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Freie Sicht auf die Werke in der Gemäldegalerie des Alten Schlosses.

Koloniale Scheußlichkeit und Modernes

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Ein Problem, das die Besucher in angesagten Museen und Ausstellungen plagt, stellt sich in der Gemäldegalerie des Alten Schlosses schon mal nicht. Es gibt kein Gedränge. Niemand ist da, der die Sicht versperrt oder ungefragt Kommentare abgibt. Allein im Museum, eine neue Erfahrung. Beim Gang durch den Saal mit seinem blank polierten dunklen Holzboden kann man die Eindrücke auf sich wirken lassen. Die "Ostanlage von 1924" von Hein Heckroth, den "Hafen mit Anker" von Hellmuth Müller-Leutert, den "Kopf nach van Gogh" von Friedemann Hahn, den "Dachsbau im Winter" von Annette Schröter. In manchen Bildern möchte man versinken. Vorne am Eingang gibt es einen Ständer mit kleinen Klapphockern, die machen die Pause vor den Favoriten bequemer. Schön, hier zu verweilen. Anderen wendet die Besucherin lieber den Rücken zu. Wie das so ist mit persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Alles ganz schön voll hier, und nicht alles passt zusammen. Einen Audio-Guide gibt es nicht in diesem Saal, an manchen Werken finden sich Erläuterungen, an anderen nicht. Wie mag dieses und wie jenes Bild seinen Weg nach Gießen gefunden haben? Was hat es für eine Geschichte?

Auf viele Fragen haben Werner Carl und Rainer Kraus Antworten. Die beiden Rentner führen die Aufsicht an diesem Nachmittag. Sie sind interessiert an Geschichte und Kunst, sie haben sich im Laufe der Zeit viel Wissen zu den Exponaten angeeignet. Carl hat als Kind in den Trümmern des Alten Schlosses gespielt. "Das war natürlich verboten und ein großes Abenteuer." Als das Schloss Ende der 70er Jahre wieder aufgebaut wurde und das Museum entstand, war das eine großartige Sache für die Stadt. Nun sind Bau und Konzept in die Jahre gekommen, die Besucher erleben einen charmanten Mix: verstaubt und retro hier, modern und fast avantgardistisch da. Neugestaltung und Neuausrichtung stehen bevor; dass bereits spannende Wege beschritten werden, zeigt, das Stadt[Labor] mit seinen vielfältigen Projekten. Auch die aktuelle Ausstellung "Fragen an die Ethnographische Sammlung" zeugt von diesem neuen Ansatz. Während der Saal mit den Fayencen und Münzen nur ausgewiesene Kenner zu fesseln vermag, gehen einem die Exponate des kolonialen Zeitgeistes lange nicht aus dem Sinn. Der Panzer einer Riesenschildkröte mit dem metallenen Wappen von August dem Starken zum Beispiel. "Das war eben die Zeit", sagt Kraus. Das stimmt leider. Vielleicht kann die anmaßende Scheußlichkeit heute wenigstens als Mahnmal dienen. (cg)

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