Brandruine

Klaffende Wunde im Wohngebiet in Lützellinde

  • Jens Riedel
    vonJens Riedel
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Bei einem verheerenden Feuer in Gießen-Lützellinden kamen im August 2019 beide Hausbewohner ums Leben. Was passiert nun mit dem zerstörten Haus mitten im Wohngebiet?

Wie eine klaffende Wunde steht das ruinierte Haus mitten im Wohngebiet. Das Dach ist komplett zerstört, zu sehen sind verkohlte Sparren, halb verbranntes Bitumen, zerrissene Ziegel. Am Zaun wehen Reste von rot-weißem Flatterband im Wind. Dieses traurige Bild durchbricht die Idylle im Kirchweg in Lützellinden bereits seit August letzten Jahres. Damals kamen bei einem zerstörerischen Brand in den frühen Morgenstunden des 9. August die beiden Hausbewohner, eine aus Rumänien stammende 52-jährige Frau und ihr 26-jähriger Sohn, ums Leben. Brandursache war eine brennende Kerze oder eine glimmende Zigarette.

Die Lützellindener und der Ortsbeirat haben in einer stillen Minute der Opfer gedacht. Doch was geschieht nun mit dem zerstörten Haus und dem knapp 900 Quadratmeter großen Grundstück? Ein Gutachter hat die Ruine zunächst untersucht und dem Bauordnungsamt mitgeteilt, dass keine akute Einsturzgefahr und folglich auch keine Gefahr für die Nachbarn besteht. Die Feuerwehr hat das Haus auf Schadstoffe geprüft, aber nichts gefunden - außer dem üblichen Brandrauch, der sich auf Bauteile und Gegenstände gelegt hat und unter Witterungseinflüssen wieder gelöst wird.

Direkte Erben oder Angehörige gibt es zumindest in Deutschland nicht. Das Haus gehörte dem bereits vor einigen Jahren gestorbenen, aus Lützellinden stammenden Ehemann der Rumänin. Außer seiner Frau und dem angeheirateten Sohn hat er hier keine Nachkommen. Mögliche Erben können vermutlich nur in Rumänien zu finden sein.

Vom Ortsgericht zum Nachlassgericht

"Wir haben zunächst eine Nachlass-Sicherung gemacht, aber es gab dort eigentlich nichts mehr zu sichern. Denn bis auf die Garage und einen Kellerraum ist das ganze Haus mitsamt allem Werthaltigen darin zerstört", sagt Hugo Görlach, Vorsitzender des Ortsgerichts Lützellinden.

Daraufhin wurde der Fall an das Nachlassgericht beim Amtsgericht Gießen übergeben. Laut Gerichts-Pressesprecherin Astrid Keßler Bechthold hat das Nachlassgericht im September eine sogenannte Nachlasspflegschaft für die zerstörte Immobilie und für das Grundstück angeordnet. Der Gießener Rechtsanwalt Marcel Sonnenberg wurde als Nachlasspfleger eingesetzt und ist nun unter anderem damit beauftragt, nach möglichen Erben zu suchen. Sonnenberg erhält etwa 100 Nachlasspflegeaufträge pro Jahr in ganz Hessen. "Doch ein Haus in diesem kaputten Zustand hatten wir noch nicht", ist es für den erfahrenen Rechtsanwalt ein besonderer Fall.

Er startet von Gießen aus per Kommunikation mit Ämtern die Suche nach Erben. Bei Fällen mit Auslandsbezug - wie hier Rumänien - ist dies meist kosten- und zeitintensiv, auch aufgrund der Übersetzungsschwierigkeiten. Zudem - so Sonnenberg - lässt die Gebäudeversicherung ein Gutachten erstellen, ob es sich lohnt, das Haus wieder aufzubauen oder ob es komplett abgerissen werden muss.

Inzwischen haben sich bei Sonnenberg Geschwister der beim Brand verstorbenen Frau aus Rumänien gemeldet. Ein Bruder der Toten war auch bereits zu Besuch in Lützellinden, um das Haus und Grundstück zu begutachten.

Rumänische Papiere werden geprüft

Nun muss das Nachlassgericht die aus Rumänien vorgelegten Unterlagen überprüfen und entscheiden, ob diese Papiere ausreichen, um einen Erbschein auszustellen und das Erbe zu übergeben. Bis diese Entscheidung gefallen ist, können aber laut Anwalt Sonnenberg - abhängig von der Qualität der Unterlagen - noch einige Wochen vergehen.

Da das rund 900 Quadratmeter große Grundstück auch trotz der darauf stehenden Brandruine einen Wert hat und es dafür durchaus Kaufinteressenten gibt, ist nicht davon auszugehen, dass das Erbe ausgeschlagen wird.

Sollte das Nachlassgericht jedoch befinden, dass die eingereichten rumänischen Papiere nicht zum Erbe berechtigen, muss die Suche nach möglichen Erben noch einmal weitergehen.

Erst wenn definitiv keine Erben ermittelt werden können, erbt gemäß Paragraf 1936 BGB das Land, in dem der Erblasser den letzten Wohnsitz hatte - also im Fall Lützellinden das Land Hessen. Die Liegenschaft mitsamt Immobilie geht demnach nicht in städtischen Besitz über, sondern in Landesbesitz.

Zuständig sind dann die Oberfinanzdirektion Frankfurt und - als Dienstleister - der Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH). Der LBIH würde dann das Akquirieren von Kaufinteressenten sowie die Ausbietung und Versteigerung des Objektes übernehmen und abwickeln.

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