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Der Gießener Kopf erinnert vor dem Neuen Schloss an Helge Pross.

Keinem Zeitgeist unterworfen

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Eine an der Uni Siegen verfasste Biografie erinnert an die Gießener Soziologin Helge Pross. An ihrer früheren Wirkungsstätte ist die Erinnerung an die streitbare Professorin und Pionierin der Frauen- und Genderforschung allerdings nicht ungetrübt.

An die Soziologie-Professorin Helge Pross (1927 bis 1984) erinnert ein Bronzekopf vor dem Neuen Schloss. Pross war 1965 nach Gießen gekommen, sie sollte das Institut für Soziologie aufbauen. Nach konfliktreichen elf Jahren verließ sie die Gießener Uni und ging an die neue Gesamthochschule in Siegen. Dort schätzte und ehrte man sie, dorthin gab ihr zweiter Ehemann Karl W. Boetticher ihren Nachlass. Nun ist auf dieser Basis eine Biografie verfasst worden.

Der Nachlass wurde bereits Mitte der 90er Jahre von Sabine Hering erschlossen. Doch erst nach der Vergabe des Helge-Pross-Preises der Uni Siegen 2017 kam es zu der Initiative, eine öffentlichkeitswirksame Publikation zu ihrem Leben und Werk zu schreiben. Prof. Sabine Hering und Elke Hüwel übernahmen die Aufgabe. Aus den Dokumenten im Nachlass zitieren sie reichlich, was diese Schrift sehr authentisch macht. Das sind Briefe von Helge Pross selbst, Auszüge aus einer Publikation des ersten Ehemannes Harry Pross, aus Beschreibungen von Freunden, Kollegen und aus der Grabrede der Gießener Professorin Rosemarie von Schweitzer. Das schmale Buch ist in gedruckter Form und als pdf-Download erhältlich.

Im Streit die JLU verlassen

Geboren als Helge Nyssen 1927 in Düsseldorf, wuchs sie in einer gutbürgerlichen Familie auf. Ihr Vater war leitender Angestellter in der Rüstungsindustrie und NS-Mitläufer. Sie ging zum Studium 1946 nach Heidelberg, wollte eigentlich Journalistin werden, wählte dann aber Soziologie. Sie war eine der ganz wenigen Studentinnen, da die Studienplätze den Kriegsheimkehrern vorbehalten blieben. Sie beschreibt die Situation als "unwirklich", da alle Kommilitonen eine Kriegsverwundung aufwiesen. Und sie würdigt die Leistung der Professoren, die den in der Diktatur aufgewachsenen jungen Menschen die Werte der Demokratie beibrachten.

Nach dem Studium wurde sie mit der Realität konfrontiert, dass niemand Soziologen anstellte. Sie habe sich "erst einmal in die Ehe gerettet", wie sie schreibt, "und das ging dann auch prompt schief." Aber diese Verbindung mit Harry Pross brachte sie per Stipendium 1952 in die USA, wo sie zu deutschen Exil-Wissenschaftlern forschte und den Politologen Franz Neumann kennenlernte. Sie kamen sich auch persönlich näher und wollten Ende 1954 heiraten. Drei Monate vorher starb er bei einem Autounfall.

Das Frankfurter Institut für Sozialforschung stellte Pross ein. Fast zwölf Jahre arbeitete sie dort als Assistentin, unterrichtete und publizierte, begann mit ihren Vorträgen, die bald zu weltweiten Reisen wurden.

Ihre Jahre an der Gießener Uni (1965 bis 1976) waren erschwert von Auseinandersetzungen mit den Kollegen. Ein Streit, den sie offen führte, hatte zahlreiche Schlagzeilen zur Folge, bis in den "Spiegel". Sie fühlte sich durch die männlich besetzten Gremien behindert bei ihrer Arbeit als Dekanin, als Leiterin der Pressestelle und in der Redaktion der Universitätsblätter. Es war außerdem die Zeit der 68er-Studentenproteste. Sie aber unterwarf sich keiner zeitgeistigen Strömung. Sie arbeitete empirisch, versuchte alle Seiten sachlich und ohne Vorurteile zu betrachten. So kam es, dass sie mit ihrer Untersuchung zur Lebenswirklichkeit der Hausfrau nicht auf Gegenliebe bei sich emanzipierenden Frauen stieß. Sie verließ Gießen im Streit und lehrte ab 1976 in Siegen.

Am 2. Oktober 1984 starb Pross, sie wurde auf dem Friedhof im langjährigen Wohnort Biebertal-Königsberg beigesetzt. Im Juni 1985 wurde in Siegen eine akademische Gedenkfeier ausgerichtet. Dort bewahrte man ihr Andenken, was aber nicht zu einem größeren Bekanntheitsgrad ihrer Schriften führte. Eine Herausgabe ist in Planung.

In Gießen erfolgte die Würdigung eher zeitverzögert: erstmals in Kurzform in der Publikation "Frauen in der Gießener Geschichte" (Dagmar Klein, 1997), in den Ausstellungen 90 Jahre und 100 Jahre "Frauen an der Universität". 2011 erhielt Helge Pross ein Denkmal im Rahmen der Reihe Gießener Köpfe. 2013 richtete die Uni Gießen den Helge-Agnes-Pross-Förderpreis für wissenschaftlichen Nachwuchs ein. Derzeit arbeitet die Gießener Politologin Prof. Barbara Holland-Cunz an einer umfassenden Würdigung des Lebens und Werks von Helge Pross.

S. Hering/E. Hüwel: Helge Pross. Wegbereiterin der Frauenforschung. Biographisches aus dem Nachlass; Siegen: universi 2019, 114 S., ISBN 978-3-96182-018-4, Preis: 9,80 Euro; Download unter: www.universi.uni-siegen.de/katalog/einzelpublikationen/855642.html.

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