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Die "Nummer gegen Kummer" wählen Kinder und Jugendliche nahezu ausschließlich per Handy. Immer öfter wenden sie sich in Gruppen an die Nummer. (Schepp)

Kinder- und Jugendtelefon in Ferien stark gefragt

Einsamkeit, Gedanken über Selbstmord, sexueller Missbrauch: Das Kinder- und Jugendtelefon klingelt ohne Unterbrechung. In Gießen arbeiten 30 Ehrenamtliche für die "Nummer gegen Kummer". Ratschläge oder gar Lösungen geben sie den Anrufern allerdings nicht.

Gießen (srs). Irgendwo in Gießen: In einem schlicht eingerichteten Büro stehen ein Schreibtisch und ein Stuhl. Nahezu pausenlos schellt ein Telefon. Ein Ehrenamtlicher nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende melden sich Jugendliche. Weinend traut sich ein Junge zum ersten Mal, von einem sexuellen Missbrauch zu berichten. Eine Anruferin weiß nicht mehr weiter, wie sie ihre Essstörung überwinden kann. Dann kündigt ein Mädchen am Telefon an, sich das Leben nehmen zu wollen. Über 1 700 Gespräche führten die Gießener Berater der "Nummer gegen Kummer" im vergangenen Jahr.

Wieder klingelt es. "Kinder- und Jugendtelefon, hallo", meldet sich Marco mit sanfter, ruhiger Stimme. Bei dem Gespräch ist die Gießener Allgemeine Zeitung selbstverständlich nicht dabei. Marco, ein 32-jähriger Psychologe, erzählt: "Es war ein Mädchen, nicht älter als 11 Jahre. Sie hat mir berichtet, ihre Reitlehrerin möge sie nicht besonders, schimpfe sie immer wieder aus.

" Aus Sicht des 32-Jährigen entwickelt sich "ein perfektes Beratungsgespräch". Denn: "Ich finde es gut, wenn Kinder selbst auf Lösungen kommen." Das Mädchen fragt er: "Was wäre, wenn eine Freundin ein ähnliches Problem hätte? Was würdest du ihr raten?" Die junge Anruferin überlegt – und kommt auf die Idee, ihre Reitlehrerin anzusprechen. Nach dem Gespräch bedauert Marco nur eines: "Schade, wenn man nicht weiß, wie die Geschichte ausgeht."

Seit acht Jahren arbeitet er für das Kinder- und Jugendtelefon. Nach einer halbjährigen Ausbildung mit 100 Stunden Theorie, praktischen Übungen sowie ersten Beratungsgesprächen unter Begleitung. Seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen. Denn was wäre, wenn ein Jugendlicher ihn erkennt, zum Beispiel als Nachbarn – und sich nicht traut, bei der "Nummer gegen Kummer" anzurufen? Auch im Freundes- und Bekanntenkreis halten die Berater sich zurück, von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit zu erzählen. Die Organisatoren des Kinder- und Jugendtelefons verraten nicht einmal, wo genau das Büro untergebracht ist. "Anonymität", erklären sie, "ist unser höchstes Gut."

In den Ferien stark gefragt

Konsequenzen zieht ein Anruf bei der "Nummer gegen Kummer" nicht nach sich. "Wir schalten die Polizei nicht ein", erklärt die Koordinatorin des Kinder- und Jugendtelefons, Kristina Lehfeldt. Auch dann nicht, wenn beispielsweise ein Kind über sexuellen Missbrauch berichtet. "Wir hören zu, ermutigen und weisen auf Beratungsstellen hin."

Seit 1979 gibt es in Gießen das Kinder- und Jugendtelefon, ins Leben gerufen vom Verein "Eltern helfen Eltern", der auch heute noch der Träger ist. Inzwischen sind die bundesweit 82 regionalen Kinder- und Jugendtelefone zu einem Angebot verbunden. Anrufe aus Gießen landen deshalb nur noch selten im Büro vor Ort. Nur dann, wenn Jugendliche aus Stadt und Kreis per Festnetz anrufen. Die große Mehrheit aber wählt die Nummer per Handy – und wird dann in ganz Deutschland weitergeleitet, wo eben gerade ein Berater zur Verfügung steht.

Knapp 30 ehrenamtliche Berater arbeiten für die "Nummer gegen Kummer" in Gießen, zum großen Teil Studenten. 1 741 Beratungsgespräche haben sie 2015 geführt. Das Psychologiestudium sei eintönig, erklärt Katharina ihre Motivation. Es gibt nur ein Telefon, an dem die Berater abwechselnd sitzen. Ihre Schichten dauern in der Regel zwei Stunden.

In der Ferienzeit steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die die "Nummer gegen Kummer" wählen. Der August ist der Monat mit den meisten Anrufen. Über den Grund kann die Koordinatorin, Kristina Lehfeldt, nur spekulieren: Eine mögliche Erklärung "wäre tatsächlich: Die Jugendlichen beschäftigen sich mehr mit sich, ihren Freunden und der Familie. Da kommen dann vielleicht die Dinge hoch, die ansonsten im Alltag verdrängt werden."

Schlechte Noten in der Schule, Mobbing – und vor allem Fragen der Pubertät: Die Sorgen der Jugendlichen, haben sich in den vergangenen 20 Jahren kaum geändert, berichtet Lehfeldt. Unsicherheit über das eigene Aussehen oder "Wie überwinde ich nur meinen Liebeskummer?" sind häufig gestellte Fragen. In jedem fünften Gespräch geht es um Liebe und Partnerschaft, jedes dritte dreht sich um Fragen der Sexualität.

Berater und Organisatoren des Kinder- und Jugendtelefons heben immer wieder eines hervor: Ratschläge oder gar Lösungen für Probleme wolle man nicht bieten. "Wir sind nicht die Hotline von Samsung: Mein Handy hat Probleme. Auf welchen Knopf muss ich drücken? So ist es bei uns halt nicht", sagt Marco. "Wir hören zu. Wir geben Mut, zeigen Verständnis. Wir helfen, die Gedanken der Anrufer zu strukturieren. Wenn jemand emotionalen Stress hat, ist in seinem Kopf ein Durcheinander."

Wieder klingelt im Büro der "Nummer gegen Kummer" das Telefon. Ein Mädchen meldet sich. Sie erzählt von der Trennung ihrer Eltern und von Schulstress. Dann hält sie schließlich fest: "Am liebsten will ich gar nicht mehr leben." Der Berater am anderen Ende stockt für einen Moment. Dann hört er dem Mädchen einfach zu. Bis sie einmal kurz auflacht. "Es hatte irgendwas mit dem Fußballtrainer Klopp zu tun", erinnert sich der Berater. "Ich habe sie auf das Lachen angesprochen: "Ist dir etwas aufgefallen? Du willst nicht mehr leben, kannst dich aber über Sachen freuen. Das Leben ist eben nicht nur schwarz und dunkel." Diese kleinen Momente, ein solches aktives Zuhören, erzählt der Helfer der "Nummer gegen Kummer", seien viel wertvoller als Ratschläge oder Floskeln der Aufmunterung.

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