Dirk Messner
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Dirk Messner

Auf der Kippe

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen(csk). Hier und da wackelt es schon bedenklich. Aber gekippt ist das globale Klima noch nicht. Um die nötige Stabilität wieder zu gewährleisten, plädierte Prof. Dirk Messner in der Uniaula für größtmögliche Bewegung. Das heißt, besser gesagt, für einen raschen Wandel.

Das Erdsystem oder die menschliche Art zu leben: Mindestens eines werde sich in naher Zukunft transformieren, betonte der seit Anfang Januar amtierende Präsident des Umweltbundesamtes im vorletzten Teil der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Landwirtschaft am Limit - Welternährung im Wandel". Mit dem Vortrag "Das Zeitalter des Anthropozäns - Zukünfte menschlicher Entwicklung" schlug er zwar auch deutlich vernehmbar Alarm. Seine Tonlage geriet jedoch gerade nicht alarmistisch, sondern besonnen und sogar verhalten zuversichtlich. "Wir bewegen uns in die richtige Richtung, aber möglicherweise nicht schnell genug", fasste der Politikwissenschaftler seine Einschätzung kurz vor Schluss selbst zusammen.

Das Panorama, das er bis dato entworfen hatte, ist im Prinzip bekannt: Spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wirke die Menschheit als "zerstörerische Kraft" auf den Planeten. Mit rasantem Ressourcenverbrauch, wachsender Weltbevölkerung und stetigem Streben nach Wohlstand habe sie die Erde mittlerweile an ihre Grenzen gebracht. Das "Anthropozän" müsse also vor allem dies erleben: ein großes Umdenken - gefolgt von einer nicht minder großen Transformation.

Die Technologien, um den CO2-Ausstoß schrittweise in Richtung null zu senken, seien längst vorhanden. Zudem sei das Bewusstsein für den Klimaschutz, an dem Messner seine Thesen hauptsächlich festmachte, "enorm gestiegen", und zwar in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fast gleichermaßen. Drittens habe man vielerorts "die Voraussetzungen geschaffen, dass Wandel möglich ist". Bloß die Realität, die sieht nach wie vor anders aus. Global steigen die Emissionen immer weiter.

Und jetzt? Jetzt gilt’s - raus aus den Puschen, rein in die Siebenmeilenstiefel. "Unser sehr kurzfristiges Handeln entscheidet darüber, ob wir ein neues Erdsystem schaffen oder nicht." Womit ein wesentlicher Faktor benannt ist: die Zeit. Bis 2050 müssten die Menschen ihre CO2-Emissionen in jeder Dekade halbieren, rechnete Messner vor. Sonst drohe ein "Kipp-Punkt" nach dem anderen erreicht zu werden, was jeweils irreversible Prozesse anschiebe.

"Wandel in den Köpfen" angemahnt

Am Ende sei die Welt kaum wiederzuerkennen. Schmelzende Polkappen, zerstörte Regenwälder und neue Wüsten wären einige Konsequenzen. Zu verhindern sei all das einzig und allein im Hier und Jetzt, betonte der Experte. Dabei erstrecke sich der menschliche Verantwortungshorizont meist nur zwei Generationen vor und zwei zurück. Statt der technischen rückte der Messner deshalb eine "moralische Revolution" in den Mittelpunkt. Maßgeblich sei ein Wandel in den Köpfen. "Nachhaltigkeit muss einen normativen Wert erhalten", forderte der Referent zum Beispiel. Dasselbe gelte für den Gedanken einer "Zirkularität" im ökonomischen Handeln.

Diese neue Einstellung speise sich besonders aus der passenden Motivation. "Zukunftslust" heiße ein Zauberwort, "Erdsystemverantwortung" ein anderes. Der Umbruch sei eben vor allem "eine politisch-kulturelle Frage". Letztlich gehe es darum, was zuerst nicht mehr nur wackelt.

"Wir befinden uns auch in unseren Gesellschaften - und nicht allein im Erdsystem - an einem Kipp-Punkt", schloss der Forscher mit dem Hinweis auf dringend notwendige "Häufigkeitsverdichtungen". Denn: "Am Anfang jedes großen Wandels steht eine sehr kleine Veränderung." FOTO: CSK

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