Auf die Frage, was ihn gereizt habe, 1981 das Ascot zu übernehmen, windet sich Peter Tydeman, dann räumt er ein: "Ich war beruflich in einer Sackgasse." 	SRS
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Auf die Frage, was ihn gereizt habe, 1981 das Ascot zu übernehmen, windet sich Peter Tydeman, dann räumt er ein: »Ich war beruflich in einer Sackgasse.«

50-jähriges Jubiläum

Gießen: Die Kneipe, die bleibt - Das Ascot wird 50 Jahre alt

  • vonStefan Schaal
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Das Ascot, das den Mythos der Ludwigstraße als Feiermeile einst begründet hat, wird am heutigen Freitag 50 Jahre alt. Wirt Peter Tydeman erinnert sich an die bewegte Geschichte der Kult-Kneipe.

  • Die Kneipe Ascot“ auf der Gießener Ludwigstraße wird heute 50 Jahre alt.
  • Wirt Peter Tydeman hat das Ascot 1981 übernommen, weil er sich in einer beruflichen Sackgasse befand.
  • Tydeman erinnert sich an die bewegte Geschichte der Gießener Kult-Kneipe.

Gießen - Stille. Leere. Die Theke, in der jede Holzfaser und jede kleine Schramme Gießener Kneipengeschichte ausatmet, ist verwaist. Am heutigen Freitag wird das Ascot 50 Jahre alt. Gefeiert wird der Geburtstag nicht, die Corona-Pandemie verhindert es.

Gießen: Das Ascot in der Ludwigstraße wird 50 Jahre alt

»Manchmal, wenn mir oben in der Wohnung die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich runter in die Kneipe, schalte den Fernseher an und schaue BBC«, erzählt Peter Tydeman, der Wirt des Ascot. Er nimmt hinten an einem Tisch Platz. »Ordnungsamt« steht in gelber Schrift auf seiner Wollmütze. Tydeman kramt in alten Fotos, die an Zeiten erinnern, als in der Kneipe noch das Leben toste. Als in den 70er und 80er Jahren Studenten ihr halbes Semester in der Kneipe verbrachten. Am späten Vormittag frühstückten sie in dem Lokal, dann ging es an die Uni. Zwei Stunden später saßen sie wieder an der Bar.

Im Ascot liefen damals die neuesten Songs - die Rolling Stones, Led Zeppelin. »Die Schallplatten waren schnell verdreckt, oft von Zigarettenasche bedeckt«, erinnerte sich einmal Kristian Schmeling, der als 18-Jähriger im Ascot zu kellnern begann, im Gespräch mit dieser Zeitung. »Wir haben Schnaps auf die Platten geschüttet. Danach sind sie wieder einwandfrei gelaufen.«

Gießen: Prügelei im Ascot endet 1989 mit Todesfall

Tydeman zeigt Bilder von kostümierten Gästen im proppenvollen Ascot. Die Fassenacht sorgte in den 80er Jahren für Goldgräberstimmung. 100 000 Mark habe er damals in nur einer Woche verdient, berichtet Tydeman. »Hier hat der Papst geboxt. Die Leute haben eine Woche ihres Jahresurlaubs geopfert, um hier tagein, tagaus zu stehen und sich die Kante zu geben.«

Ein tragischer Todesfall allerdings versetzte 1989 der Goldgräberstimmung in der Gießener Kneipenmeile ein Ende. »Die Schlägerei hat hier im Ascot angefangen«, erzählt Tydeman. »Es war ein Pulk von 30, 40 Männern.« Er sei dazwischengegangen, »dann ging es fünf Meter weiter wieder los«. Die Prügelei habe sich nach draußen auf die Straße verlagert, eskalierte dann vor der Tür. Ein Mann wurde zu Tode geprügelt.

Über den Fall wurde bundesweit berichtet, die Gießener Kneipenmeile geriet in die Kritik, die Stadt leitete den Faschingsumzug im Jahr darauf an der Ludwigstraße vorbei, die Szene in der Feiermeile sollte sich nach dem Vorfall nie wieder gänzlich erholen. Auf die Frage, ob er die 80er Jahre und die Zeit der Tag und Nacht proppenvollen Kneipe vermisst, sagt der 73 Jahre alte Tydeman: »Ich hätte nicht mehr die Kraft dafür.«

Gießen: Ascot kommt während Lockdown über die Runden

Der Wirt stöbert in weiteren Bildern. Er deutet auf ein Foto mit den Toten Hosen. »Die hatten 1989 ein Konzert in der Kongresshalle und haben danach hier gesessen.« Dann zeigt Tydeman auf das Foto einer Wandmalerei in der Herrentoilette des Ascot - eine pornografische Variante des Schöpfungsbilds Michelangelos. Tydeman vermutet, dass die Wandmalerei der Grund für einen Brandanschlag auf das Ascot 2008 war. »Leute sind mit Fahrrädern vorbeigefahren und haben Molotowcocktails geworfen. Die Täter wurden leider nicht ermittelt.« Die Brandsätze konnten damals gleich gelöscht werden, die Kneipe wurde nicht beschädigt. Dass er das Wandbild auf der Toilette danach übermalte, bereut Tydeman noch heute.

Der einstige Kneipenkönig der Stadt, Erwin Steinbach, hatte das Ascot am 8. Januar 1971 eröffnet. In dem 1906 errichteten Gebäude, in dem früher Fahrräder verkauft worden waren, richtete der Unternehmer eine für Gießen völlig neue Art von Kneipe ein: einen Pub nach englischem Vorbild. Später gründete Steinbach, der zuvor mit dem Verkauf von Perücken aus China sein Geld verdient hatte, auch die Zwibbel, das Belle Epoque und den Bierbrunnen, bevor er 1977 bei einem Autounfall sein Leben verlor.

Tydeman blickt von seinen Bildern auf und lehnt sich zurück. Er komme während der Zeit der Schließung über die Runden. Ans Aufhören denke er nicht. Auf die Frage, was ihn damals gereizt habe, das Ascot 1981 zu übernehmen, windet er sich für einen Moment, dann räumt er ein: »Ich war beruflich in einer Sackgasse.« Und das Ascot habe damals seit einem halben Jahr leer gestanden. Tydeman und seine Kneipe haben seitdem einige Höhen und Flauten hinter sich. Er habe in den vergangenen Jahrzehnten in der Ludwigstraße viele Kneipen und mehr als 50 Wirte kommen und gehen sehen, sagt er. Tydeman ist geblieben.

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