Beitrag zum Klimaschutz: Solaranlage auf der Hohen Warte. FOTO: SCHEPP
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Beitrag zum Klimaschutz: Solaranlage auf der Hohen Warte. FOTO: SCHEPP

Klimaschutz

Klimaneutralität bis 2035 in Gießen kaum zu erreichen

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Gießen soll bis 2035 klimaneutral sein. Ein Bericht der Stadt zeigt nun, dass dieses Klimaziel nicht nur zeitlich in weiter Ferne liegt und volkswirtschaftlich betrachtet ein Milliardenprojekt ist. Nichts oder nicht genug zu tun, käme langfristig aber noch teurer.

Was wäre wohl los, wenn die Stadt, beginnend mit dem vergangenen Jahr, jedem Einwohner bis 2035 jedes Jahr knapp 4000 Euro als Klimaschutz-Beitrag in Rechnung stellen würde? Der Aufstand, den eine solche Maßnahme auslösen würde, ist ebenso wie die Summe nur eine Projektion und ein theoretisches Szenario. Die 3975,44 Euro zeigen aber exemplarisch, vor welcher gewaltigen Herausforderung die modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften stehen, wenn sie den Klimawandel stoppen wollen.

Mit dem Beschluss des Stadtparlaments vom September 2019 steht das Stoppschild in Gießen im Jahr 2035. Bis dahin müssten 640 000 Tonnen Kohlendioxid, die 2019 durch Gebäude, Industrie und den Straßenverkehr auf dem Territorium der Stadt noch emittiert wurden, verschwunden sein. Die volkswirtschaftlich bilanzierten Kosten dieser Reduktion würden sich auf über 5,35 Milliarden Euro summieren.

Diese Zahlen stammen aus dem Bericht "Klimaneutrales Gießen 2035", den der Magistrat soeben vorgelegt hat und der am Montagabend in einer Bürgerinformationsveranstaltung im Atrium des Rathauses erstmals vorgestellt wurde. Im Anschluss befasste sich der parlamentarische Hauptausschuss mit der 140-seitigen Ausarbeitung und einem Antrag des Magistrats, "Startmaßnahmen" zur Umsetzung des Klimaziels 2035 einzuleiten.

In dem Bericht, der weitgehend von der Kasseler Klima- und Energieeffizienzagentur (KEEA) im Auftrag der Stadt erarbeitet wurde, wird mehr als deutlich, dass das lokale Gießener Klimaziel nicht erreicht werden kann, wenn die gesetzgebenden Ebenen darüber, das Land Hessen und die Bundesrepublik Deutschland, ihre Klimaziele nicht ebenfalls um 15 Jahre von 2050 auf 2035 vorverlegen. Vorausgesetzt, die Maßnahmen von Land und Bund greifen, um in 30 Jahren klimaneutral zu sein, würde Gießen im Jahr 2035 bei einer 60-prozentigen CO2-Reduktion stehen. "Das reicht nicht aus", heißt es in dem Klimabericht.

Die Bedeutung der Rahmenbedingungen für die örtliche Klimaschutzpolitik machte auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in einem Vorgespräch zu dem Klimabericht deutlich. "Gießen ist keine Insel und von der Welt abhängig. Wir können dieses Ziel nicht alleine stemmen", sagte die SPD-Rathauschefin.

Immerhin sieht sich der Magistrat in einer besseren Ausgangsposition als die meisten vergleichbaren Städte und der Bund. Mit einem Pro-Kopf-Ausstoß von 7,1 Tonnen CO2 im Jahr 2019 stehe Gießen vergleichsweise gut da. "Wir fangen nicht bei Null an", betonte Grabe-Bolz.

Das bedeutet aber auch, dass Gießen in den letzten 30 Jahren - das Bezugsjahr ist 1990 - "nur" etwa 30 Prozent der C02-Belastung abgebaut hat und innerhalb der nächsten 15 Jahre die restlichen 70 Prozent reduzieren müsste.

Was das heißen könnte, wird in einigen Szenarien in dem Bericht dargestellt. Um das Ziel 2035Null im Bereich der energieeffizienten Gebäudesanierung zu erreichen, müsste sich zum Beispiel die Zahl der Handwerker verzehnfachen. Der Radverkehrsanteil an den gefahrenen Personenkilometern müsste von 2,9 Prozent im Jahr 2014 auf fast 37 Prozent in 2035 steigen. Im gleichen Zeitraum müsste der Anteil der in Gießen gefahrenen Pkw-Kilometer von gut 81 auf knapp 20 Prozent sinken.

Der Magistrat verschweigt nicht, wo es Hemmnisse gibt und wo Rücksicht auf die wirtschaftliche Realität der Stadt zu nehmen ist. Bei der Gebäudesanierung sind das Denkmalschutz und sozialverträgliche Mieten, zum Thema Verkehr heißt es: "Es ist darauf zu achten, dass Gießen Einkaufsstadt und Pendlerstadt ist." Klar ist aber auch: Nichtstun ist auch ökonomisch keine Alternative angesichts von Umweltkosten in Höhe von 164 Milliarden Euro, die durch Treibhausgase 2016 in der Bundesrepublik entstanden seien.

Der Bericht enthält den Appell, sich von den Zahlen zu lösen, auf einen "Wandel in der Perspektive" hinzuarbeiten und die Klimadebatte als "politischen, gesellschaftlichen und auch persönlichen Wendepunkt" zu begreifen.

Ob das Ziel Gießen 2035Null weiterverfolgt wird, muss das Stadtparlament am 24. September entscheiden. Denn ohne Bewilligung des "Startbudgets" in Höhe von 500 000 Euro, das der Magistrat für den Haushalt 2021 beantragt hat, ist der Parlamentsbeschluss vom September 2019 praktisch gegenstandslos.

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