"Königin der Instrumente" in Eigenarbeit erstellt

Gießen (ür). Die Wichernkirche am Philosophenwald weist eine bundesweit einzigartige Besonderheit auf. Seit 1979 erklingt in dem Gotteshaus eine Orgel, die von Gemeindemitgliedern selbst zusammengebaut wurde.

Gießen (ür). Die Wichernkirche am Philosophenwald weist eine bundesweit einzigartige Besonderheit auf. Seit 1979 erklingt in dem Gotteshaus eine Orgel, die von Gemeindemitgliedern selbst zusammengebaut wurde. Es ist die einzige dieser Art, die von kirchlichen Orgelbausachverständigen abgenommen und für gut befunden wurde. Im kommenden Jahr feiert die Gemeinde das 30-jährige Bestehen dieser "Königin der Instrumente". Nach Angaben von Kantor Michael Klein soll die Orgel zuvor generalüberholt werden, damit sie auch weiterhin unverwüstbar bleibt.

Seit 1964 treffen sich Christen in der Wichernkirche zum sonntäglichen Gottesdienst. Zunächst spielten die Kantoren auf einem Orgelpositiv mit vier Registern. Schnell war sich die Gemeinde einig, dass eine richtige Orgel her musste. Seit der Einweihung der Kirche wurde auf diese Orgel hin gespart. Doch es hätte noch Jahrzehnte gedauert, das Geld für eine übliche Kirchenorgel zusammen zu bekommen. Deshalb kam der Vorstoß der Göttinger Orgelbaufirma Hofbauer genau richtig. Sie bot damals eine Orgelbausatz an, der in Eigenarbeit zusammen gebaut werden konnte. Das Modell HS 95 kostete die Wicherngemeinde 56 000 Mark. Mit Aufbau hätte sie ein Loch von bis zu 150 000 Mark in die Kirchenkasse gerissen.

Um die benötigten Summe für die Orgel in Eigenbauweise zu sammeln, unternahm die Gemeinde zahlreiche Anstrengungen. In der Chronik ist zu lesen, dass sogenannte Bausteine für die Orgel verkauft wurden. Die Kirche organisierte geistliche Konzert mit Studenten, Absolventen und Lehrern des Instituts für Musikpädagogik und Musikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität.

In dreiwöchiger Montagezeit bauten im August 1979 zwei Kirchenmitglieder die Orgel zusammen. Lok-Betriebsinspektor Karl Hans Adolph und Schreinermeister Johannes Hopp mit Orgelbauerfahrung investierten ehrenamtlich 600 Arbeitsstunden. Der heute 83-Jährige Adolph erinnert sich noch gut an die Zeit. Er gehörte damals zum Kirchenvorstand und habe sich für die Aufbauzeit Urlaub genommen. Mit Hopp sei er nach Göttingen gefahren, um das Instrument bei der Firma Hofbauer abzuholen. Den Scheck über 56 000 Mark überreichte er dem Chef persönlich.

Ein Orgelsachverständiger bestätigte die akkurate Arbeit. Auch andere Gemeinden kamen auf die Idee, sich ihre Orgel selbst zu bauen. Sie mussten aber allesamt die Hilfe des Orgelbauers in Anspruch nehmen, um die Instrumente fertigzustellen. Damit war der Preisvorteil dahin. Kurz nach der Weihe der Wichern-Orgel sprach die Orgelkommission der EKHN ein Verbot aus, solche Bausätze zu beschaffen.

Adolph und Hopp hatten ein Metallgehäuse in der Größe zweimal zwei Meter als Grundbau auf ihrem Lastwagen mitgebracht. Die Windlade und die Registersteuerung waren auf einem Stahlgerüst vormontiert. Alle anderen Teile wie die 684 Pfeifen mussten nach einer komplizierten Montageanleitung zusammengefügt werden. Dass es heute in Deutschland nur eine dieser Orgeln in einer Kirche gibt, zeigt, dass die Aufgabe nicht einfach zu lösen war. Steht doch in der Bauanleitung beispielsweise: "Die Registerzugstangen (30), die durch die Gabelköpfe mit den Registerwellen (29) verbunden sind, werden durch das Lösen der Stellringe abmontiert". "Wir hatten keine Probleme beim Aufbau", erinnert sich Adolph. Wer Schaltpläne lesen könnte, wäre auch mit der Bauanleitung zurecht gekommen. "Wir haben nicht ein einziges Mal bei Hofbauer nachgefragt", so der ehemalige Eisenbahner. Es sollte auch der einzige Aufbau deutschlandweit sein, bei dem Hofbauer nicht nachträglich doch noch gerufen wurde.

Spieltisch, Gebläsemotor, Tastatur, Filzblättchen und viele Dinge mehr mussten akkurat verarbeitet werden. Fertig zeigt sich die Pfeifenorgel in Harfenform. Sie verfügt über zwölf Register, wovon zwei über das Pedalwerk bedient werden. Die Tastenumfänge im Manual reichen von C bis g3, im Pedal von C bis f1. Zum Schluss des Zusammenbaus nahm dann ein Mitarbeiter der Firma Hofbauer die Intonierung - die Feinabstimmung der Pfeifen - vor. Gedacht waren solche Instrumente eigentlich für das häusliche Musizieren oder für kleine Gemeindesäle. Darauf war die Klangleistung der Pfeifen ausgelegt. Um einen großen Kirchenraum zu füllen, müssten die Pfeifen größere Durchmesser haben. Der Intonateur der Wichern-Orgel ist der Versuchung nicht erlegen, aus den relativ engen Pfeifen ein Maximum an Leistung herauszukitzeln. Die Orgel hat den singenden Charakter einer Hausorgel behalten. Sie klingt hell und freundlich, allerdings fehlen ihr etwas Substanz und Tragfähigkeit.

Ende September 1979 wurde das Instrument mit einem Festgottesdienst eingeweiht, bei dem der Studiendirektor Dr. Christian Zippert, später Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck, die Festpredigt hielt über die Rolle der Musik in der Bibel. Der Kantor Prof. Gottlob Ritter von der Johanneskirche spielte Variationen über den Choral "Jesu, meine Freude".

Eine Besonderheit hat das Instrument aufzuweisen. Die kleinen Pfeifen über dem Spieltisch kann Kantor Michael Klein mit einer Stimmeisen, das einer Feile ähnlich sieht, vor jedem Gottesdienst nachstimmen. Sie ist klein, kompakt und doch für die gottesdienstliche Begleitung oder für Orgelkonzerte geeignet, auch wenn sie sich nicht mit ihren großen "Kollegen" messen kann.

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