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Hat alles, was er zum Musizieren braucht, immer dabei: Florian Ludwig. FOTO: ROBIN BREYL

Knuspriger Klangzauber

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Der Sound stimmt, die Stimmen strahlen, die Gesten sitzen. Die Märchenoper "Hänsel und Gretel" wird im Stadttheater zum Erfolg. Auch ohne Inszenierung.

Es ist das Werk, das vielen Kindern neben Mozarts "Zauberflöte" den ersten Kontakt zum Musiktheater beschert: die Oper "Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck. Im Stadttheater erklingt das Stück in einer konzertanten Aufführung, was am Orchester liegt, das in seiner spätromantischen Ausprägung nicht in den Graben gepasst hätte und damit eine Inszenierung verhindert. Was sehr schade ist.

So sitzen am Sonntag die Musiker auf der Bühne, die Sänger nehmen ganz vorn Aufstellung, und bei jedem Takt ist ihnen anzumerken, wie gern sie diese Märchenoper auch gespielt und nicht bloß gesungen hätten. Altistin Rena Kleifeld beispielsweise interpretiert zur Premiere ihre Rolle als Hexe im kleinen Schwarzen mit hochtoupiertem Haar, angeklebten Wimpern und dämonischem Blick äußerst dynamisch. Stimmlich lässt sie es krachen.

Am Pult steht der künftige Generalmusikdirektor Florian Ludwig. Der gebürtige Franke führt das Philharmonische Orchester Gießen beschwingt, aber mit dem nötigen Tiefgang durch die Partitur. Die Musiker folgen ohne Zaudern ihrem neuen Maestro, der mit ausladenden Bewegungen dirigiert. Der Klang zeigt eine prächtige Textur mit einer Vielzahl an Höhepunkten. Das hat Format.

Die Vertonung des Märchens der Brüder Grimm war zwar anfangs eine familiäre Angelegenheit, als die Schwester des Komponisten ihren Bruder bat, die Musik für einige ihrer Verse zwecks häuslicher Theateraufführung zu komponieren. Schnell kam Humperdinck auf den Geschmack und machte daraus eine abendfüllende Oper. Obschon von Zeitgenossen mit Skepsis beäugt, führte die Uraufführung (am Nachmittag) des durchkomponierten Werks mit Richard Strauss als Dirigent 1893 in Weimar zu einem Erfolg, der bis heute andauert. Die Popularität liegt nicht zuletzt an den von Humperdinck verwendeten Melodien, die zu Volksliedern wurden, etwa "Brüderchen, komm tanz mit mir". Auch damals schon bekannte Titel hat der Tondichter eingearbeitet: "Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh?" oder "Ein Männlein steht im Walde". Hinzukommen zahlreiche Fragmente weiterer Weisen.

Dennoch ist die Partitur kein Leichtgewicht. Die Ouvertüre mausert sich zu einem sinfonischen Prolog. Den Vorspielen zum zweiten und dritten Akt gelingt das Sinfonische sogar noch besser. Traumhaft und mit Substanz ertönt der "Abendsegen". Humperdinck erlangt mit seinem am Vorbild Wagner orientierten knusprigen Klangzauber Weltruhm.

Erzählt wird die Geschichte von Hänsel und Gretel, die sich im Wald verlaufen und von der Hexe zum baldigen Verzehr vorgesehen sind. Gretel muss im Haus mitarbeiten, während Hänsel zum Mästen im Stall des Knusperhäuschens landet. Am Ende machen die Geschwister ihrer Peinigerin im Backofen den Garaus und erwecken weitere misshandelte Kinder zu neuem Leben.

Ein bezauberndes Debüt am Stadttheater gibt die bayreuth-erfahrene Sopranistin Mirella Hagen in der Partie der Gretel, die sie bereits an der Dresdner Semperoper verkörpert hat. Ihre Stimme verfügt über Strahlkraft, Ausdruck und Einfühlungsvermögen. Dem steht Mezzosopranistin Sofia Pavone in der Hosenrolle des Hänsels in nichts nach, mimisch ist sie eine Klasse für sich.

Grga Peroš als Papa Peter Besenbinder darf endlich einmal stimmlich auf den Putz hauen. So macht dieser Bariton Spaß. Bravo! Heidrun Kordes, die im Großen Haus derzeit auch im "Barbier von Sevilla" auf der Bühne steht, sorgt sich eindringlich als Mama Gertrud um ihre Kinder.

Natascha Jung ist vom ersten Rang aus in einer feinen Doppelrolle als Sandmännchen und Taumännchen zu hören. Der Kinder- und Jugendchor unter der Leitung von Martin Gärtner singt sich am Schluss in die Herzen der Zuschauer. Ausführlicher Applaus vom Publikum.

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