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Das Kinocenter in der Bahnhofstraße soll sich als Programmkino etablieren. FOTO: SCHEPP

Kino

Kinocenter Gießen auf einem guten Weg

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2013 wurde das Kinocenter in der Bahnhofsstraße an die Kinopolis-Gruppe angeschlossen: Nun ist es laut Leiter Martin Otto dabei, sich als Filmkunstkino zu etablieren.

Martin Otto kommt bei der Frage nach den aktuellen Veranstaltungen und Kooperationen des Kinocenters aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus. Flyer um Flyer legt er auf den Tisch - die Bilanz seiner Arbeit, seit er 2015 die Leitung des Kinocenters übernahm. Ungefähr zweieinhalb Jahre zuvor, im Spätherbst 2013, hatte das Kinopolis am Berliner Platz eröffnet. Für das Roxy und das Heli bedeutete das moderne High-Tech-Kino das Aus, nicht jedoch für das Kinocenter in der Bahnhofsstraße. Das 1912 eröffnete Lichtspielhaus, das seit den 70er Jahren in vier Kinosäle aufgeteilt ist, wurde von der Kinopolis-Gruppe übernommen, um das Programm des großen Kinos, in dem der Fokus auf Blockbustern liegt, zu ergänzen. Keine leichte Aufgabe, gerade weil es in Lich mit dem "Traumstern" bereits ein etabliertes Programmkino gibt.

Doch Martin Otto widmet sich der Herausforderung mit Freude und großem Engagement. "Kino ist mehr als bewegtes Bild auf Leinwand", findet er. "Es geht auch um das Gefühl, das damit verbunden ist."

Damit meint er, dass das kleine Kino einen besonderen Charme habe, den er als "revolutionär-nostalgisch" bezeichnet. Zudem konzentriere man sich im Kino auf eine einzige Sache. Da Zeit in unserer Gesellschaft das "größte Luxusgut" sei, sei ein Kinobesuch gewissermaßen auch Luxus. Finanziell sei es günstiger als viele andere Aktivitäten und Veranstaltungen. Etwa durch Aktionen wie "Mein erster Kinobesuch", bei der Familien mit Kindern für zwei Euro pro Person und bei gedimmtem Licht das Erlebnis Kino ausprobieren können, ohne gleich einen hohen Betrag loszuwerden. Getränke und Snacks gebe es bewusst auch in kleineren Portionen, um Kino für mehr Menschen erschwinglich zu machen. Live-Übertragungen von Konzerten, Aufnahmen von Ballettaufführungen oder Dokumentationen über Kunstausstellungen im Kino seien deutlich günstiger als der Besuch der entsprechenden Live-Veranstaltung.

Im Rahmen einer Kooperation der Kulturloge Gießen werde im Schnitt einer Familie pro Woche ein vergünstigter Kinobesuch ermöglicht, und auch das "Tatort"-Schauen sonntagsabends im Kino sei kostenlos, um das gemeinschaftliche Schauen anzuregen, das gefühlt immer weniger werde.

"Das Kino ist ein Schmelztiegel der Gesellschaft. Hier wird die Schwelle nicht so hoch empfunden wie es beispielsweise im Theater leider oft der Fall ist", meint Otto und sieht dies als Chance, den gesellschaftlichen Austausch anzuregen. So kämen beim monatlichen "Kino für Junggebliebene" die Leute oft früher, um sich im Foyer noch zu unterhalten. Filmgespräche mit Filmemachern oder Regisseuren würden oftmals interessante Diskussionen anregen. "Bei der Programmgestaltung schrecken wir ganz bewusst auch vor schwierigen Themen nicht zurück", betont Otto - und nennt die Ausstrahlung der Dokumentation über die Lifeline sowie die Ausstrahlung von "Montags in Dresden" als Beispiele. "Auch wenn man bestimmte Dinge anders sieht, ist es sinnvoll, ein analoges Forum für Diskussionen zu bieten".

Viele Veranstaltungen und Filmgespräche sind Kooperationen mit Partnern - auch Amnesty International war schon dabei. Besonders eng arbeite man mit der Fachjournalistik Geschichte und der Slawistik zusammen, aber auch andere Fachbereiche der Universität seien öfter Veranstaltungspartner. Bereits seit zehn Jahren organisiere man mit dem Horst-Eberhard-Richter-Institut die Reihe "Psychoanalyse und Film". Auch Sondervorstellungen für Schulen außerhalb der Öffnungszeiten, Vorab-Ausstrahlungen und Filmvorführungen in Originalsprache biete das Kinocenter an. Der Fokus liege auf Europa, da man seit 2015 von European Cinemas gefördert werde, was ein gewisses Pensum an europäischen Filmen erfordere. Auch wenig beachteten Produktionen eine Chance geben und Diversität schaffen ist Ottos Credo. "Gerade war ein Mann hier, der 400 Kilometer gefahren ist, um einen Film bei uns zu sehen. Das ist natürlich die schönste Auszeichnung für unsere Arbeit", erzählt er.

Auch der regionale Aspekt ist Otto wichtig: Weine des Weinwerks im Schiffenberger Weg, Schlammbeiser-Bier und weitere lokale Produkte finden sich im Verkaufsssortiment, das er selbst testet und verändert - offen für Neues, wie er sagt.

Für 2020 stellt Otto einige Highlights in Aussicht: Etwa die Teilnahme am ersten Hessischen Dokumentarfilmtag oder die erneute Partizipation an der Seriale, bei der es auch kleine Serien auf die große Leinwand schaffen.

Für seine bisherige Zeit als Leiter des Kinocenters zieht Otto eine positive Bilanz. "Unser mittel- und langfristiges Ziel ist es, uns als programmatisch anerkanntes Kino zu etablieren. Wir sind auf einem guten Weg. Ich bekomme immer mehr positive Rückmeldungen für das, was wir tun."

Hessischer Dokumentarfilmtag

Das Kinocenter ist eins von neun Kinos, das am 26. Januar am Hessischen Dokumentarfilmtag teilnimmt. Passend zum Motto "Näher an der Wirklichkeit" wird um 17.30 Uhr der Dokumentarfilm "All Creatures Welcome" gezeigt, der die Utopie einer Gesellschaft im digitalen Zeitalter skizziert.

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