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Anna Mateur. FOTO: DKL

Komisch, ernsthaft und entlarvend

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Gießen(dkl). Die städtische Hauptveranstaltung zum Internationalen Frauentag ging in diesem Jahr in der Kongresshalle über die Bühne, dem Corona-Virus zum Trotz. Zur Begrüßung sprachen Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sowie Friederike Stibane, die Beauftragte für Frauen und Gleichstellung. Die Bühnenshow kam von "Anna Mateur and the Beuys", wobei die Boys-Band nur aus einem Gitarristen bestand, nämlich Kim Efert.

Anna Mateur heißt im bürgerlichen Leben Anna Maria Vogt und kommt aus Dresden. Im Osten Deutschlands ist sie längst Kult, seit 2003 tourt sie als Sängerin, Texterin, Schauspielerin und Zeichnerin. Sie hat diverse Kleinkunst- und Kabarett-Preise bekommen, auch für ihr aktuelles Bühnenprogramm "Kaoshüter", das sie in Gießen präsentierte.

Ihr Bekanntheitsgrad hat sich erhöht, seit sie in der ARD-Ladies Night ihre urkomisch-musikalischen Auftritte hatte. Davon waren offenbar die Erwartungen bei einigen Gästen in der Kongresshalle geprägt, die überrascht waren von der Ernsthaftigkeit der Themen. Anna Mateur agiert zwar körperbetont und komisch, aber sie kommt auch knallhart zur Sache. Sie geht an Grenzen, dahin, wo’s weh tut.

Vor allem zwei Stücke, die ohne Musik auskommen, gehen unter die Haut. Ihre Kamerrrraden-Ansprache, vorgetragen im Hitler-Goebbels-Duktus, gespickt mit erfundenen oder ausgetauschten Worten, steigert sich zu einer kruden, unverständlichen, geradezu bedrohlichen Mixtur. Und ihre fast hörspielreife Version des Alltags in Pflegeheimen mit den Stimmen von Pflegeroboter und Heimleiterin samt den über Megafon verkündete Anweisungen an Pflegepersonal und Bewohner, lehrt das Gruseln.

Musikalisch geht sie durch viele Genres, vom Chanson der 20er Jahre bis zum Schubert’schen Liedgut, sie loggt sich ebenso im rhythmischen Bossa Nova ein wie in groovigen Blues. Die Variationsbreite erinnert an Nina Hagen, doch ist Anna Mateur nicht so schrill, hat eine weichere und tiefere Stimme. Wenn sie engelgleich über die Bühne tanzt, dann scheint ihr Körper aus Gummi zu bestehen. Sie kann auch das Gegenteil und ihr Gewicht quasi stampfend in den Boden rammen. Ihre Parodie auf verführerische Sex-Posen ist zum Schreien komisch. Und entlarvend.

Gitarrist Efert begleitet sie fast ununterbrochen an der Akustikgitarre, er singt mit ihr im Duett, spricht Kommentare. Nach der Pause hat er Gelegenheit zur Präsentation einer Eigenkomposition. Danach kommt Anna Mateur im weißen Tüllrock und eingezwängt in Hula-Hoop-Reifen. Sie erzählt Geschichten aus der DDR, wie Kinder bestimmt wurden, um auf Sportschulen zu gehen. Wie sie sich selbst befreite, aus Hula-Hoop-Reifen oder anderen Zwängen.

Und sie ist spontan. Reagiert aufs Publikum, erntet viel (Zwischen)Applaus. Auch wenn das Ende der Vorstellung in Gießen vom Unfall einer Besucherin überschattet war.

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