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Auf einem Tisch haben Dr. Katharina Weick-Joch (l.), die Leiterin des Oberhessischen Museums, und Manuela Rochholl einige der insgesamt 60 Objekte bereitgelegt, die die Ethnologin ak- tuell erfroscht.

Koloniale Verflechtungen in Gießen

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Manuela Rochholl untersucht im Oberhessischen Museum ethnografische Objekte aus kolonialem Kontext. Konkret geht es um 60 Ausstellungsstücke aus Ostafrika. Hier muss unter anderem geklärt werden, ob es sich um Beutegut handelt. In dem Zusammenhang ist auch die Ankündigung der Bundesregierung von Bedeutung, große Teile der Benin-Bronzen aus deutschen Museen an Nigeria zurückzugeben.

Rochholl berichtet im Interview, welche Herausforderungen in dem Kontext auch auf das Oberhessische Museum zukommen.

Die Ankündigung der Bundesregierung, einen großen Teil der über 1100 in deutschen Museen aufbewahrten Benin-Bronzen nach Nigeria zurückzugeben, wurde in Westafrika mit Genugtuung aufgenommen. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Wenn feststeht, dass Kulturgüter geraubt wurden und die Umstände detailliert erforscht sind, wie es für die Benin- Bronzen der Fall ist, und es Rückgabeforderungen gibt, dann ist es wichtig, dass diese auch tatsächlich erfolgen. Das geht nicht von heute auf morgen, da es häufig um die Frage geht, wo die Objekte ihren neuen Platz finden (das müssen nicht unbedingt Museen sein). Trotzdem hat es im Falle der Benin-Bronzen viel zu lange gedauert, bis diese Entscheidung getroffen wurde. Bei sehr vielen Objekten in ethnografischen Sammlungen und Museen, die während der Kolonialzeit gesammelt wurden, sind die Hintergründe jedoch bisher nicht geklärt.

Im Oberhessischen Museum gibt es zwar keine kostbaren Benin-Bronzen, aber unzählige ethnogra-fische Objekte. Wie aufwendig ist es, deren Herkunft und Weg ins Museum herauszufinden?

Das hängt ganz davon ab, welche Informationen zu den einzelnen Objekten in den Sammlungsdokumenten vorliegen. Es gibt Objekte, bei denen konkrete Angaben zu den Sammlern und zur regionalen Herkunft gemacht wurden. Diese Angaben werden dann in Archiven und im Austausch mit Partnern in den jeweiligen Ländern überprüft. Es gibt aber auch viele Objekte, zu denen wirklich keine weiteren Informationen vorliegen. Hier kann das Vergleichen von Objekten helfen. Unsere Partner in Tansania vergleichen etwa im Moment Objekte der Gießener Sammlung mit Objekten aus Regionen in Tansania.

Nennen Sie bitte ein Beispiel!

Konkrete Beispiele zu einzelnen Objekten können wir im Moment noch nicht im Detail angeben. Während sich unsere Partner in Tansania und Kamerun im Moment auf die Herkunft der Objekte konzentrieren, versuchen wir die Wege der Objekte ins Museum aus der anderen Richtung zu rekonstruieren. Wenn Sammler in den Museumsdokumenten angegeben sind, dann gilt es zunächst möglichst viele Informationen zu diesen zusammen zu tragen, um herauszufinden, ob diese Personen selber gereist sind, welche Position sie möglicherweise in den kolonialen Strukturen innehatten oder ob sie die Objekte gekauft oder gegen andere Objekte getauscht haben. Die Recherche ist tatsächlich sehr aufwendig und zeitintensiv.

Wie ist das weitere Verfahren, wenn feststeht, dass es sich um geraubte oder unrechtmäßig erworbene Objekte handelt?

Wenn diese Feststellung nicht ohnehin ein Ergebnis der gemeinsamen Forschung mit Vertretern der jeweiligen Ländern ist, dann ist die Kontaktaufnahme zu diesen der wichtigste Schritt, um gemeinsam das weitere Vorgehen zu besprechen. Die Erfahrung, die wir derzeit im Projekt machen ist, dass es dabei nicht immer zwangsläufig um die Rück- gabe geht. Wichtig ist es, gemeinsam Wege zu finden, wie die geteilte Vergangenheit öffentlich thematisiert werden kann und insbesondere welche Auswirkungen sie auf unsere Gegenwart hat, sowohl hier als auch in den Ländern, in denen die Objekte ihren Ursprung haben.

Wer entscheidet, ob die Herkunftsgesellschaft ein Anrecht darauf hat, dass ein Objekt zurückgegeben werden muss oder nicht ausgestellt werden darf?

