Kleintierklinik Gießen

Kleintierklinik Gießen: Serie der Pannen scheint nicht abzureißen

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Acht Jahre nach dem Baubeginn ist die Kleintier- und Vogelklinik der Universität Gießen immer noch nicht bezugsfertig. Frühestens im Herbst soll sie eröffnen. Die Verzögerung geht ins Geld.

Der Bauzaun ist weitgehend abmontiert. In einigen Räumen brennt Licht, hinter Fenstern sind Stühle-Stapel zu erkennen. Eigentlich sieht die neue Kleintier- und Vogelklinik der Justus-Liebig-Universität fast bezugsfertig aus. Doch ihre Eröffnung verzögert sich erneut deutlich. "Zum Wintersemester 2019/20" sei der Start derzeit vorgesehen, teilt der Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH) mit, ohne diese Angabe auf GAZ-Nachfrage zu präzisieren. Das heißt: Frühestens im Oktober können die Veterinärmediziner und ihre Kunden aufatmen. Zuletzt hatte die Behörde die Eröffnung für Februar2019 in Aussicht gestellt.

"Derzeit wird noch eine technische Nachrüstung in einzelnen Abschnitten der Lüftungsanlagen vorgenommen", erklärt eine LBIH-Sprecherin. Im Probebetrieb – der ansonsten "zufriedenstellend" verlaufen sei – habe sich gezeigt, dass diese Nachbesserung im Sinne des Tierwohls nötig sei, um auch in der Sommerzeit in sensiblen Bereichen konstante Temperaturen garantieren zu können. Die Sprecherin betont erneut, es handle sich bei dem Neubau "um ein technisch hochkomplexes Spezialgebäude. Planung und Bau sind mit besonderen Herausforderungen verbunden."

Für die Universität wird das teuer. Die Kostenschätzung des LBIH beläuft sich auf 86 Millionen Euro. Dieselbe Summe hatte die Behörde vor vier Monaten genannt, als von einer neuerlichen Nachrüstung noch keine Rede war. Ursprünglich war der Bau in der Frankfurter Straße 114 mit 66 Millionen veranschlagt worden.

Die Bauarbeiten begannen im Frühjahr 2011 mit hohen Erwartungen. Allerlei Tiere von der Katze bis zum Papagei sollen in der weltweit vorbildlichen Klinik nach modernsten Methoden behandelt werden. Beim Richtfest im Oktober 2012 freuten sich die Redner über "fantastische" Fortschritte, die wahrscheinliche Eröffnung im Jahr 2014 und die Einhaltung des Budgets.

Doch damals stand erst der Rohbau. Die Prüfsteine bei einem solch komplexen Spezialbau sind Innenausbau und Technik. Und da ging in den Folgejahren vieles schief. Ein Hauptproblem: Das Planungsbüro für den Bereich Heizung, Klima, Lüftung und Sanitär arbeitete so schlecht, dass ihm 2013 gekündigt wurde.

Auch das nach schwieriger Suche beauftragte zweite Unternehmen erwies sich als ungeeignet. Der weitere Wechsel 2015 kostete erneut Geld und Zeit. Der abgestimmte Personaleinsatz der Unternehmen geriet durcheinander. Auf EU-Ebene wurden währenddessen neue Haltungsbedingungen für verschiedene Tierarten vorgeschrieben. Unter anderem erwiesen sich eingebaute Rohrnetze als zu klein für die inzwischen gestiegenen Anforderungen und mussten komplett ersetzt werden.

LBIH baut, Universität zahlt

Hinzu kamen peinliche Pannen. So mussten etliche Käfige herausgerissen und ersetzt werden. Eine Metallbaufirma hatte statt Edelstahl zunächst verzinkte Exemplare installiert. Die könnten für Tiere gefährlich werden, wenn sie an den Stäben lecken oder knabbern. Im vergangenen Jahr wurden schließlich Keime in den Wasserleitungen entdeckt, die aufwendige Desinfektionsmaßnahmen erforderten.

Bezahlt wird der Neubau aus dem JLU-Budget im Landes-Hochschulinvestitionsprogramm Heureka. Die Universität erhält für die Mehrkosten kein zusätzliches Geld, sondern muss anderswo einsparen. Es werde kein größeres Projekt komplett gestrichen, sondern der Sanierungsstau könne noch langsamer abgebaut werden als erhofft, heißt es dort. Es sei zweifelhaft, ob Regressforderungen des Landes an die für Pannen verantwortlichen Unternehmen Erfolg versprechen.

Ist die Kleintierklinik ein Beispiel für Systemfehler bei öffentlichen Bauaufträgen? Jedenfalls berge es Probleme, dass eine Behörde verantwortlich für den Bau ist, den eine andere bezahlt und nutzt, sagten Fachleute der GAZ. Außerdem habe man wenig Spielraum bei der Auswahl der Firmen, die sich auf eine Ausschreibung hin beworben haben.

Das LBIH verweist allgemein auf die schwierige "Koordinierung der anspruchsvollen technischen Anforderungen an die tierwohlbedingten Klimaverhältnisse". Auch die seit Jahren konjunkturbedingt sehr hohe Auslastung der Baufirmen habe zu den wiederholten Verzögerungen beigetragen.

Zusatzinfo

Der ganze Fachbereich Tiermedizin wartet darauf

Marode Gebäude, fehlende Parkplätze und eine Dauerbaustelle in der ohnehin beengten Nachbarschaft: Der ganze Fachbereich Tiermedizin wartet seit Jahren sehnsüchtig auf die Fertigstellung der Kleintier- und Vogelklinik und der Tiefgarage darunter. Die alte Kleintierklinik gehört zu den Anlaufstellen, die externe Patienten am häufigsten nutzen. Sie befindet sich laut der JLU in einem bedauerlichen Zustand. Die Vogelklinik musste bereits dem Neubau Fleischhygiene weichen und haust derzeit in einem eigentlich zu kleinen Interimsdomizil.

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