Kinder-Betreuungsplätze drohen wegzufallen

Gießen (jri). Mehrere Betreuungsplätze für Kleinkinder in der Stadt drohen möglicherweise noch in diesem Jahr wegzufallen. Diese Sorge beschäftigt derzeit den Gießener Verein "Eltern helfen Eltern". Denn seit Beginn des Jahres 2009 müssen alle Tagespflegepersonen (sogenannte "Tagesmütter" und "Tagesväter") die Einkünfte aus ihrer Tätigkeit vollständig versteuern.

Gießen (jri). Mehrere Betreuungsplätze für Kleinkinder in der Stadt drohen möglicherweise noch in diesem Jahr wegzufallen. Diese Sorge beschäftigt derzeit den Gießener Verein "Eltern helfen Eltern". Denn seit Beginn des Jahres 2009 müssen alle Tagespflegepersonen (sogenannte "Tagesmütter" und "Tagesväter") die Einkünfte aus ihrer Tätigkeit vollständig versteuern. Bisher waren nur die privat eingenommenen Beträge steuerpflichtig, während das vom Jugendamt gezahlte Geld für die Betreuung steuerfrei erwirtschaftet werden durfte. "Einige Tagesmütter sind durch dieses neue Gesetz sehr verunsichert und haben angekündigt, dass sie die Zahl der von ihnen angeboten Betreuungsplätze eventuell reduzieren wollen, weil es sich aus steuerlichen Gründen nicht mehr lohnt", sagt Brita Ratzel, stellvertretende Vorsitzende des Vereins "Eltern helfen Eltern".

Sollten Plätze wegbrechen, wäre dies vor allem für Eltern schlecht, die noch auf der Suche nach einer Tagespflegestelle für ihre Sprösslinge sind. "Ein Verlust bei den Tagesmüttern kann nicht von den Kitas aufgefangen werden, denn die sind in der Regel voll besetzt", erläutert Ratzel. Ihre Kollegin Christine Rinn ergänzt: "Wir brauchen dringend jede Tagesmutter."

Derzeit vermittelt das Tagespflegebüro des Vereins "Eltern helfen Eltern" in Stadt und Kreis Gießen etwa 120 Tagesmütter an Erziehungsberechtigte. Nach den Worten von Ratzel und Rinn halten sich Angebot und Nachfrage bislang noch in etwa die Waage, wobei Betreuungswünsche von Eltern um 5 Uhr morgens oder nach 18 Uhr abends in der Regel schwer zu vermitteln sind.

Bis zu fünf Kinder können die Tagespflegepersonen, die ihre Eignung für diese Aufgabe nachweisen müssen, gleichzeitig pro Tag betreuen. Das Jugendamt zahlt Tagesmüttern in der Stadt Gießen 3,05 Euro pro Kind und Stunde. Im Kreis Gießen liegt dieser Betrag bei 2,20 Euro. "Es ist schon ein Unterschied, ob man diese 3,05 Euro pro Kind und Stunde nun versteuern muss oder nicht. Über die neue Regelung freut sich niemand, das tut weh, auch wenn als Betriebsausgabe pauschal ein Betrag von 300 Euro pro vollzeitbetreutem Kind und Monat geltend gemacht werden kann", so Ratzel.

Die Belastung treffe die Tagesmütter an unterschiedlichen Stellen und hänge von der individuellen Situation ab. "Viele rechnen jetzt genau und schauen, welche Plätze sie möglicherweise reduzieren müssen." Bei acht Stunden Betreuung am Tag an fünf Tagen in der Woche kommen pro Kind im Monat rund 500 Euro zusammen. Bei fünf Kindern erhält eine maximal ausgelastete Tagesmutter demnach etwa 2500 Euro vom Jugendamt.

Diese volle Auslastung ist jedoch eher selten, weil viele Kinder beispielsweise nur an drei oder vier Tagen in der Woche - und dann auch nur für fünf oder sechs Stunden am Tag - in die Obhut der Tagesmütter gegeben werden. Insgesamt sieht es derzeit danach aus, dass aus der Tagespflege ein neuer Berufsstand geschaffen wird. "Früher war es einfach die Nachbarin, die das Kind mitbetreut hat. Jetzt ist die Professionalität gestiegen", erläutert Ratzel. Die Tagesmütter müssen Erste-Hilfe-Kurse belegen und sich auch mit zahlreichen anderen Seminaren kontinuierlich weiterbilden.

In der Stadt Gießen wurden im Jahr 2008 (Stichtag: 15. März) 137 Kinder offiziell bei Tagesmüttern untergebracht und beim Jugendamt angemeldet. 113 dieser Kinder waren jünger als drei Jahre. 70 Kinder erhielten an fünf Tagen in der Woche Betreuung, davon 31 für mehr als sieben Stunden am Tag. 31 Kinder wurden an vier Tagen, 21 an drei Tagen und 14 an zwei Tagen pro Woche in die Obhut von Tagesmüttern gegeben. Diese Zahlen nannte Jugendhilfeplanerin Gabi Keiner auf Anfrage.

Wie viele Betreuungsplätze in der Tagespflege aufgrund der neuen steuerlichen Regelung möglicherweise verloren gehen könnten, wollte Brita Ratzel von "Eltern helfen Eltern" noch nicht abschätzen: "Eine Bilanz können wir vermutlich erst in rund einem Jahr ziehen, wenn die ersten Tagesmütter ihre Steuerbescheide erhalten." Es sei ihr jedoch wichtig, jetzt schon auf das Problem aufmerksam zu machen. "Für junge Familien, in denen beide Elternteile in Voll- oder Teilzeit berufstätig sind, zählt in Anbetracht der überfüllten Kitas jeder Tagesmutter-Platz."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare