Porträt

Der Knast-Imam

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Sabri Saliji arbeitet als muslimischer Seelsorger in der JVA Gießen. Er ist ein gefragter Mann: Erstmals sind mehr als ein Drittel aller Insassen in Gießens Gefängnis Moslems.

»Ich gehe, du gehst, wir gehen« steht an der Tafel. Doch so schnell geht hier niemand. Wie die meisten Räume in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gießen ist auch dieser verschlossen. Die Fenster sind vergittert. Mal ist das Zimmer Treffpunkt für den Deutsch-Unterricht, mal Besprechungsraum und gleich – wenn Sabri Saliji die sechs Holztische an die Wand gerückt und seinen Gebetsteppich ausgebreitet hat – ist es eine Moschee.

Einer von 15 in Hessen

In Hessens Vollzugsanstalten sitzen immer mehr muslimische Gefangene. 2015 lag der durchschnittliche Anteil bei 22,7 Prozent. Im ersten Quartal 2017 waren es 25,56 Prozent. Zum ersten Mal stellten Moslems damit im Vergleich der Religionszugehörigkeiten die größte Gruppe dar – bei getrennter Betrachtung der christlichen Konfessionen. In Gießen saßen im Juli 143 Inhaftierte ein, 49 davon muslimischen Glaubens. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, hat sich das Justizministerium eingeschaltet und organisiert die muslimische Seelsorge seit einiger Zeit zentral aus Wiesbaden. Sabri Saliji ist einer von 15 Imamen, die derzeit in hessischen Justizvollzugsanstalten arbeiten.

Jeden Montag vier Stunden

Der Knast-Imam kann den höher werdenden Zahlen Gesichter und Geschichten zuordnen. Seit Januar 2016 kommt der Mann aus Karben montags für vier Stunden in die JVA in der Gutfleischstraße. Saliji ist ein gefragter Gesprächspartner. Auch heute prasseln die ersten Probleme auf ihn ein, ehe er sein Büro aufgeschlossen hat. Einer bittet um ein Einzelgespräch. »Sorge mit Familie«, flüstert er. Ein anderer fragt nach einem Gebetsteppich. Und Yusuf möchte wissen, wann sich die Gesprächsgruppe trifft. Saliji schließt die Tür. Dann schüttelt er den Kopf. »Sie sind noch so jung. Die meisten sind ungebildet. In ihren Familie hatten sie keinen Rückhalt.« Doch dann sagt er: »Egal wie freundlich sie sind, ich darf nicht vergessen, dass sie wegen einer Straftat hier sind«.

Straftat: Egal

Was die Insassen verbrochen haben, will der Mazedonier nicht wissen. »Egal was es ist, es ist im Islam verboten«, sagt Saliji. Er hält im Gefängnis muslimische Ritualgebete und Festgebete ab, er führt bei Bedarf Einzel- und Gruppengespräche. Über die Straftaten redet er nur auf Wunsch der Gefangenen und nur unter vier Augen. In den gemeinsamen Gesprächen behandelt er mit den Häftlingen Themen aus dem Islam. »Häufig fragen sie nach meiner Meinung zu Dingen oder danach, was der Koran dazu sagt. Die meisten wissen überhaupt nicht, was im Koran steht. Sie sagen, der Islam habe einen hohen Stellenwert für sie, aber sie verbinden ihr Leben und ihre Taten nicht damit«, betont Saliji. Die Beichte nimmt er den Insassen nicht ab. »Das kann nur Allah.«

Gespräche auf Deutsch

In einzelnen Anstalten Hessens kommen aufgrund des Bedarfes derzeit sogar zwei Imame zum Einsatz. »Die Auswahl erfolgt durch das Justizministerium im Wege eines Bewerbungsverfahrens«, sagt René Brosius vom Ministerium. Alle Imame werden einer Überprüfung durch die Sicherheitsbehörden unterzogen.

»Danach wird die Eignung für eine Tätigkeit zur religiösen Betreuung von Gefangenen mit gezielten Fragen zum Lebensweg, der bisherigen Tätigkeit und auch unter dem Gesichtspunkt des Eintretens für deutsche Gesetze und Werteorientierung eingeschätzt«, erklärt Brosius. Dabei werden auch Kenntnisse der deutschen Sprache ermittelt. Diese Fähigkeit ist mittlerweile eine Voraussetzung für die Arbeit im Knast. Saliji spricht mit den Häftlingen überwiegend Deutsch. »Das ist die Sprache der Betreuung, darauf bestehe ich auch«, sagt er.

Andere Probleme als Religion

Auch für den Gießener JVA-Leiter Martin Lesser ist die Sprache wichtig. »Vor Saliji hatten wir eine Lücke. Es kam gelegentlich ein Imam von der Ditib-Gemeinde, aber wir hatten keine Kontinuität. Außerdem sprachen die meistens nur türkisch, sodass wir nie Rücksprache halten konnten«, sagt Lesser. Das ist jetzt anders. Saliji kann in sieben Sprachen kommunizieren. »Die neue Struktur sorgt für Beruhigung«, betont Lesser. Konflikte durch unterschiedlichen Glauben gäbe es kaum. »Die meisten haben hier andere Probleme als ihre Religion.«

Im Knast teilt sich Saliji das Büro mit christlichen Seelsorgern. Über der Tür hängt ein Kreuz, Jesus liegt auf dem Schreibtisch, Koran und Gebetsteppich im Schrank. Er muss improvisieren. Die Verwaltung kümmert sich um Gebetsteppiche. Den Gebetsausruf des Muezzin übernehmen die Häftlinge selbst. »Das lernen Muslime im Kindesalter«, sagt Saliji. Er freut sich, dass auch Christen ab und an seine Stunden besuchen. »Toleranz und Respekt für andere Religionen sind da«, sagt er.

Teilnahme freiwillig

An seinen Veranstaltungen nehmen etwa 15 Gefangene teil. Sie kommen freiwillig. »Für einen Montag ist das gut, freitags wäre der Kreis größer«, vermutet Saliji. Denn das Freitagsgebet hat im Islam den höchsten Stellenwert, doch an diesem Tag arbeitet Saliji als Imam des albanischen Kulturvereins in Offenbach. Dort nimmt er in Gesprächen immer mal Bezug auf seine Arbeit im Knast. Ob sie erfolgreich ist, will man dann wissen. »Man sieht Erfolge. Die Jungs werden nachdenklicher, manche kommen zur Besinnung, aber was passiert, wenn sie wieder in Freiheit sind, das kann ich natürlich nicht beeinflussen.«

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