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Die Königin wird 50

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Seit 50 Jahren begleitet die Kreienbrink-Orgel die Gemeinde in der Morus-Kirche zuverlässig in Gottesdiensten und bei zahlreichen Konzerten. Den 50. Geburtstag des Instruments will die Gemeinde daher auch feiern. Wegen der Corona-Auflagen ist das aber nur im Rahmen eines Festgottesdienstes möglich.

Diese Orgel hat "Wumms". Das können Organist Jakob Handrack und Oliver Schepp, Fotograf der Gießener Allgemeinen Zeitung, nach einem Fototermin vor Ort nur bestätigen. Denn um das Instrument auch aus ungewöhnlicher Perspektive zu zeigen, sind beide über eine schmale Leiter in das Innere der "Königin" geklettert, stehen im etwa fünf Meter hohen Gehäuse dicht an dicht zwischen den Metallzügen und den imposanten, bis zu 4,80 Meter langen Pfeifen. Und dann greift Thomas Ransbach, Kantor der Kirche und einer der Aktivposten im Förderverein von St. Thomas Morus, beherzt in die Tasten und spielt eine kleine Melodie. Handrack springt vor Schreck ein Stück in die Höhe, der Fotograf spürt ein den ganzen Körper ergreifendes Vibrieren, das das Erlebnis vom Bass-Wummern bei Live-Konzerten eindeutig übertrifft. Gut, dass er seine Wintermütze in der für ihre kühlen Temperaturen bekannten Kirche noch tief über die Ohren gezogen hat. "Das war irre, ein echtes Highlight", schwärmt er begeistert, aber auch mit einem Summen im Ohr, als er wieder aus dem Instrument herausgeklettert ist.

Vorgängerin nach Buseck gebracht

Die Orgel der Morus-Kirche in der Grünberger Straße ist eben etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen ihrer Platzierung auf der linken Seite des Altars. Das Instrument gibt es in diesen Tagen seit 50 Jahren. Es ist im Gegensatz zu manch anderen Orgeln in Gießener Kirchen in bestem Zustand und kommt regelmäßig bei Konzerten und im Gottesdienst zum Einsatz. "Die Orgel ist unprätentiös. Wer sie im Konzert hört, ist überrascht, was sie kann", schwärmt Thomas Ransbach. "Sie ist präsent, aber nicht aufdringlich", ergänzt Organist Handrack, nachdem er wieder wohlbehalten aus dem Gehäuse voller Zinnpfeifen und Drahtzügen herausgeklettert ist.

Die Idee einer großen Orgel, die dem damals neu errichteten Kirchenraum der Thomas-Morus-Kirche und der Liturgie gerecht werden sollte, ist so alt wie Planungen zum Kirchbau selbst. Schon im Juni 1967 - also einen Monat vor der Kirchweihe am 15. Juli - hatte Orgelbauer Matthias Kreienbrink von der Orgelmanufaktur aus Osnabrück sein Angebot unterbreitet. Für die Gesamtkosten kalkulierte er 109 083 DM für 24 Register mit 1586 Pfeifen. Viel zu teuer, meinte das Bistum Mainz.

Nachdem das Angebot angepasst worden war, unter anderem durch die Reduzierung auf 21 Register, konnte die Orgel gebaut werden. Mit Schreiben vom 15. Oktober 1969 an das Katholische Pfarramt St. Thomas Morus erteilte das Bischöfliche Ordinariat die Genehmigung zur Anschaffung einer neuen Orgel. Am Sonntag, 31. Januar 1971, also am morgigen Sonntag vor 50 Jahren, folgte die festliche Orgelweihe. Das deutlich kleinere Vorgängermodell wurde in die Busecker St. Marienkirche gebracht, wo es bis vor ein paar Jahren noch im Einsatz war.

17 Organisten haben im Laufe der Jahre die große Kreienbrink-Orgel in St. Morus gespielt. "Die Disposition ist ganz auf den Kirchenraum abgestimmt und trägt der Verwendung der Orgel im Gottesdienst ausgezeichnet Rechnung", lobte Domkapellmeister Hain in seinem Gutachten einst das Instrument. "Die mechanische Spieltraktur arbeitet - trotz des langen Wegs - ohne Störung." Er betonte auch die "leichte Spielbarkeit dieser Mechanik" und die "homogene Klangverschmelzung".

Für die Herstellung der Pfeifen wurde hochwertiges Material verwendet. Sorgfältige Verarbeitung hat das Übrige dazu beigetragen, dass die Kreienbrink-Orgel im Gegensatz zu vielen Orgeln, die in der Nachkriegszeit errichtet worden waren, auch heute noch über eine gute Substanz verfügt. Ihr Klang allerdings wurde im Laufe der Jahre ein wenig verändert. "In den 1920er bis 80er Jahren galt der Barockklang als Maßstab", erläutert Jakob Handrack. Doch Geschmäcker ändern sich. Klagen über den angeblich zu schreienden Klang der Orgel besonders in den hohen Lagen wurden laut, nachdem 2005 die Innenrenovierung des Gotteshauses vorgenommen und dabei auch die Seitenschiffe abgetrennt und der damit zur Verfügung stehende Kirchenraum verkleinert worden war. Orgeln sind als Unikate nämlich immer an den Raum angepasst. Zudem war bei den Renovierungsarbeiten Schmutz in das Instrument geraten: Kalkreste vom Mauerputz etwa drohten das Pfeifenwerk zu beschädigen und so zu irreversiblen Klangbeeinträchtigungen zu führen.

2014 renoviert und modifiziert

Abhilfe musste her - aber eben auch finanziert werden. Das Gutachten des Orgelbauers Gabriel aus Fulda, der auch für die Wartung der Orgel verantwortlich war, bezifferte einen Reparaturumfang von rund 14 000 Euro.

Und hier kommt der 2012/13 gegründete Förderverein von Thomas Morus ins Spiel. Organist Jakob Handrack hatte zuvor schon seit 2009 Orgelvespern mit durchschnittlich 30 Besuchern organisiert, um Spenden zu sammeln, aber auch um ein breiteres Publikum außerhalb der sonntäglichen Gottesdienste für Orgelmusik zu begeistern. Gemeinsam gelang es, die benötigte Summe ohne finanzielle Hilfe des Bistums Mainz aufzubringen. Zuwendungen des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst sowie der Stiftung der Sparkasse Gießen waren dabei hochwillkommen.

Im Januar 2014 wurde die Licher Orgelbaufirma Förster & Nicolaus mit den Renovierungsarbeiten beauftragt, die rechtzeitig zwei Wochen vor Ostern beendet waren. Die festliche Einweihung der frisch renovierten Orgel erfolgte am 4. Mai 2014 zur 19. Orgelvesper zur Osterzeit. An der Orgel spielte Regionalkantor Thomas Wiegelmann aus Bad Orb.

Und nun wird der 50. Geburtstag des Instruments gefeiert. Wegen der Pandemie ist das nur im Rahmen eines Festgottesdienstes am morgigen Sonntag, 31. Januar, möglich, für den sich die Besucher eigens anmelden müssen (siehe Kasten). Bis zu 50 Gäste können dabei sein, wer keinen Platz mehr bekommt, kann sich aber auf der Homepage informieren. Dort wird mit etwas Verzögerung ein Video vom Auftritt Hermann Wilhelmis an der Kreienbrink-Orgel zu hören und sehen sein.

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