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Klaus Hass ist viel mit seinem Rennrad unterwegs, aber Mußestunden mit Buch kann er auch.

Mensch, Gießen

Klaus Hass: Ein Gießener mit Mut zu neuen Wegen

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Er ist Wahl-Gießener und mag die Stadt. Dennoch stellt sich Klaus Hass eine lebenswerte Umgebung anders vor. Ohne massenhaft Autos. Dafür engagiert sich der 74-Jährige. Zudem ist er im Hospizdienst und im »Forum Alter und Jugend« aktiv. Dinge, die ihm wichtig sind, packt er an - unaufgeregt und ohne viel Gewese um sich zu machen.

Wenn Klaus Hass mit dem Fahrrad unterwegs ist, führt ihn sein Weg manchmal auch durch das Europaviertel. Er kennt dieses Areal sehr gut, denn in den 90er Jahren gehörte er der Planungsgruppe des Frankfurter Unternehmens Nassauische Heimstätten an, die das Gebiet der ehemaligen Steubenkaserne in einen Gewerbe- und Dienstleistungsstandort verwandelte. »Das war ein spannender Prozess«, erinnert sich der 74-Jährige.

Stadtplanung ist ein Thema, das ihn schon seit Jahrzehnten interessiert: Wie können Menschen ihren Wohn- und Lebensraum so gestalten, dass sie sich wohl fühlen? Jedenfalls nicht, indem der motorisierte Verkehr Prioriät hat und die Innenstadt voller Autos ist, sagt Hass. Weil er es wichtig findet, dass in den Städten Alternativkonzepte entstehen, engagiert er sich in der Agendagruppe »Nachhaltige Mobiltät«. Ihn regt es auf, wenn Bürger auf ihr vermeintliches Recht beharren, möglichst bis zum Seltersweg oder den Wochenmarkt mit dem Auto fahren zu dürfen.

Gleichzeitig ist er nicht so radikal, Autos komplett verbannen zu wollen. Er besitzt selbst ein Auto und benutzt es auch - aber eben nicht für Wege, die man auch zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen kann. Hass vertritt seine Meinung offensiv und deutlich, aber er ist keiner, der mit Schaum vor dem Mund keine anderen Positionen zulässt. Das würde sich auch mit seinen anderen Aktivitäten nicht gut vertragen. Er ist in Wetzlar ehrenamtlicher Hospizbegleiter und kommt dabei mit Menschen in ihrer letzten Lebensphase ins Gespräch. »Ich kann gut zuhören«, sagt er. Zudem engagiert er sich im »Forum Alter und Jugend«. Dort organisiert er - in Nicht-Coronazeiten - Exkursionen zu Ausstellungen, in interessante Städte oder Museen, bis vor einiger Zeit war er auch im Vorstand aktiv.

Aktiv ist Hass auch in sportlicher Hinsicht. Abgesehen vom täglichen Radeln in der Stadt wandert er gerne und ist viel mit dem Rennrad unterwegs, früher hat er auch an Triathlon-Wettkämpfen teilgenommen. Die Zeiten sind vorbei, doch Bewegung ist ihm noch immer wichtig. Das ist übrigens die einzige Leidenschaft, die er mit seiner Frau Heike nicht teilt. Während er es ohne Sport nicht lange aushält, mag sie es gerne bequem. Sorgt dieser Gegensatz nicht für Konflikte? »Nein«, sagen beide mit großer Bestimmtheit. Als sie sich vor acht Jahren zusammentaten, beschlossen sie, sich in ihrem gemeinsamen Leben nicht gegenseitig erziehen zu wollen. Das ist bekanntlich leichter gesagt als getan, klappt im Hause Hass aber wunderbar.

Wunderbar, das ist übrigens auch das Wort, was ihnen zu ihrer spät (wieder)entdeckten Liebe einfällt: Klaus und Heike kannten sich bereits mit Anfang 20, sie verbrachten Anfang der 70er Jahre einen Frankreich-Urlaub miteinander, doch danach verloren sie sich aus den Augen. Bis sie sich 2013 bei einem gemeinsamen Freund in Norddeutschland wiedertrafen und erneut ineinander verliebten. »Es ist eine Seelenverwandtschaft«, sagt sie. »Ein großes Glück«, sagt er. Also eine richtig romantische Liebesgeschichte? »Auf jeden Fall«, sagen beide.

Dazwischen lag ein Leben mit vielen Höhen und Tiefen. Berufsfindung, Heirat, Familiengründung, Kindererziehung, Scheidung, Ruhestand.

