Kirsten Boie liest beim »Geschichts-Lese-Sommer«

»Ringel, Rangel, Rosen«, der harmlose Kinderreim klingt »wie ein Überbleibsel aus dem Paradies«, meint Kinderbuchautorin Kirsten Boie über den Titel ihres Jugendbuches, aus dem sie am Montagabend im KiZ las. Harmlos sind die Inhalte ihres Buches nicht.

Manche meinen sogar, es sei »überfrachtet«, berichtete Manuel Emmerich, vom Literarischen Zentrum, der Boie zur dritten und letzten, erneut sehr gut besuchten Lesung der Reihe »Geschichts-Lese-Sommer« begrüßte. Verfolgung der Juden im Holocaust, Erwachsenwerden und »der Abschied vom Paradies der Kindheit« sind die Themen, die Boie in ihrem Buch behandelt. »Wie bist Du auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?«, fragt eine Siebenjährige, die vor allem Boies Kinderbücher kennt. »Wenn ich etwas für Kinder schreibe, fallen mir jedes Mal Dinge ein, die ich als Kind erlebt habe«, berichtet die Autorin, die bereits seit 1982 Kinder- und Jugendbücher schreibt und für ihr Lebenswerk den Sonderpreis des Deutschen Jungendliteraturpreises erhielt.

Boie, 1950 geboren, wuchs in jenem Deutschland auf, in dem ihre fiktive Geschichte spielt, das geprägt war von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, aber auch von Schweigen und Sprachlosigkeit über die Zeit des Nationalsozialismus. Dieses Schweigen, das erst mit den Revolten der ’68er aufgebrochen wurde, sei erst durch den Prozess gegen Adolf Eichmann, der als SS-Obersturmbannführer Vertreibung und Deportation der Juden plante, erschüttert worden.

Aus Israel via Fernseher in die deutschen Wohnzimmer übertragen, habe dies zum ersten Mal die Jugendlichen mit der bis dahin totgeschwiegenen deutschen Geschichte konfrontiert, eine Welle von Fragen ausgelöst und eine Abgrenzung von der Generation der Eltern herbeigeführt.

Auch Karin und ihre Freundinnen, die Hauptfiguren ihres Romans, fangen an, sich die Frage zu stellen, welche Rolle ihre Eltern, Großeltern, Nachbarn und Bekannten gespielt haben. Wie passen das »ganz normale Jetzt« und das »schreckliche Damals« zusammen? Unmöglich, dass der nette, immer lachende »Onkel Heinrich« bei der Waffen-SS war – Verbrecher werden schließlich eingesperrt. Die Fragen und Fantasien sind kindlich, aber sie treffen ins Zentrum eines Schweigens, das die gesamte Gesellschaft prägte. »Niemand habe Interesse gehabt, die Geschehnisse aufzubereiten«, erläutert Boie. Ob denn ihr Buch für Kinder oder eher für Jugendliche geschrieben sei, will eine Schülerin wissen, die das Buch in der elften Klasse gelesen hat.

Denn die Themen sind anspruchsvoll, neben den Zweifeln an der Integrität ihrer Eltern, erlebt die in Hamburg in einer »Übergangssiedlung« für die Flüchtlinge des Krieges lebende Karin, den Verlust des Zuhauses und den Tod durch eine Sturmflut. Dagegen sind die Sätze, in denen Boie berichtet, kurz und klar und auch in der Sprache spiegelt sich die Naivität einer Dreizehnjährigen der damaligen Zeit. Kein Jugendlicher spreche heute noch von »Mutti und Vati«, bemerken die jugendlichen Leser. Bewusst habe sie diese Sprache gewählt, entgegnet Boie, denn es sei die Sprache und Gedankenwelt der 50er und 60er Jahre gewesen. In ihr zeige sich die Sehnsucht nach Normalität, die auch die Überlebenden der Shoah geprägt hat. Auch hier es sind nicht selten erst die Kinder oder sogar die Enkel, die mit Fragen Licht in die dunkle Vergangenheit bringen. So ist Boies Buch ein weiteres eindrucksvolles Beispiel für das zentrale Thema des »Geschichts-Lese-Sommers«, den das Literarische Zentrum, die JLU und die Frauenbeauftragte der Stadt zum dritten Mal veranstaltete: Der Versuch, Kindern- und Jugendlichen Geschichte näherzubringen. Viele Fragen wirft Boie in ihrem Buch auf, längst nicht alle, kann und will sie beantworten.

In vielem könnten sich heutige Jugendliche wiederfinden, Erwachsenwerden bedeute schließlich auch, sich von den Eltern abzugrenzen. Immerhin, sei das im Roman entwickelte Ende versöhnlich: »Vielleicht gibt es ein neues Paradies!« Doris Wirkner

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