Erika und Bernd Westbrock schließen das 1901 gegründete Papier- und Schreibwarengeschäft im Ortskern von Wieseck am Ende des Monats. Demnächst beginnt der Räumungsverkauf. FOTO: MAC
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Erika und Bernd Westbrock schließen das 1901 gegründete Papier- und Schreibwarengeschäft im Ortskern von Wieseck am Ende des Monats. Demnächst beginnt der Räumungsverkauf. FOTO: MAC

Keine süßen Tütchen mehr

Kleiner Laden in Gießen-Wieseck schließt - lange Tradition endet

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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Generationen von Wieseckern haben bei "Rau’s Gretche" Schulhefte und Füllfederhalter gekauft. Obwohl der kleine Laden seit 1981 von Bernd und Erika Westbrock geführt wird, hat sich der Ortsname gehalten. Dass die Papeterie jetzt schließt, ist das Ende einer fast 120-jährigen Tradition.

Um seinen Weg zur Arbeit ist Bernd Westbrock zu beneiden. Er muss morgens nur die Treppe hinabsteigen, durch eine Tür treten und schon steht er in seinem Reich. Inmitten von Zeitungen und Zeitschriften, Glückwunschkarten und Geschenkartikeln, Zigaretten und sauren Zungen. In der "Papeterie Westbrock", die der gelernte Großhandelskaufmann für Papier- und Schreibwaren seit 1981 gemeinsam mit seiner Frau Erika in der Alten Schulstraße im Gießener Stadtteil Wieseck betreibt, fühlt er sich wohl. Der kleine Laden ist sein Zuhause. Den Lichtschalter findet Bernd Westbrock blind, wenn er Tag für Tag, außer sonntags, morgens um 5 Uhr damit beginnt, die angelieferten Zeitungen auszupacken. "Das gehört einfach dazu, ich hätte mich nie darüber beschwert", sagt der 67-Jährige.

Für das Gespräch, in dem es um die Schließung der Papeterie zum 26. September gehen soll, hat Bernd Westbrock die Mittagspause gewählt. Es wäre ihm wohl nie in den Sinn gekommen, solch einen Termin in die Öffnungszeiten des Ladens zu legen, obwohl er später auch erzählen wird, dass er froh ist, dass die Warterei auf Kundschaft bald vorbei ist. Es ist halt weniger geworden. 30 Bild-Zeitungen statt 200. Alle 14 Tage mal eine Bravo, "früher gingen die stoßweise, 80 bis 90 in der Woche", sagt seine Frau. Sie winkt ab. Dass Bernd Westbrock auch in der Mittagspause ein goldenes Schild mit seinem Namen darauf an der Brust trägt, ist ein weiterer Beweis dafür, mit welcher Ernsthaftigkeit und Akribie er das Geschäft fast 40 Jahre lang geführt hat. Kaum Urlaub. Immer ansprechbar. Immer ein offenes Ohr. Ob es um Fragen zum Warenangebot ging, um ausgefallene Sonderwünsche oder bloß darum, mal ein Schwätzchen zu halten. "Vom Sortiment geht nichts verloren, das gibts’s doch mittlerweile fast überall, aber die Gespräche werden fehlen. Wir haben zugehört, wenn manche Kunden auch nur mal ihren Schmerz loswerden wollten", sagt er dann.

Im Jahr 1901 hatte der Wiesecker Adolf Rau das Geschäft für Papier- und Schreibwaren, Schulbücher und Zeitschriften gegründet. Drei Generationen, darunter auch Gretchen Rau, die dem Laden den noch heute gängigen Ortsnamen "Rau’s Gretche" gegeben hat, sorgten dafür, dass am Ende der "Wassergass" nicht nur ein Geschäft, sondern ein Stück Wieseck entstand. Der Laden wurde erweitert, es entstand ein Fensterverkauf. Und 1981 übernahmen die Westbrocks.

"Seither gilt unser besonderes Interesse unseren Kunden", sagt Bernd Westbrock heute und nennt damit einen Grund, warum es gelang, "unseren 40-Quadratmeter-Laden so lange am Leben zu halten". Mit Service, Qualität und einem Händchen für die Produkte haben sich die Westbrocks über Wasser gehalten.

Der Grund für das Ende ist das Alter. Beide haben die Rentenansprüche erfüllt. "Es war immer unser Ziel, es bis zur Rente zu schaffen", sagt Bernd Westbrock. "Das haben wir wirklich gut hingekriegt, aber jetzt ist auch der richtige Zeitpunkt." Sie machen keinen Hehl daraus, dass es wirtschaftlich nicht mehr läuft wie früher. Nicht nur die Bravo und die Bild werden weniger nachgefragt. Parkplätze sind weggefallen, Lottospieler sterben aus, der Fahrkartenverkauf verlagert sich ins Internet, auch der Sperrmüll wird mittlerweile digital angemeldet. "Es sind viele Dinge, die darauf hingewirkt haben, dass es weniger wird." Eine Übergabe des Geschäfts an den Sohn war kein Gedanke wert. Demnächst wird das Schaufenster zugemauert. Es entsteht Wohnraum.

Spätestens dann werden auch die Wiesecker Schulkinder realisieren, welch Verlust das Aus für "Rau’s Gretche" ist. Vor der Schule gibt’s dann keine neuen Hefte mehr, wenn das alte plötzlich vollgeschrieben ist, und danach kein süßes Tütchen. "Das war Kult", sagt Erika Westbrock. Auch sie wird den Anblick der Kinder vermissen, die mit großen Augen an der Theke beobachten, dass Cola-Fläschchen, saure Zungen, blaue Schlümpfe, bunte Schlangen und weiße Mäuse auch ja in das Papiertütchen wandern. Wo gibt’s jetzt noch süße Tütchen?

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