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Klarna kommt nach Gießen: Ein Blick hinter die Kulissen des Mega-Unternehmens

  • Marc Schäfer
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Das Unternehmen Klarna siedelt sich an der Alten Post in Gießen an. Ein Blick hinter die Kulissen des Zahlungsanbieters

Kaschmirweiches Toilettenpapier, eine festliche Robe aus Seide und goldfarbene Erdnussbutter. Mit diesen Produkten und der Zusammenarbeit mit der millionenschweren us-amerikanischen Rap-Legende Snoop Dogg als neue Werbe-Ikone will das schwedische Unternehmen Klarna für Aufsehen sorgen und weltweit expandieren. Mit dem Umzug von dem bisherigen weitgehend unbekannten Standort in Linden in das ehemalige Telegraphenamt hinter der Alten Post möchte Klarna auch in Gießen seine Bekanntheit steigern und dem beeindruckenden Wachstumskurs des Unternehmens auch hier Rechnung tragen. "Klarna wächst derzeit enorm. Ich möchte, dass das nicht nur für die Standorte Stockholm oder Berlin gilt, sondern auch für den in Gießen", sagt Standortleiter Frank Dutenhöfer. Auf Jobmessen in der Region habe er immer wieder erfahren müssen, dass die Besucher zwar oft den Zahlungsanbieter Klarna kannten, aber nicht ahnten, dass dieses junge und hippe Unternehmen einen Standort in der Nähe hat. Mit dem Umzug in das Gießener Kulturdenkmal soll sich das nun ändern. "Dort am Bahnhof sind wir nicht zu übersehen", sagt Dutenhöfer. Der Umzug auf die insgesamt 4000 Quadratmeter große Fläche im Telegraphenamt und dem angeschlossenen fünfstöckigen Neubau ist für Mai 2020 geplant. Im Endausbau könnten dort einmal 300 Arbeitsplätze entstehen. "Damit wir genug Raum zum Wachsen haben, mieten wir auch schon Büroflächen, die zunächst noch leerstehen werden."

In welcher Branche ist das schwedische Unternehmen Klarna tätig?

Klarna ist einer der führenden Online-Zahlungsanbieter Europas. Seit etwa zwei Jahren ist das 2005 vom Schweden Sebastian Siemiatkowski in Stockholm gegründete Unternehmen auch als Bank lizenziert. Die Philosophie: Das Bezahlen soll für Käufer und Händler schnell, einfach und sicher funktionieren. Dazu bietet Klarna drei Varianten an: sofort, später oder in Raten bezahlen. "Unsere Kernkompetenz ist, den Bezahlvorgang für alle Beteiligten so einfach wie möglich zu machen. Während viele Online-Angebote versuchen, die User möglichst lange auf ihren Seiten zu halten, um Werbeeinnahmen zu generieren, ist die Philosophie von Klarna genau das Gegenteil. Unser Kunde soll so kurz wie möglich mit dem Bezahlvorgang beschäftigt sein", beschreibt Dutenhöfer.

Wie läuft der Bezahlvorgang mit Klarna ab?

Klarna gibt Online-Shoppern die Möglichkeit, per Rechnung, Ratenzahlung oder sofort beim Bestellabschluss zu bezahlen. Als Verfahren kommen Lastschrift, Kreditkarte oder Sofortüberweisung zum Einsatz. Klarna minimiert das Risiko der Händler, da das Unternehmen die Garantie gibt, dass die Ware auch bezahlt wird. Mit der App können Nutzer bezahlen oder bei Bedarf die Zahlungsart ändern – selbst nach der Bestellung. Die App erinnert an offene Rechnungen, gibt einen Überblick über alle Einkäufe und lässt sich mit dem persönlichen Bankkonto verknüpfen, um mit einem Klick bezahlen zu können. "Wir erkennen unsere Nutzer wieder und können so zum Beispiel die bevorzugte Zahlungsvariante des Nutzers auch an erster Stelle anbieten. Wir denken vom Kunden aus und wollen es ihm so einfach wie möglich machen", sagt Dutenhöfer. Das problemlose Umstellen auf Ratenzahlung ruft aber auch Kritiker auf den Plan. Die "Welt" stellte Ende 2018 die Frage, ob Anbieter wie Klarna für unbedarfte Millennials zur "Schuldenfalle" werden könnten und berichtete von möglichen 11,95 Prozent Sollzinsen, wenn die Käufer ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können. Um dies von Anfang an zu verhindern, zeigt Klarna dem Nutzer alle ausstehenden Zahlungen und damit verbundene Kosten an und steht per Chat bei Zahlungsschwierigkeiten rund um die Uhr zum Gespräch bereit. Geld verdient Klarna hauptsächlich durch Gebühren, die von den Händlern für die Bereitstellung des Bezahlsystems auf deren Online-Shops erhoben werden. "Unsere Dienstleistung ist vergleichbar mit dem Verleihen eines EC-Geräts", meint Dutenhöfer.

Mit welchen Zahlen kann der Zahlungsanbieter aufwarten?

