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Koloniale Interessen und Sammlungsaktivitäten

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Diese Fundstücke aus Grabungen Heinrich Schliemanns in Troja befinden sich in der Antikensammlung. © Red

Gießen (pm). Im September und Oktober gibt es eine neue Sonderausstellung, die die Antikensammlung gemeinsam mit den Sammlungen der Justus-Liebig-Universität veranstaltet. Eröffnet wird die Ausstellung »Die Klassifizierung der Welt - universitäres Sammeln im kolonialen Kontext« am Donnerstag, 1. September, um 17 Uhr im Hörsaal der Hermann-Hoffmann-Akademie mit einem Grußwort von Unipräsident Prof.

Dr. Joybrato Mukherjee und einführenden Worten von Prof. Bettina Brockmeyer (Historisches Institut) sowie Prof. Magnus Huber (Institut für Anglistik).

Antiken- und JLU-Sammlungen

Die Sonderausstellung, die vom 1. September bis 16. Oktober im Palmenhaus des Botanischen Gartens zu sehen sein wird, beleuchtet Exponate aus den Sammlungen der JLU, die im Zuge von universitären Aktivitäten in kolonialen Kontexten bzw. durch kolonial inspirierte Sammlungsaktivitäten ihren Weg an die Universität fanden. Im Fokus stehen vier Themengebiete, die unterschiedliche Sammlungsbestände der Universität im 19. und frühen 20. Jahrhundert beleuchten:

Da ist zum einen die Antikensammlung selbst: Im frühen 20. Jahrhundert fanden Objekte von verschiedenen Grabungsexpeditionen ihren Weg in die Antikensammlung, die ihren Bestand vor allem unter Lehrsammlungsaspekten erheblich erweiterte. So gelangten auch Funde aus dem unter britischer Kontrolle stehenden Ägypten und aus dem vom deutschen Kaiserreich wirtschaftlich abhängigen osmanischen Reich nach Gießen, darunter auch die kaiserliche Schenkung von Funden aus Heinrich Schliemanns Troja-Grabungen.

Auch der Botanische Garten ist Thema. Dessen Direktor, Adolf Hansen, und sein Gartenbauinspektor Friedrich Rehnelt reisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die damalige britische Kolonie Ceylon, um Pflanzen und Samen in großen Mengen zu transferieren. Die »Ausbeute« lässt sich heute noch im Hansen-Rehnelt-Herbarium und in Bildaufnahmen rekonstruieren.

Auch die Provenienz der singhalesischen Palmblatthandschriften der Universitätsbibliothek aus Sri Lanka ist bis zu den Schenkern nachvollziehbar. Die Objekte verdeutlichen, wie diese kulturellen Zeugnisse von Privatpersonen im späten 19. Jahrhundert teils als Souvenirs erworben wurden, ohne sie inhaltlich einordnen zu können.

Ausstellung im neuen Palmenhaus

Im Rahmen der Kolonisierung trafen mit den Kulturen auch Sprachen aufeinander. Die Sektion Linguistik beschäftigt sich mit dem Pidgin-English als Verkehrssprache in deutschen Kolonien. Daneben wird auch die Instrumentalisierung von Sprache zur Konstruktion einer weißen Überlegenheit als Legitimation der Kolonisierung untersucht.

Die Ausstellung bildet zugleich den Auftakt zu einer Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit an der Justus-Liebig-Universität, und knüpft an die derzeitige Debatte über den Umgang mit dem europäischen Kolonialismus an. Die Museen und auch die universitären Sammlungen enthalten Objekte, die aus der Zeit des Hochimperialismus und den zu der Zeit bestehenden Kolonien stammen. Zunehmend wird deshalb gefragt, woher die Sammlungsgegenstände kommen, und die Provenienz der Dinge erforscht, so derzeit auch im Oberhessischen Museum (aktuelle Ausstellung: »Zwischen Sammelwut und Forschungsdrang. Koloniale Kontexte in Gießen« bis 15. Januar im Alten Schloss).

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