Einige Aktivistinnen der Initiative „Omas gegen Rechts“ stehen in der Gießener Innenstadt und halten Plakate hoch. Die Plakate erinnern an jüngst in Deutschland begangene Femizide. Auwseislich einer Internetadresse unten auf den Plakaten stammen diese von der Kampagnenplattform change.org.
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Die »Omas gegen Rechts« bereichern die Gießener Stadtgesellschaft und freuen sich nun über den Paul-Spiegel-Preis.

Gegen Rassismus und Rechtsextremismus

„Wer, wenn nicht wir?“: Klare Kante statt Kaffeekränzchen bei den „Omas gegen Rechts“ aus Gießen

  • vonChristian Schneebeck
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Mal demonstrieren sie lautstark, mal sieht man sie bei einer Mahnwache ganz leise protestieren. Auch in Gießen engagieren sich die „Omas gegen Rechts“ gegen Rassismus und Rechtsextremismus.

Gießen – Renate Weber fröstelt es. Das liegt zwar auch an den eisigen Temperaturen. Aber sicher nicht nur daran. »Mich ängstigt ungemein, was gesellschaftlich im Moment passiert«, sagt die pensionierte Lehrerin, während sie mit einem knallorangenen Plakat im Seltersweg in Gießen steht und »Solidarität für Alle!« fordert. Gerade hält der Verein »Seebrücke« hier wieder eine Mahnwache für eine humanere europäische Flüchtlingspolitik ab. Unter den Teilnehmern sind neben Weber diesmal noch fünf weitere »Omas gegen Rechts« - bestens zu erkennen an ihren Ansteckern. Sie alle dürfen sich jetzt als Preisträgerinnen feiern lassen.

Denn der Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage, vergeben vom Zentralrat der Juden in Deutschland, geht dieses Jahr an die bundesweite Initiative. »Ihr Engagement ist vorbildlich und sollte in unserem Land stärker gewürdigt werden als bislang«, adelte Zentralrats-Präsident Josef Schuster die »Omas gegen Rechts« unlängst anlässlich der öffentlichen Bekanntgabe. Eine »Bestärkung« des Engagements sei das, freut sich Dr. Dorothea von Ritter-Röhr, die die Gießener Ortsgruppe vor gut zwei Jahren maßgeblich mit ins Leben gerufen hat.

Gießener Gruppe „Omas gegen Rechts“ bundesweit aktiv

So richtig begonnen hat alles - passenderweise - bei einer »Seebrücke«-Demonstration. Mit einem Info-Stand auf dem Elefantenklo warben die »Omas« der ersten Stunde in Gießen damals fast 50 Mitstreiterinnen. Mindestens 250 weitere sind bis heute hinzugekommen, 40 sind regelmäßig bei Demonstrationen und Mahnwachen aktiv. Selbstironie und klare Kante gehören für sie stets zusammen. »Uns traut man oft zu, dass wir nette Kaffeekränzchen machen«, erklärt Ingrid Lutterbeck. »Aber selten, dass wir uns ernsthaft mit Politik auseinandersetzen.«

Dabei spricht schon die kurze Chronik der »Omas« für sich. Neben Aktionen in Gießen verzeichnet sie etwa die Teilnahme an einer Demo gegen die AfD in Erfurt am 1. Mai 2019. Außerdem bereicherten die Gießenerinnen im Sommer einen Flashmob gegen den Auftritt eines Rechtsradikalen in Halle sowie den Protest vor dem hessischen Landtag für die Aufklärung der »NSU 2.0«-Geschehnisse. Dies und mehr ist nachlesbar auf ihrer Homepage. Jawohl, auf der Homepage - die Gruppe organisiert sich nämlich seit jeher digital.

„Omas gegen Rechts“ in Gießen: Opas auch willkommen – aber nur bei Demos

Über Facebook habe sie auch von der Idee der »Omas gegen Rechts« erfahren, sagt Ritter-Röhr. Ursprünglich stammt die Initiative aus Österreich, mittlerweile existieren rund 100 Regionalgruppen mit etwa 6000 »Omas« und »Opas«.

Stichwort Opas: Männer seien in Gießen bei den Aktionen jederzeit willkommen, in internen Versammlungen jedoch außen vor, betont die Psychoanalytikerin Ritter-Röhr. Man habe »das Machogehabe in den Diskussionen satt«. Was nicht heißen muss, dass es deshalb immer harmonisch zugeht. Einmal monatlich diskutieren die »Omas« durchaus kontrovers über vergangene, aktuelle und zukünftige Aktionen. Wegen Corona treffen sich die „Omas gegen Rechts“ momentan per Videokonferenz. Überhaupt hat die Pandemie ihnen den einen oder anderen Strich durch die Rechnung gemacht. So gibt es 2020 keinen Weihnachtsmarkt - und deshalb auch nicht jenen Stand der »Omas«, mit dem sie im vergangenen Jahr vollkommen »unadventlich« (Lutterbeck) eine Prise Aufruhr in den allgemeinen Besinnlichkeitsdusel gestreut haben.

„Omas gegen Rechts“ in Gießen: Corona sei nicht das einzige bedrohliche Virus

Corona ist demnächst wahrscheinlich mithilfe eines Impfstoffs besiegt. Ein anderes Virus verlangt mehr Ausdauer, in Gießen wie andernorts. Gemeint sind rechtsextreme Tendenzen in der Gesellschaft. »Eigentlich muss man ja nur die Nachrichten hören und lesen«, sagt Weber, bevor es sie für einen Augenblick fröstelt. Gleich danach fügt sie hinzu: »Wer, wenn nicht wir, soll denn gegen diese Missstände auf die Straße gehen? Schließlich haben wir ja auch vieles davon mit verursacht.«

Der Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage ist ein vom Zentralrat der Juden in Deutschland gestifteter Preis, der seit 2009 verliehen wird und mit 5000 Euro dotiert ist. Benannt ist die Auszeichnung nach Paul Spiegel, der von 2000 bis zu seinem Tod 2006 Präsident des Zentralrats gewesen ist. Es soll damit an eine starke Bürgergesellschaft appelliert werden, ohne die eine stabile Demokratie nicht denkbar wäre. (Christian Schneebeck)

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