Doch der Reihe nach. Klaus Hass ist in Bochum geboren und aufgewachsen, ein bisschen hört man den Ruhrpott noch durch - und auch das Naturell passt zur Region: bodenständig, direkt und humorvoll.

Eine prägende Phase war für Hass seine Internatszeit auf Spiekeroog. Der Gymnasiast war ein schlechter Schüler, das war der Anlass für die Eltern, den Sohn auf eine Schule mit reformpädagogischem Ansatz zu schicken. »Meiner Mutter waren Abitur und Studium extrem wichtig«, schildert Hass.

Doch die Insel war tatsächlich seine Rettung. Der Jugendliche aus NRW fühlte sich auf der Nordseeinsel wohl, er genoss die Gemeinschaft der Klassenkameraden, das Segeln, Schwimmen, Fußball spielen, und tatsächlich entdeckte er, dass Lernen auch Spaß machen kann. Eine andere Entdeckung war die beeindruckende Natur. Bis heute liebt Hass Spiekeroog, die Weite des Meeres, die Dünenlandschaften und Wälder.

Nach dem Abitur und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften wünschte sich der Vater, dass der Sohn französisch lernen möge und finanzierte ihm einen mehrmonatigen Frankreichaufenthalt sowie ein Auto. Manchmal ist es gar nicht so unangenehm, elterliche Erwartungen zu erfüllen, und so machte sich der junge Klaus Hass auf die Reise. Neben der Sprache erkundete er die Schönheit des Landes, an der Loire mit ihren Städtchen und Schlössern bekam er einen Blick für Architektur und Stadtplanung. In diese Zeit fällt übrigens auch der erwähnte Urlaub mit seiner späteren Frau Heike.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat war es Zeit, auf eigenen Füßen zu stehen. Hass bekam einen Job in einem Essener Planungsbüro, das sich mit Stadtsanierung beschäftigte. In einem Team von Soziologen, Architekten und Wirtschaftsexperten ging es darum, Wohnviertel mit einem großen Bestand an verfallenden Altbauten wieder lebenswert zu machen. Es wurde ein Lebensthema, das ihn bis heute fasziniert. 1974 heiratete Hass, seine Söhne kamen 1975 und 1978 auf die Welt. Eine Zeitlang war er Amtsleiter für Wirtschaftsförderung im westfälischen Herford, aber es gab auch Phasen, in denen seine Ehefrau erwerbstätig war und er sich als Hausmann um die Kinder kümmerte. Das war noch ziemlich exotisch damals und der Karriere nicht gerade zuträglich, erinnert er sich.

Eine spannende Zeit erlebte Hass in den 80er Jahren in Herborn, einer Kleinstadt mit einem heute sehenswerten und fast autofreien historischen Stadtkern. Dort war er im Auftrag der Nassauischen Heimstätten in der Projektsteuerung tätig. Da alle Beteiligten hoch motiviert und bereit waren, neue Wege zu gehen, machte der Prozess der Erneuerung ihm großen Spaß. Ende der 90er Jahre führte ihn ein Auftrag seines Frankfurter Arbeitgebers schließlich nach Gießen. Die Umwandlung des von der Bundeswehr genutzten Areals in den Wirtschaftsstandort Europaviertel stand auf dem Programm. Das war beruflich eine herausfordernde, privat eine schwierige Zeit. Die erste Ehe ging in die Brüche, 2000 ließ das Paar sich scheiden. 2004 ging Hass in Altersteilzeit, die gewonnene Freizeit nutzte er unter anderem, um den Jakobsweg zu erwandern.

In Gießen hatte Hass das große Glück, in der Steinstraße nicht nur eine schöne Wohnung im Haus von Christa Schreier zu finden, sondern auch eine tolle Hausgemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Menschen. Mit der Vermieterin ist das Ehepaar befreundet, die Bewohner haben eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz gefunden.

Hass ist täglich zu Fuß oder mit dem Rad in der Stadt unterwegs und beobachtet dort mit Grausen, was der Verkehr aus der Innenstadt macht. Es gibt aber auch manchmal gute Gründe für ihn, das Auto zu nehmen. Wenn er Zeit mit seinen nicht in Gießen lebenden Enkeln verbringen will beispielsweise. Oder wenn Spiekeroog und Frankreich locken. Seine Frau teilt die Liebe zu diesen Sehnsuchtsorten. Das Paar macht sich gemeinsam auf den Weg. In den Urlaub und überhaupt. Wie sagte er noch? »Das ist ein großes Glück«.

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