Papa ist der Beste, weiß die kleine Lotta. Pianist Evgeni Ganev übt sich zurzeit in der Kinder-erziehung. Foto: pv
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Papa ist der Beste, weiß die kleine Lotta. Pianist Evgeni Ganev übt sich zurzeit in der Kinder-erziehung. Foto: pv

Klangzauberer im Homeoffice

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Es ist ein Ausnahmestück: Am kommenden Dienstag wollte Evgeni Ganev im Stadttheater als Solist das Klavierkonzert für die linke Hand von Maurice Ravel spielen. Jetzt sitzt der Pianist zu Hause und übt sich geduldig in der Kindererziehung. Den Ravel präsentiert er dann eben etwas später.

Schon der Auftakt verursacht Gänsehaut: In das finstere Grollen von Bässen, Kontrafagott und Hörnern schlagen die hellen Streicher gemeinsam mit dem übrigen großen Orchester eine Schneise, damit die vehemente Klangstruktur kulminiert und der Pianist sich ungestört und mit fordernden Akkorden einen Weg in die tiefsten Tiefen des Flügels bahnen kann, um sogleich wieder emporzuperlen mit einer expressiven Melodie. Das alles hätte Evgeni Ganev mit links gemacht.

Die rechte Hand hat nämlich Pause - und zwar für knapp 20 Minuten. So lange dauert das "Konzert für die linke Hand für Klavier und Orchester" von Maurice Ravel. Am kommenden Dienstag wollte Ganev, diplomierter Konzertpianist und Solorepetitor am Stadttheater, damit im Rahmen der Sinfoniekonzerte brillieren.

"Ich hatte gerade begonnen, die Kadenzen zu üben, als das Haus wegen Corona seine Pforten schloss", sagt der gebürtige Bulgare. Er hat in das Werk viel Zeit investiert, es ist eine Herausforderung für jeden Pianisten. Und gilt auch kompositorisch als Meisterleistung. "Bei dem Stück ist ja alles andersrum. Der Daumen zum Beispiel spielt die Melodie." Nun ist erst mal das ganze Leben irgendwie andersrum. Doch aufgeschoben bedeutet ja nicht aufgehoben - Optimismus gehört zu Ganevs Charakterzügen.

Seine Arbeit als Solorepetitor am Theater ist vielseitig. Er spielt am Klavier die Partitur anstelle des Orchesters, wenn Sänger, Tänzer oder Schauspieler ein Werk einstudieren oder ihre Rolle lernen. "Ich muss schnell reagieren, wenn etwas Unerwartetes geschieht", sagt der 44-Jährige. Etwa wenn eine Sopranistin ausfällt und er plötzlich in der Probe am Flügel ihre Partie auch noch singen muss. "Das kann ganz schön stressig sein." Ganev nimmt kein Blatt vor den Mund, redet gern Klartext. Dass er damit hin und wieder aneckt, gehört dazu. "Ich bin kein Diplomat, ich bin Pianist."

Zurzeit sitzt er wie viele andere Künstler zu Hause - Homeoffice der etwas anderen Art. Was er nun übt? Ganev lacht: "Ich übe Kindererziehung." Seine sechsjährigen Zwillinge Lotta und Etu verspüren in der schulischen Zwangspause unbändigen Tatendrang.

Ehefrau Elica, die an der Frankfurter Börse tätig ist, arbeitet zurzeit ebenfalls in den heimischen vier Wänden. Die zwei kennen sich schon eine gefühlte Ewigkeit. "Wir waren zusammen in der ersten Klasse." Seit 27 Jahren sind die beiden ein Paar, seit 15 Jahren miteinander verheiratet.

Für den Nachwuchs heißt die Devise jetzt: Hausunterricht. Ganev rollt die Augen. Obschon für ihn die Familie im Mittelpunkt steht. "Meine Frau und unsere Zwillinge bedeuten für mich alles."

Lotta lernt die ersten Akkorde auf dem Klavier. Und sie mag Opern. "Für Humperdincks ›Hänsel und Gretel‹ ist sie Feuer und Flamme." Aber auch der kleine Etu greift schon mal in die Tasten. "Beide klimpern einfach gern", sagt Ganev stolz. "Ich bin der glücklichste Vater der Welt."

Selbstredend sitzt auch er jeden Tag an seinem bewährten Kawai im Keller seines Reihenhauses. "Klavier spielen ist nicht wie Fahrrad fahren", erklärt der Virtuose. Wer wochenlang nicht repetiert, "beginnt wieder da, wo er schon vor ein paar Jahren war".

Also wird alles geübt, was die Finger gelenkig und den Anschlag in Schuss hält, von Etüden über Arpeggien bis hin zu neuen Stücken. Neue Stücke? Ganev nickt: "Noch geheim."

Stilistisch ist er der russischen, nicht der Wiener Schule verpflichtet. Das beginnt mit einer eher geraden, flachen Handhaltung über der Tastatur und führt hin zu Nuancen in puncto Interpretationsfragen.

"Ich habe Demut vor jeder Komposition. Sie muss genau so klingen, wie sie geschrieben ist." Soll heißen: Ganev will mit seiner Musik positive Gefühle wecken und als Klangzauberer zu Herzen gehen.

Zwölf Klavierschüler

Mit fünf Jahren fing der kleine Evgeni im bulgarischen Burgas mit dem Klavierspielen an. Schnell machte er Fortschritte. Seine Eltern arbeiteten beim Militär. Dort, wo sie stationiert waren, gab es keine Musikschule. Die Oma nahm den Jungen zu sich. Später studierte er Klavier in Sofia.

Mit 24 zog der Student nach Deutschland. In Frankfurt absolvierte er sein Konzertexamen. "Die Chemie mit den Deutschen stimmt", sagt Ganev, der bei internationalen Klavierwettbewerben Preise gewonnen hat sowie als Liedbegleiter und in Kammermusikensembles wirkt. Zudem unterrichtet der Pianist zwölf Klavierschüler - derzeit online. "Fast alles Anfänger", sagt er, als würde das die Sache einfacher machen.

Und wenn er mal eine Stunde freie Zeit hat? "Dann lese ich gern moderne bulgarische Literatur." Oder er hört Musik. Seine Lieblingskomponisten sind Rachmaninow und Prokofjew. Sein Leibgericht ist die bulgarische Musaka. Und sonst? Ganev lacht: "Toilettenpapier jedenfalls ist im Moment noch nicht unser Problem."

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