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Die zwölf Zeichnungen von Barbara Camilla Tucholski sind als Gruppe im Museum gehängt.

Kleine Gärten des Glücks

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Ihre Zeichnungen hängen im Frankfurter Städel, in der Wiener Albertina und nun auch im Gießkannenmuseum. Barbara Camilla Tucholski zeigt im Museum in der Sonnenstraße zwölf Zeichnungen aus ihrer Reihe »Die kleinen Gärten des Glücks« und wird auch zur Vernissage am Sonntag anwesend sein.

Wer kitschige Schrebergartenromantik und Postkartenidylle erwartet, der täuscht sich. Barbara Camilla Tucholski zeigt die Lebenswirklichkeit in ihren Zeichnungen in radikal konzentrierter Form, reduziert auf das Wesentliche. Und so bestehen ihre »Kleinen Gärten des Glücks«, die sie ab Sonntag im Gießkannenmuseum im Rahmen der Kunstreihe »Freifläche« zeigt, aus schnell mit Bleistift skizzierten Linien und Konturen. Wer von weiter weg schaut, nimmt die Linien als sehr zart und die Zeichnungen als sehr leer wahr. Doch wer näher herantritt, entdeckt in jeder von ihnen eine kleine Welt für sich.

Der Garten als Rückzugsraum

Ein Zaun, eine Schaukel, fast blattlos wirkende Bäume, Stromleitungen über der kleinen Idylle und immer wieder kleine Gartenhütten - alles ist da. »Die Bauwerke sind fast nichts, aber doch ist alles drin«, schwärmt Ingke Günther vom Gießkannenmuseum gemeinsam mit Jörg Wagner am Freitag beim Hängen der Zeichnungen. Die beiden haben die Künstlerin 2011 bei einer Ausstellung in Siegen kennengelernt, und wollten sie schon Anfang 2020 im Gießkannenmuseum ausstellen. Die Corona-Lockdowns haben es hinausgezögert. Doch nun klappt es endlich.

Barbara Camilla Tucholskis Zeichenstil ist unverwechselbar und zeigt ihre ganz eigene Sicht der Dinge. Sie dehnt die Räume, biegt die Perspektiven, alles entsteht im Moment, wird nachher nicht mehr nachgebessert. Und nichts weggelassen, denn ein Blatt führt zum nächsten und ist Teil eines zeichnerischen Gesamtwerks, das mit dem Moment der Wiederholung in stetiger Bewegung arbeitet. So hat Tucholski beispielsweise schon einmal eine Frau beim Sterben begleitet. Entstanden sind dabei 700 Zeichnungen, die den Übergang vom Leben zum Tod zeigen. Mit wenigen Strichen schafft sie Bilder, die berühren - vielleicht gerade weil sie so auf das Allernötigste reduziert sind.

Tucholski hat die Kunstakademie Düsseldorf besucht, Kunstgeschichte studiert und lehrte bis 2013 als Professorin an der Universität Kiel. Sie interessiert sich für zwei große Themenfelder - die Auseinandersetzung mit dem Menschenbild von der Jugend bis zum Alter und Raumansichten. Häuser, Straßenzüge, Zimmer, Flure, Treppen oder eben auch Gartenräume fängt sie in zeichnerischer Verknappung ein, und biegt und dehnt ganz eigensinnig die Perspektive.

Tucholskis Affinität zu Gärten reicht dabei bis in ihre Kindheit zurück. 1947 als Flüchtlingskind in Loitz an der Peene geboren, zog sie mit ihren in der Gastronomie arbeitenden Eltern immer wieder um. Ein herrenloses Grundstück voller Unkraut sah sie als ihren Garten an. Er wurde für das Kind zu einem Anker in der Welt.

Eine Art Ankerplatz sind auch die Gärten in ihren Zeichnungen. Viele sind bei Streifzügen in Loitz, Rostock oder Schönberg entstanden. »Mir ging es um die Vielfalt dieser Gevierte, um die Spannung der sowohl anonymen als auch höchst privaten Parzellen«, lässt sie sich zitieren. Tucholski habe im Stehen gezeichnet, eingefangen, was auf sie wirkt, berichtet Günther. Die Bewegung des Oberkörpers beim Zeichnen und Schauen sei in ihnen abzulesen.

Alle zwölf im Gießkannenmuseum ausgestellten Zeichnungen verbindet der Bildgegenstand einer minimalen Behausung. Kleine Datschen, Gartenhäuschen oder budenartige Geräteschuppen stehen für den Garten als Rückzugsraum. Sie erzählen von einem Leben mit beschränkten Mitteln - aber auch vom Gefühl von Glück und Freiheit, das sich die Menschen hier geschaffen haben. FOTO: GALERIE W. KLEIN

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