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Freia Meyer bei der Abschiedsfeier am 29. Juni 1996. FOTO: DKL

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Die "Kleine Freiheit" hatte viele Seiten

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Der Buchladen Kleine Freiheit war für viele Studierende in den Achtzigern eine feste Anlaufstelle. Auch er ist in der aktuell nicht zu sehenden Ausstellung "Feuer und Flamme für Gießen" Thema, die im Alten Schloss die Bewegungen dieses Jahrzehnts anhand von Plakaten zeigt.

Für viele Studierende der 80er Jahre gehörte der Buchladen "Kleine Freiheit "einfach dazu. Vom Philosophikum kommend fuhr man auf geradem Weg in die Innenstadt daran vorbei. Der kleine Laden in der Bismarckstraße war auch ein Treffpunkt der alternativen Szene. Hier erhielt man kompetente Beratung und alle gewünschten Publikationen, vom Krimi über Frauenthemen bis zur studienrelevanten Fachliteratur, auch einige der damals beliebten, da preiswerten DDR-Bücher.

Da nichts verramscht wurde, entwickelte sich das Sortiment zur Fundgrube für Studierende der Gesellschaftswissenschaften. Möglich war das Blättern in gesellschaftskritischen Büchern und Zeitschriften, die der "normale" Buchhandel nicht führte. Das war der zentrale Beweggrund, warum in vielen Städten solche Buchhandlungen gegründet wurden. Der Buchladen Kleine Freiheit in Gießen startete im November 1976, es war eine Übernahme des Mabula (Marxistischer Buchladen). Die 28 Gesellschafter der GmbH ernannten die Buchhändlerin Freia Meyer zur Geschäftsführerin. Der Name "Die Kleine Freiheit" wurde gegeben in Anlehnung an das Münchener Kabarett der Nachkriegszeit, erinnert sich Freia im Gespräch.

Solidaritätsfeten im Audimax

Da auch die Schulden des Mabula quasi mitübernommen wurden, kam "Die kleine Freiheit" eigentlich nie aus den Schulden heraus. Die Angestellten verdienten kaum den Mindestlohn. Es gab immer wieder Aufrufe die "Kleine Freiheit" zu unterstützen, Solidaritätsfeten im Audimax wurden organisiert, was auch kurzfristig half. Selbst in einem solchen Laden zählte das Klauen (vor allem teurer Bücher) zur traurigen Erfahrung für die Buchhändlerinnen. Daran änderten auch die aufgestellten Schilder mit dem Appell "Bitte laßt das Klauen sein!" nichts.

Die meiste Zeit haben dort Frauen gearbeitet, immer solidarisch: gleiche Arbeit, gleiches Gehalt. Das war für Freia Meyer grundlegend. Ihr ist auch die Gießener Besonderheit zu verdanken, dass nie das Bedürfnis entstand, einen spezialisierten Frauenbuchladen zu eröffnen. Sie führte alles, was das feministische Herz begehrte, vom Frauenkalender über Belletristik bis zur wissenschaftlichen Literatur. Auch hatte sie ein "phänomenales Gedächtnis" und konnte dadurch bei der Suche nach einem passenden Geschenk sagen, ob die zu Beschenkende dieses Buch womöglich schon hatte. An dieses charmante Detail erinnert sich Ursula G.T. Müller, Studentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Gießen, in ihrem Erinnerungsbuch "Die Wahrheit über lila Latzhosen" (Psychosozial-Verlag, Gießen 2004).

Verkauft wurden auch Karten für alternative Veranstaltungen, damals vom AStA organisiert, und der Laden hatte eine wichtige Stimme bei Diskussionen der damaligen Zeit, die auch mal öffentlich in der Statt-Zeitung "Elephantenklo" geführt wurden. Ein Prozess gegen die Kleine Freiheit wegen §129a: Vertrieb von Druckerzeugnissen (gefunden wurden fünf Ausgaben einer Zeitschrift), die wegen ihrer politischen Ansichten unter Strafe standen, beendete das Oberlandesgericht Frankfurt 1987 mit Freispruch.

Ihren 20sten Geburtstag erlebte die Kleine Freiheit nicht mehr. Ende Juni 1996 wurde der Buchladen geschlossen, zur Abschiedsfeier vor fast leeren Regalen kamen nur noch Frauen aus dem Bekanntenkreis. In dieser Zeit gerieten auch andere Buchhandlungen ins Schwimmen, die überregionale Zentralisierung hatte längst begonnen.

Die Sonderausstellung "Feuer und Flamme für diese Stadt" wird bis auf Weiteres nur online einsehbar sein. Einen virtuellen Rundgang gibt es auf www.giessen.de. Auch über Facebook und Instagram werden Themen der Schau aufbereitet. Die Ausstellung im Alten Schloss, wo über die Sommermonate Sanierungsarbeiten anstehen und das auch deshalb nicht öffnen kann, wird bis in den Oktober hinein verlängert. Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch hofft, dann auch das Begleitprogramm mit Diskussionsformaten und Rundgängen zur Schau anbieten zu können - notfalls auch im Digitalen.

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