Die Vorbereitungen laufen. Unter die Vorfreude mischen sich aber auch Sorgen.
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Die Vorbereitungen laufen. Unter die Vorfreude mischen sich aber auch Sorgen.

Entscheidung am Eröffnungstag

Branche droht Kollaps: Gießener Schausteller fürchten mögliche Weihnachtsmarkt-Absage

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Der morgige Donnerstag (18.11.2021) ist für die Schausteller ein Tag, auf den sie mit gemischten Gefühlen blicken. Auf der einen Seite öffnet der Gießener Weihnachtsmarkt, endlich können Budenbetreiber wieder ihrem Beruf nachgehen. Morgen entscheidet die Politik aber auch über mögliche Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Eine Absage der Weihnachtsmärkte würde die Schausteller ins Mark treffen.

Gießen – Es ist ein nasskalter Nachmittag in der Gießener Innenstadt. Mehr Herbst als Winter. Und dennoch kommt auf dem Seltersweg so etwas wie Weihnachtsstimmung auf. Über dem Kreuzplatz strahlt ein großer Weihnachtsstern, Werbeschilder locken mit Glühwein, gebrannten Mandeln, Maronen und Langos. Der Aufbau des Weihnachtsmarktes ist im vollen Gange, auch wenn die großen Klappen der Holzbuden noch verschlossen sind. »Bald geht es endlich los«, sagt Schaustellerin Sandy Walldorf, während ihr Team gerade letzte Verkabelungen an ihrem Glühweinstand vornimmt. Doch auch wenn Walldorf eine fröhliche Frau ist und viel lacht, merkt man ihr die Sorgen an. »Man weiß einfach nicht, was auf einen zukommt.«

Weihnachtsmarkt 2021 in Gießen: Schausteller fürchten die Katastrophe

Am morgigen Donnerstag (18.11.2021) soll der Gießener Weihnachtsmarkt nach der Corona-Pause im vergangenen Jahr endlich wieder öffnen. Am selben Tag tagt auch die Ministerpräsidentenkonferenz. Kontaktbeschränkungen, verschärfte 2G- und 3G-Regeln, aber auch eine Art »Lockdown für Ungeimpfte« wurden im Vorfeld diskutiert. Neue Regelungen könnten die Weihnachtmarktplanungen der Stadtmarketing GmbH kräftig durcheinanderwirbeln, selbst eine Absage bzw. Schließung der Veranstaltung scheint nicht ausgeschlossen.

Für die Schausteller wäre das eine Katastrophe. »Ich habe zu Hause einen Container voll mit Ware stehen, die ich schon bezahlt habe«, sagt Walldorf. Zusammen mit den anderen Kosten, zum Beispiel für die Standmiete, hätte sie bereits fast 20 000 Euro ausgegeben. Einige der Güter seien immerhin auf Kommission gekauft und könnten zurückgegeben werden. »Allerdings verlangen die Anbieter dafür eine gewisse Bearbeitungsgebühr«, sagt Walldorf. Hinzu komme, dass längst nicht alle Einkäufe zurückgegeben oder eingelagert werden könnten.

Weihnachtsmarkt 2021 in Gießen: „Glaube nicht, dass wir bis Ende Dezember geöffnet haben“

Eine Absage des diesjährigen Weihnachtsmarktes würde die ohnehin gebeutelte Branche hart treffen. »Wir klammern uns schon jetzt an jeden Strohhalm, für uns geht es ums Überleben«, sagt Walldorf. Umso nervöser sei sie mit Blick auf die Ministerpräsidentenkonferenz. Ihr schwane nichts Gutes, sagt die Schaustellerin. »Ich glaube nicht, dass wir bis Ende Dezember geöffnet haben werden.«

Auch Frank Hölscheidt, der Geschäftsführer der Gießen Marketing GmbH, blickt mit Spannung auf den morgigen Corona-Gipfel. »Die dort erzielten Ergebnisse werden eine Richtschnur für unser Handeln sein.« Darüber hinaus würden aktuell Gespräche geführt, wie eine Entzerrung von Menschenansammlungen erreicht werden könne. »Wir werden unter anderem in der gesamten Innenstadt mit Plakaten auf das Tragen eines Mund-Nases-Schutzes hinweisen«, sagt Hölscheidt und betont: »Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Start des Weihnachtsmarkts für Donnerstag um 17 Uhr durch die Oberbürgermeisterin geplant.«