Ob etwas ausgestellt wird, die Art und Weise des Ausstellens oder ob es nicht ausgestellt werden soll, kann in Absprache mit den Gesellschaften erfolgen, die zu den jeweiligen Objekten eine Verbindung haben. Auch gibt es beispielsweise vom Deutschen Museumsbund Richtlinien, an denen sich Museen orientieren können. Über die Rückgabe von Objekten können wir im Oberhessischen Museum nicht entscheiden, aber wir können Empfehlungen aussprechen. Hier muss zunächst die Rechtsgrundlage geprüft werden und schlussendlich wäre es eine politische Entscheidung diesen Prozess zu steuern. Die Arbeit, die wir mit unseren Partnern leisten, ist die entscheidende Grundlage für alle weiteren Schritte. Rückgaben können nur stattfinden, wenn erforscht wird, woher die Objekte überhaupt kommen und unter welchen Umständen sie erworben wurden.

Was geschieht mit Objekten, wenn keiner sie zurückhaben will?

Immer mehr Museen in Deutschland laden beispielsweise Personen aus diesen Ländern ein, um hier Ausstellungen mitzugestalten und über die Art und Weise zu diskutieren, wie die Objekte in den Museen verbleiben können. Die Mehrheit der Objekte bleibt dann vorerst in den Depots. Im Moment entstehen immer mehr Forschungsprojekte, die auch genau auf diese Frage eine Antwort suchen.

Lohnt sich der Aufwand im Fall des Oberhessischen Museums? Hier geht es ja weniger um kostbare Stücke, sondern oft um Alltagsgegenstände?

Auf jeden Fall. Was als »kostbar« wahrgenommen wird, ist eine subjektive Wahrnehmung. »Kostbar« sind nicht nur bestimmte Materialien oder bekannte Objekte. »Kostbar« sind Objekte auch durch die Geschichten, die sie erzählen können. Dies kann gerade für Alltagsgegenstände zutreffen. Viele der Objekte in der Gießener Sammlung weisen jedoch gar keine Gebrauchspuren auf und wurden vermutlich als Souvenir gekauft. Der Aufwand lohnt sich auch, weil wir viel darüber lernen können, wie auch Menschen, die in Gießen lebten oder durch die Sammlung mit Gießen verbunden sind, vom Kolonialismus profitierten.

Wie kompliziert ist die Absprache mit Herkunftsländern, in denen museale Konzepte, wie wir sie kennen, unbekannt sind?

Viele Museen haben noch gar keine internationalen Netzwerke. Und Forschungsprojekte von nur einem Jahr sind einfach viel zu kurz. Wir haben verschiedene Institutionen und einzelne Personen kontaktiert und freuen uns, dass wir jetzt mit einem Museum in Iringa (Tansania) und einem in Yaoundé (Kamerun) zusammenarbeiten können. Es ist wichtig zu bedenken, dass die Aspekte zum Umgang mit Objekten aus kolonialen Zusammenhängen, die derzeit in Deutschland öffentlich diskutiert werden, nicht unbedingt immer dem entsprechen, was in den jeweiligen Ländern im Fokus steht. Das mag sich kompliziert anhören - ich finde es sehr spannend und auf jeden Fall lehrreich.

Gibt es eine weltweite Datenbank, in der geforscht werden kann?

Die gibt es bisher nicht. Immer mehr Museen stellen jedoch ihre Datenbanken online zur Verfügung. Wie Forschungsergebnisse in diesem Bereich öffentlich zugänglich gemacht werden können, ist eine zentrale Frage, mit der wir uns auch in unserem Projekt befassen. Jedoch sind nicht alle Objekte, die sich in ethnografischen Museen und Sammlungen befinden, in ihrem Ursprung für die Öffentlichkeit gedacht. Und so ist es auch hier der Austausch mit Personen aus den jeweiligen Ländern sehr wichtig.

Wäre es nicht sinnvoller, manche Objekte in Europa zu belassen, um Einblick in fremde Kulturen zu ermöglichen und so das Verständnis zwischen den Kulturen zu verbessern?

Von den Millionen von Objekten, die während der Kolonialzeit gesammelt wurden, werden vermutlich ohnehin sehr viele in europäischen Museen bleiben. Wichtig ist jedoch, deutlich zu machen, dass sie die Sammeltätigkeit während dieser Zeit repräsentieren und nicht als Abbild verschiedener Kulturen dienen können. Kultur ist ständig im Wandel und kann nicht lediglich durch Objekte aus einem anderen Jahrhundert dargestellt werden. Durch die Objekte besteht in jedem Fall die Möglichkeit, dass viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern ihre Perspektiven auf die Objekte und Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart zusammentragen.

Ihr Forschungsprojekt zu »Provenienzen von ethnografischen Objekten aus kolonialen Kontexten« ist auf ein Jahr ausgelegt und auf 60 Objekte aus Ostafrika fokussiert. Wie geht es danach weiter?

Wir hoffen sehr, dass wir die Arbeit fortsetzen können. Je mehr wir uns mit unseren Partnern austauschen und uns mit der Sammlung befassen, desto deutlicher wird, wie sehr die Ethnografische Sammlung des Oberhessischen Museums eine Quelle ist, die deutsche Kolonialvergangenheit auch hier in Gießen aufzuarbeiten. Es entstehen neue internationale Partnerschaften, die hoffentlich auch auf anderen Ebenen in Gießen und bei unseren Partnern weiter ausgebaut werden können.

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