Die Statistiken von Klarna sind durchaus beeindruckend: Im Jahr 2017 hat das Unternehmen einen Umsatz von 470 Millionen Euro gemacht. 60 Millionen Endkunden sorgen durchschnittlich für etwa eine Million Käufe pro Tag und dafür, dass weltweit etwa 20 Milliarden Euro mit Klarna transportiert wurden. Von 2016 auf 2017 ist der Umsatz um 42 Prozent angewachsen. Klarna arbeitet mit über 100 000 Händlern zusammen, darunter Ikea, H&M, Asos, Spotify, MediaMarkt oder die Deutsche Bahn. An den 14 Standorten, u.a. in Stockholm, New York, London, Amsterdam, München, Berlin und Wien, arbeiten 2000 Mitarbeiter aus 65 Nationen. "Etwa 1000 davon sind Informatiker, die anderen haben Programmieren zum Hobby", sagt Dutenhöfer. Am Standort Linden sind aktuell 103 Mitarbeiter beschäftigt, die meisten sind Software-Entwickler. Ihr Job ist das Entwickeln und Anpassen der Software. "Unser Anspruch ist es, bei allen Dingen ständig vorne dabei zu sein, ob eine Bank eine Schnittstelle verändert oder die Funktionalität an Veränderungen angepasst werden muss. Das hört nie auf. Software ist kein Rotwein, sie wird durch Liegenlassen nicht besser", sagt Dutenhöfer. Eine erfreuliche Nachricht für Gießen: Klarna wird in der Stadt nicht wenig Gewerbesteuer zahlen – die Summe dürfte im siebenstelligen Bereich liegen.

Wie sieht es bei Klarna hinter den Kulissen aus?

"Wir sind zwar eine Bank, aber mit Schlips und Anzug rennt hier niemand rum", sagt Dutenhöfer. Beim Rundgang durch das Klarna-Büro in Linden baumelt ihm eine Schlüsselkarte um den Hals, die er scherzhaft als "Krawattenersatz" bezeichnet. Mit ihr kann er alle Türen öffnen. Schon vor der ersten wird deutlich, dass es die Schweden nicht nur ihren Kunden, sondern auch ihren Mitarbeitern so angenehm wie möglich machen wollen. Rechts neben der Tür ist ein kleines Holzbrett an die Wand geschraubt. Warum? Damit Sie mit Laptop und Kaffeebecher in der Hand eine Möglichkeit haben, etwas abzustellen, wenn Sie die Tür öffnen wollen", sagt Dutenhöfer. Das hilfreiche Accessoire sei auf Hinweis eines Mitarbeiters in Serie gegangen. So geht es weiter: In einem Konferenzraum besteht die Oberfläche eines Stehtisches aus einem Whiteboard, sodass die Teilnehmer jederzeit Ideen auf den Tisch kritzeln und wieder wegwischen können. Die Sofas in den Besprechungsräumen haben Rollen an der Unterseite, sodass man sie passend zur jeweiligen Gruppengröße zusammen- oder auseinanderschieben kann. In der voll ausgestatteten offenen Küche stehen Lebensmittel und Getränke parat. Die gesunden sind kostenlos, Cola oder Eis kosten Geld. Der Betrag wird nach dem Bestätigen auf einem an der Wand fixierten Tablet einfach vom Gehalt abgezogen. Klarna bietet den Mitarbeitern eine Menge. "Das fängt bei einem ordentlichen Gehalt an", sagt Dutenhöfer. Weiter geht es mit monatlichen Teambuildingmaßnahmen, Familienfesten, einer jährlichen Reise nach Stockholm, dem gemeinsamem Fika am Freitag, ein schwedischer Brauch, der am ehesten dem deutschen Kaffee und Kuchen nahekommt, und Vertrauensarbeitszeit. "Dafür verlangen wir hochkomplexe und konzentrierte Arbeit", sagt Dutenhöfer. Programmierer könnten nunmal nicht acht Stunden an einer Sache arbeiten. Pausen seien extrem wichtig. Dafür stehen Sofas, Tischkicker, ein Massage-Sessel oder ein Grill auf der Dachterrasse zur Verfügung.

Warum sitzt Klarna mit einer Niederlassung in Linden?

Das ist kein Zufall. Im Jahr 2014 hat Klarna die deutsche Sofort GmbH gekauft und die Klarna Group geschaffen. Damit wurde das dritte Standbein, das "Sofort zahlen" integriert. Die Sofort GmbH saß zu diesem Zeitpunkt in Linden. Die beiden Gründer sind nicht mehr dabei, wohl aber die meisten Mitarbeiter. Die Idee der Sofortüberweisung fußt darauf, dass man sich nicht mehr selbst in sein Bankkonto einloggt und Geld an einen Händler überweist, sondern die sensiblen Daten wie PIN und TAN zum Beispiel in der Klarna-App eingibt, die die Überweisung nach automatisierter Überprüfung u.a. des Kontostands oder des Kreditrahmens vornimmt. Banken wollten diesen Zugriff lange verhindern. Der Streitfall landete vor dem Europäischen Gerichtshof und mündete darin, dass Zahlungsanbieter wie Klarna oder Sofortüberweisung mittlerweile gesetzlich anerkannt sind und der Bankenaufsicht unterliegen. "Die PSD2 hat ihren Ursprung in der Sofort GmbH", sagt Dutenhöfer. Die Sofort GmbH habe laut ihm vor Gericht den Stein für diese europäische Zahlungsverkehrsrichtlinie ins Rollen gebracht. "Heute laufen 10 Milliarden Euro Transfervolumen über dieses System. Tendenz steigend."

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