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Die Demo-Teilnehmer machen sich bei ihrem Marsch durch die Innenstadt lautstark bemerkbar.

Klima-Demo bremst Autos aus

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Für das Klima ist es fünf vor zwölf. Das war auch bei der vierten Gießener Auflage von "Fridays for Future" immer wieder zu hören. Für den Autoverkehr wurde es am Freitag um viertel nach zwölf problematisch. Danach war rund um den Berliner Platz für eine Viertelstunde Stillstand angesagt.

Zwischendurch brandete Beifall von außen auf. Als der Demonstrationszug unter dem Motto "Fridays for Future" gegen 11.45 Uhr an der Westanlage die Goetheschule passierte, empfingen die Grundschüler die Aktivisten mit lautem Jubel. Nicht ganz so viel Verständnis zeigten manche Autofahrer, die den Marsch für ein besseres Klima mit einem Hupkonzert begleiteten. "Ihr könnt auch Fahrrad fahr’n, ihr könnt auch Fahrrad fahr’n", riefen ihnen die Demonstrationsteilnehmer zu, deren Zahl von den Organisatoren mit bis zu 1800 angegeben wurde, die Polizei sprach von rund 600 Demonstranten.

Zwei Gruppen hatten sich am Vormittag in Bewegung gesetzt. Von der Gesamtschule Gießen-Ost aus ging es über Schiffenberger Weg und Ludwigstraße zum Elefantenklo und weiter zum Oswaldsgarten. Dort trafen Schüler und Studenten auf den zweiten Zug, der sich am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium in Bewegung gesetzt hatte und über Sudetenlandstraße, Marburger Straße und Nordanlage das Neustädter Tor erreichte.

Im Gespräch mit dieser Zeitung verrieten einige der Teilnehmer, welche Verbesserungen sie sich über die globalen Klimaziele hinaus speziell für Gießen wünschen. "Wir brauchen mehr und breitere Radwege", war von sämtlichen Befragten zu hören, auch von Merise und Aliyah. Die Liebigschülerinnen versuchen, sich auch in ihrem Alltag klimaschonend zu verhalten. "Wir vermeiden die Nutzung von Plastik und fahren möglichst viele Strecken mit dem Rad", sagen die beiden Neuntklässlerinnen.

"Gießen autofrei" wird nicht nur während des Demonstrationszuges immer wieder skandiert, es ist auch ein Wunsch, den zwei Ostschülerinnen im Gespräch äußern. "Die Innenstadt sollte nur für Busse und Fahrräder freigegeben werden", lautet die Forderung der beiden Neuntklässlerinnen, die sich auch in den Sommerferien an Klimazielen orientieren. "Wir fliegen ganz bewusst nicht in den Urlaub", bekräftigen beide. Eine der Jugendlichen fährt samt Familie mit dem Zug in die Nähe von München, die andere plant ihre Sommerferien an der holländischen Nordseeküste.

Einer der ältesten Demo-Teilnehmer ist Klaus Weißgerber. Der evangelische Stadtkirchenpfarrer ist mit dem Rad auf den Berliner Platz gekommen und macht aus seiner Unterstützung für "Fridays for Future" keinen Hehl. 30 Jahre lang habe man es mit Appellen in Richtung Politik versucht - ohne großen Erfolg. "Jetzt ist es Zeit zu handeln", freut sich Weißgerber über das Engagement der jungen Leute, das auch von der Kirche mitgetragen wird. "Das Motto des diesjährigen Stadtfest-Gottesdienstes heißt Gießen für Future", verriet der Pfarrer und forderte im gleichen Atemzug mehr Engagement von der Stadtpolitik. "Am Stadtradeln nehme ich in diesem Jahr bewusst nicht teil. Da geht es nur darum, wer die meisten Kilometer macht. Ansonsten kommt nicht viel." In Gießen werde der Autoverkehr nach wie vor "absolut priorisiert". Grundsätzlich brauche man eine bessere und attraktivere Infrastruktur für Radler. Notwendig sei ein "radikales Umdenken". Als Beispiel für einen städtischen Betrieb, bei dem ein Umdenken eingesetzt hat, nannte Weißgerber die Stadtwerke. Hier werde nicht nur auf eine umweltfreundliche Busflotte gesetzt, der Pfarrer verwies auch auf die Müllverbrennung, aus der Fernwärme gewonnen werde.

Die Forderung nach einem Ausbau des Radwegenetzes in Gießen kam auch von studentischen Demo-Teilnehmern. Autos und Busse der kommunalen Fahrzeugflotte sollten zudem möglichst schnell auf Elektroantrieb oder auf Brennstoffzelle umgestellt werden, regten der Politikwissenschaftler David und Lehramtsstudent Adrian an.

Manche Beobachter der Kundgebung signalisierten grundsätzliche Unterstützung für die Aktivitäten der Schüler und Studenten, forderten aber mehr persönliches Engagement für das Klima. "Mein Enkel fliegt regelmäßig nach Kambodscha, Neuseeland und in die USA", sagte eine 78-jährige Passantin und deutete auf ihr persönliches Verkehrsmittel. "Ich fahre immer mit dem Rad."

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