Weihnachtsmarkt 2021 in Gießen für Schausteller wichtig, um Kassen zu füllen

Auch in der Löwengasse stehen mehrere Holzbuden, an denen eifrig gewerkelt wird. André Lotz zum Beispiel bereitet gerade seinen Maronenstand vor. Das Urgestein der Gießener Schaustellerszene macht keinen Hehl daraus, dass ihn die vergangenen Monate mitgenommen haben. »Wen wir unseren Beruf nicht ausleben können, verursacht das Herzschmerz.« Er kenne einige Kollegen, die das mit der Muttermilch aufgesogene Schaustellerleben aufgegeben hätten und ihr Geld nun in anderen Jobs verdienten. »Und das, obwohl die Familien schon etliche Generationen als Schausteller unterwegs waren«, sagt Lotz. Er selbst habe sich damit noch nicht beschäftigt. Der Gießener sagt aber auch, dass ein weiteres Jahr ohne Messen und Volksfeste kaum zu stemmen sei.

Umso wichtiger, dass die Schausteller ihre Kassen in den kommenden Wochen füllen können. Gleichzeitig betont Lotz, sich dem Ernst der Lage sehr bewusst zu sein. Er pocht auch nicht auf eine Durchführung des Weihnachtsmarkts, vielmehr spricht er davon, »hoffentlich öffnen zu dürfen«. Was das Coronavirus anrichten kann, weiß der Schausteller nur zu gut. In den vergangenen Monaten hat Lotz mit seiner Drehorgel in der gesamten Region Altenheime besucht und den Senioren aus sicherer Entfernung Lieder vorgespielt. Beim Gedanken an das durch Corona verursachte Leid versagt dem Schausteller die Stimme.

Absage von Weihnachtsmarkt in Gießen? Ohne Hilfen ginge es dann nicht weiter

In der Katharinengasse geht es lauter zu. Andreas Walldorf gibt seinen Mitarbeitern Anweisungen für den Anschluss der Getränkeanlage. An den Sitzgarnituren hängen Corona-Warnschilder, ein Stück weiter schmückt eine Mitarbeiterin gerade das Karussell. Walldorf ist resigniert, daraus macht er keinen Hehl. Die Schausteller hätten früh gezeigt bekommen, dass sie nicht systemrelevant seien. »Uns wurde während der Pandemie nicht geholfen. Uns wurde nicht einmal das Gefühl gegeben, dass man uns helfen will«, sagt Walldorf und betont: »Wir fühlen uns ziemlich alleine gelassen.« Der Gießener moniert, dass in Fußballstadien tausende Menschen beieinander sitzen könnten und nun diskutiert werde, einen an der frischen Luft angebotenen Weihnachtsmarkt abzusagen.

»Ich glaube aber nicht, dass es dazu kommen wird«, sagt Walldorf. Dann überlegt er einen Moment und denkt an die Erfahrungen, die er in den vergangenen Monaten gemacht hat. »Vielleicht bin ich mir da doch nicht so sicher.« In seinem Areal am Katharinenplatz könne er eine Umrüstung auf 2G mit Zugangskontrolle jedoch innerhalb einer Stunde realisieren.

Auch Walldorf betont, dass ein Ausfall eine Katastrophe sei. Alle Ersparnisse seien weg, das Konto überzogen. »Wenn der Weihnachtsmarkt nicht stattfinden kann und wir keine angemessene staatliche Hilfe kriegen, geht für 98 Prozent der hiesigen Schausteller die Klappe zu. Für immer.«

Weihnachtsmärkte im Kreis Gießen

Nicht nur in Gießen müssen die Menschen um ihren Weihnachtsmarkt zittern. Auch in den kleineren Gemeinden im Landkreis stellt sich die Frage, ob der Budenzauber wie geplant stattfinden kann. Jüngst gab es eine weitere Absage. Hier geben wir einen Überblick über die Weihnachtsmärkte 2021 im Kreis Gießen.

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