman Kurtz/Carolin Weber) durchaus verstehen, als Tochter Tina ihnen ihren seltsam wirkenden Lebensgefährten Matthias vorstellt. Sein merkwürdiges Verhalten überfordert die Eltern in ihrem blässlichen Partnerlook. Da hilft auch keine "Kurkuma Latte", die der Vater in seiner Hilflosigkeit anbietet. Aber sind die vordergründig wirren Sätze des jungen Mannes auch tatsächlich so verrückt, wie es scheint? Sind nicht auch Vater Michael, der ständig den Smartphone-Kopfhörer im Ohr trägt, oder die sich über Matthias lustig machenden Lästermäuler Erwin (Magnus Pflüger) und Erna (Anne-Elise Minetti) in ihrer Boshaftigkeit nicht auch schon aus der Spur gelaufen? Und ist Tina (von Mirjam Sommer wunderbar am Rande des Nervenzusammenbruchs gespielt) nicht längst gefangen in ihrer Obsession, ihr Leben in den Dienst von Matthias zu stellen?

Matthias hat nicht das Format eines Wahnsinnigen aus Shakespeare-Dramen, er bleibt harmlos. Aber er ist ein genauer Beobachter und formuliert Sätze voller Fantasie, ähnlich wie einst Georg Büchners literarische Figur "Lenz", dessen kranke Psyche ihn wie Matthias am Ende mit "kalter Resignation" vor sich hin leben lässt. Doch Matthias, den Lukas Goldbach mit seinen Zuckungen und Merkwürdigkeiten sehr einfühlsam spielt, ist eben ein Kind der 2000er-Jahre. Bei ihm wärmt "die Sonne die Gesprächsplatinen" und ist "die Frucht gebenedeit", wenn er sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank holt - Sätze, die zwar nerdig erscheinen, aber zumindest eine Ahnung von der überbordenden Fantasie in diesem kranken Kopf vermitteln. Sich darauf einzulassen, ist durchaus ein Genuss.

Ein Genuss ist auch das Bühnenbild von Jochen G. Hochfeld, das das Bild des "Erdkerns", zu dem Erinnya angeblich vorzudringen hilft, aufnimmt. Vor einer riesigen orangenen Projektionsfläche hat er einen vulkanartigen Kegel platziert, auf dem auch schon mal eine Figur im Hitzeschutzanzug klettert. Hochgezogen erscheint der graue Berg wie ein Ufo, das den "Außerirdischen" Matthias auf diese Welt gesetzt hat. Die im "Beautiful Mind"-Stil bemalte orangene Plane, ein Kühlschrank und ein Baugerüst als Symbol für die Wohnungseinrichtung sowie die dezente Hintergrundmusik von Parviz Mir-Ali - mehr braucht es nicht, um eine faszinierende Atmosphäre zu schaffen.

Warum plötzlich in einer "Psychosen"-Szene alle Hundepappköpfe tragen, bleibt allerdings unklar. Es lässt sich eben nicht alles erklären. Und nicht alles, was wir nicht verstehen, muss automatisch schlecht sein. Vielleicht ist das die Lehre aus "Erinnya".

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