Kommen Kurzzeit-Radboxen?

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Ich brauche für ein paar Stunden eine sichere Abstellmöglichkeit für mein teures Rad und buche sie kurzerhand per Handy. Dieses Möglichkeit soll es künftig am Bahnhof geben. Man prüfe derzeit "konkrete Optionen" der Aufstellung von Fahrradboxen für kurzfristige Nutzung, teilt die Stadt auf GAZ-Anfrage mit. Die Ortsverbände von VCD und ADFC unterstützen diese Überlegungen, fordern aber bis zu 1600 zusätzliche Radabstellplätze am Bahnhof.

Ich brauche für ein paar Stunden eine sichere Abstellmöglichkeit für mein teures Rad und buche sie kurzerhand per Handy. Dieses Möglichkeit soll es künftig am Bahnhof geben. Man prüfe derzeit "konkrete Optionen" der Aufstellung von Fahrradboxen für kurzfristige Nutzung, teilt die Stadt auf GAZ-Anfrage mit. Die Ortsverbände von VCD und ADFC unterstützen diese Überlegungen, fordern aber bis zu 1600 zusätzliche Radabstellplätze am Bahnhof.

Diese Zahl bewertet die Stadt zurückhaltend: Etwas weiter entfernt von den Gleisen gebe es oft Lücken in den Fahrradständern, nah am Bahnhof nur eingeschränkt Fläche. Der Koalitionsvertrag der rot-schwarz-grünen Stadtregierung von 2016 kündigt 400 zusätzliche Rad-Plätze am Bahnhof an.

Seit fünf Jahren stehen 36 abschließbare Fahrradboxen zur Dauermiete (Jahresgebühr 100 Euro) an Gleis 11. Sie gehören der Stadt und werden von der Bahn verwaltet. Die Hälfte der Mieter ist seit Beginn dabei, erklärt die Bahn auf Anfrage. Die Boxen sind stetig ausgebucht, auf der Warteliste stehe eine "einstellige Zahl" an Personen.

Leihräder als Einstiegsdroge?

Eine Erweiterung dieses Angebots sei unter anderem wegen des Pedelec-Booms nötig, meint Patrik Jacob, heimischer Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland. "Uns sind Pendler bekannt, die gerne ein E-Bike kaufen und damit zum Bahnhof fahren würden, aufgrund mangelnder Abstellmöglichkeiten bislang aber darauf verzichten." Politik und Verwaltung hätten den steigenden Bedarf noch nicht erkannt oder die Erkenntnis zumindest nicht in die Praxis umgesetzt.

Jan Fleischhauer vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Gießen ergänzt: Zur Entlastung der Stadt von Staus und Abgasen müsse es das Ziel sein, Autofahrer aufs Rad zu bringen. Gerade sie seien eher bereit, für einen sicheren Platz eine Gebühr zu bezahlen – aber auch etliche Jetzt-schon-Radler, wie eine Nutzerbefragung im Rahmen einer Diplomarbeit 2007 ergeben habe.

Fleischhauer rechnet die damals erfassten Zahlen hoch und kommt auf aktuell mindestens 300 Interessierte für kostenpflichtige Boxen. Dafür reiche der Platz allerdings nicht. Er plädiert daher für ein Fahrradparkhaus oder Sammelschließanlagen mit Doppelstockparken für die Dauermieter.

Dass gute Abstellmöglichkeiten viele Bürger aufs Rad umsteigen lassen, zeige das Beispiel Lüneburg. In der 75 000-Einwohner-Stadt reichten 2100 Plätze nicht mehr aus, ein drittes Radparkhaus sei geplant.

Insgesamt sieht Fleischhauer am Gießener Bahnhof einen Bedarf von 2600 Plätzen, errechnet aus 15 000 Bahnhofskunden täglich und einem Radverkehrsanteil in der Stadt von 18 Prozent. Außerhalb der Ferien seien die vorhandenen knapp 1000 Plätze oft überbelegt. Zuletzt sei die Zahl sogar gesunken: 40 Stellplätze fielen zugunsten der Leihräder-Fläche weg, 34 während der Sanierung der historischen Treppe.

Apropos Leihräder: Sie sorgten langfristig eher für noch mehr Parkdruck, meint Fleischhauer, weil Nutzer die Attraktivität des Radelns entdecken und dann auf ein flexibleres eigenes Gefährt umsteigen. Sein Fazit: "Es braucht ein ernsthaftes neues Gesamtkonzept."

Dem schließt sich Jacob an. Er schlägt den Ausbau der Fahrradabstellmöglichkeiten vor allem in den Randbereichen vor. Die Anlage im Alten Wetzlarer Weg liege günstig für Südviertelbewohner und Klinikum-Mitarbeiter. Bei der Weiterentwicklung an der Lahnstraße würden die Interessen der Radler und Fußgänger stiefmütterlich behandelt. "Nach den uns bislang vorliegenden Plänen sind die Radabstellanlagen an unattraktiver Stelle und keine Sammelschließanlagen, Boxen oder gar ein Parkhaus vorgesehen."

"Wir sehen durchaus auch einen Bedarf an weiteren gesicherten Langfristabstellmöglichkeiten", erklärt Magistratssprecherin Claudia Boje. Geprüft werde beispielsweise eine Anlage hinter der Neuen Post. Zunächst habe man aber Kurzzeit-Boxen im Auge, weil es ein solches Angebot noch nicht gibt.

Solche Boxen hält auch Fleischhauer für sinnvoll. In Herborn, Dietzenbach und Offenbach würden sie schon erfolgreich betrieben. Sowohl dabei als auch bei anderen Planungen müssten die Stadtfinanzen kaum strapaziert werden, betont er: "Es gibt derzeit viele Förderprogramme für Bike & Ride", etwa vom Bund, Land oder dem Rhein-Main-Verkehrsverbund.

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