Unzählige Schätze schlummern in den Kartons. FOTO: SCHEPP
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Unzählige Schätze schlummern in den Kartons. FOTO: SCHEPP

Kinderspaß trifft Forschergeist

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Es ist wieder die Zeit im Jahr, in der Eltern und Großeltern auf die Jagd nach Spielzeugen gehen. Doch was haben eigentlich frühere Generationen unter den Christbaum gelegt? Antworten liefert eine ganz besondere Sammlung der Gießener Justus-Liebig-Universität.

Wir gehen zu Mieskes. Wenn dieser Satz im Hause Gail fiel, bekamen die beiden Kinder leuchtende Augen. Für die achtjährige Karola und ihren vier Jahre jüngeren Bruder Steffen waren die vier Worte Auftakt eines ausgedehnten Spiele-Marathons in der Stephanstraße. "Dort gab es einen wunderschönen verwilderten Garten, in dem wir toben konnten. Wir haben aber auch viel drinnen gespielt", erinnert sich Karola, die heute den Nachnamen Schepp trägt, rund vier Jahrzehnte später. Dann fügt sie an: "Als Kinder haben wir gar nicht mitbekommen, dass wir beobachtet werden." Denn während Karola, Steffen und die anderen Kinder mit den neuesten Puppen, Actionfiguren oder Puzzlespielen beschäftigt waren, saßen hinter einer Scheibe Wissenschaftler und studierten das Verhalten der "Versuchskaninchen".

Über 3000 Spielsachen

Hans Mieskes war Erziehungswissenschaftler an der Justus-Liebig-Universität. Sein Forschungsinteresse galt der Spielpädagogik. Um zu untersuchen, welchen Einfluss Spielzeuge auf Kinder haben, legte der Professor eine umfangreiche Sammlung an Spielmitteln an. Über 3000 Objekte kamen zwischen 1961 und 1981 zusammen. Und die sind immer noch im Besitz der Universität.

Irgendwo im Klinikviertel: Alissa Theiß steht in einem Raum, in dem sich die Pappkartons bis zur Decke stapeln. In den beiden Nebenräumen sieht es nicht anders aus. "Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland nicht", sagt die Sammlungskoordinatorin der Justus-Liebig-Universität staunend. In den über 200 Kartons schlummert jenes Spielzeug, mit dem Mieskes und sein Team zwei Jahrzehnte lang geforscht hat. "Er wollte damals mehr Praxis in das pädagogische Studium bringen und hat daher Spielzeugfirmen angeschrieben mit der Bitte, die neuesten Spielzeuge für sein Vorhaben zu spenden", erzählt Theiß. Aus dem Projekt wurde mit der Zeit eine Arbeitsgemeinschaft, in der auch viele Studenten mitwirkten. Die für die Untersuchungen benötigten Probanden fand Mieskes in den Kindergärten und Schulen der Stadt. "Rund 120 Kinder zwischen drei und 14 Jahren kamen zweimal in der Woche zum Spielen in die Stephanstraße", sagt Theiß. Zudem habe es jährlich im Sommer eine "Woche des Spielens" gegeben.

Schon damals Kritik an Rollenklischees

Beim Blick in die Kartons und die Regale dürften nicht nur Kinderaugen größer werden. Carrerabahnen, Actionfiguren, Tischkicker, Kuscheltiere, Kasperle-Theater, Lego, Duplo, Fischer Price und viele weitere Klassiker erinnern an lange Nachmittage in den Kinderzimmern des Landes. Hinzu kommen etliche Kochutensilien, die vor allem die Mädchen der 60er Jahre auf eine Karriere hinterm Herd vorbereiten sollten. "Diese Rollenfestlegung haben Mieskes und seine Mitarbeiter schon damals kritisiert", sagt Theiß. "Die Wissenschaftler hatten große Bedenken, da gerade Mädchen aus bildungsfernen Schichten nichts anderes als diese Haushaltsutensilien angeboten wurde."

Das zeigt: Auch wenn die Spielsachen schon lange nicht mehr eingesetzt werden, liefern sie heute noch spannende kulturhistorische Einblicke. Auch zum Thema Mode. Wer sich durch den Karton mit der Aufschrift "Barby" wühlt, wird Puppen in Kleidern der 60er, 70er und 80er Jahre finden. Pettycoat meets Minirock. Aber nicht nur für die Forschung war Mieskes’ Arbeit aufschlussreich. Auch die Spielzeughersteller profitierten. Sie erfuhren von der Gießener Arbeitsgruppe nicht nur potenzielle Gefahrenquellen, sondern auch, welche Spielsachen bei der Jugend besonders gut ankamen.

Und nicht zuletzt waren die Spieletage in der Stephanstraße auch für die beteiligten Familien von Vorteil. Die Kinder hatten Spaß und konnten neue Spiele ausprobieren. "Außerdem erhielten unsere Eltern eine Rückmeldung über unsere Interessen und Fähigkeiten", erinnert sich Karola Schepp.

Ihrem Bruder wurden damals beispielsweise besondere technische Fertigkeiten attestiert. Heute arbeitet er für einen namenhaften Automobilzulieferer und sorgt dafür, dass Bremsen oder Kupplungen von Rennwagen der Formel 1 optimiert werden.

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