Kleinlinden

Kleinlinden nun mit eigenem Wappen

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In "Linnes" haben die Feierlichkeiten zu 750 Jahre Ersterwähnung des heutigen Gießener Stadtteils begonnen.

Nach einem Dreivierteljahrtausend wird es auch höchste Zeit. Böse Zungen sagen, fast jedes Kaff habe inzwischen sein eigenes Wappen. Nur dem stolzen "Linnes" fehlte bislang eines. Das heißt, in Wahrheit präsentierten Gerd Zörb von der Vereinsgemeinschaft und der Gestalter Lutz Steinmüller am Sonntag in der Kleinlindener Kirche schon das zweite Wappen für ihren Stadtteil.

Sein Vorgänger war aber ebenso unbekannt wie fehlerhaft: Schlägel und Eisen verbanden Linnes darauf mit dem Bergwerk in Linden. Ein unhaltbarer Zustand, dem bei der Eröffnungsfeier für das Jubiläumsjahr zu 750 Jahren Ersterwähnung Kleinlindens nun ein Ende gesetzt wurde.

Das Wappen, das von der Vereinsgemeinschaft und vom Ortsbeirat benutzt werden darf, bekomme "einen würdigen Platz im Bürgerhaus", versprach Ortsvorsteher Dr. Klaus Dieter Greilich. Es zeigt zwei Backschießer als Wahrzeichen und Spitznamen des Ortes, einen Lindenbaum für den Namen, das Wappen Gießens sowie die stilisierte Lahn, über deren Grenzen Linnes hinausreicht. Verewigt sind also vier prägende Merkmale – und damit viel zu wenige, wie die Feier offenbarte.

"Geschichte, Potenzial und Lebensqualität" bescheinigte etwa Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz dem 1939 eingemeindeten Stadtteil. Dass der heute 4733 Einwohner zählende Ort vor 80 Jahren seine Autonomie verlor, solle man nicht als Makel sehen: "Die Aufgabe von Selbstständigkeit muss nicht einhergehen mit dem Verlust von Selbstbewusstsein."

In diesem Sinne lieferten die Redner jede Menge Gründe für Linneser Patriotismus. Ekkehard Landig betonte, wie auch die Oberbürgermeisterin, das vielfältige gesellschaftliche Engagement. Um Kleinlinden zusammenzuhalten, wünschte sich der Pfarrer "genaues Hinschauen" und "eine Wertschätzung der Vielfalt". Ferner brauche man "andere Formen von Vernetzung", beginnend in der Nachbarschaft, und Offenheit statt Abgrenzung.

Blick in die Geschichte

Stefan Prange und Dr. Ludwig Brake schauten indes auf die Geschichte. Ersterer stellte den Gästen mit "Konrad de Lindehe" sozusagen ihren eigenen Ahnherren vor. Jener Gießener Bürger schloss am 13. Dezember 1269 nämlich einen Pachtvertrag mit dem Wetzlarer Stift – und sorgte nebenbei für die urkundliche Ersterwähnung des heutigen Kleinlinden.

Was in der mittelalterlichen Quelle als Beiname auftaucht, lernte Brake erst Jahrhunderte später kennen. Seine ältesten Eindrücke vom Ort fasste der Historiker in einen Dreiklang: "Die Straße, die Bahn und die Autobahn". Heute wisse er freilich deutlich mehr über Linnes, schob der Leiter des Stadtarchivs rasch hinterher. Sobald Ende Mai die Festschrift zum Jubiläumsjahr vorliege, könne sich jeder selbst überzeugen, "dass Kleinlinden auch historisch gesehen eine eigene Identität entwickelt hat". Mehr als 70 Artikel garantieren dies, von den frühesten Erwähnungen bis zur "Linneser Streetart" reichen die Themen.

Von exakt 82 Baulücken berichtete Dr. Holger Hölscher, der Leiter des Stadtplanungsamtes. Er gratulierte aus Sicht des Raumplaners – mit reichlich Zahlen, Daten, Fakten. So finde man in Kleinlinden relativ viele Ein- oder Zwei-Personen-Haushalte, aber eher wenige Bewohner zwischen 18 und 24 Jahren. Die soziale Infrastruktur sei "sehr gut", wenngleich "nicht allzu viele Identifikationsorte" existierten. Insgesamt sei "Linnes" allerdings ein attraktiver Wohnort – und wegen der fast optimalen Frischluftzufuhr zudem "recht gut durchlüftet".

Für die musikalische Umrahmung der Feier sorgten der Kirchenchor und der Posaunenchor des Stadtteils. In den kommenden Monaten folgen etliche weitere Veranstaltungen rund um 750 Jahre Ersterwähnung, darunter ein Festwochenende am 24. und 25. August sowie eine Feier im Bürgerhaus am 14. Dezember. Dass dieses Fest einen Tag zu spät steigt, hat laut Dr. Gerd Steinmüller (Orts- und Vereinsarchiv) einen denkbar banalen Grund: "Am 13. war das Bürgerhaus schon lange vergeben."

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