Keine Strafe für Tankstellenraub

  • Guido Tamme
    vonGuido Tamme
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Gießen(ta). Eine Sicherungsverwahrung drohte einer Gießenerin, die sich am 2. Weihnachtsfeiertag 2019 eines besonders schweren Tankstellen-raubes schuldig gemacht hatte, begangen im Zustand der Schuldunfähigkeit. Doch die 9. große Strafkammer am Landgericht sah keine Wiederholungsgefahr und folgte deshalb in ihrem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft, auf eine dauerhafte Unterbringung der 51-Jährigen in einem psychiatrischen Krankenhaus zu verzichten.

Wie bereits berichtet, hatte die Beschuldigte kurz nach dem Abbruch einer freiwilligen Entgiftung wegen ihrer Alkohol- und Valiumsucht eine Tankstelle an der Marburger Straße angesteuert, um sich mit alkoholischen Mixgetränken einzudecken. Weil sie nicht mittels EC-Karte bezahlen konnte, bedrohte sie den Kassierer zweimal mit einem Elektroschocker, um im Besitz der Ware zu bleiben. Wenig später stürmte ein Polizeikommando ihre in der Nähe gelegene Wohnung, um die Räuberin vorläufig festzunehmen.

Staatsanwalt Benedikt Zdziarstek folgte in seinem Plädoyer im Wesentlichen den Ausführungen des Psychiaters Prof. Phillip Grant (Frankfurt), Der hatte am zweiten Verhandlungstag seine ursprüngliche Diagnose revidiert, die zum Antrag der Staatsanwaltschaft auf Sicherungsverwahrung geführt hatte.

Die gelernte Bürokauffrau leidet dem Sachverständigen zufolge schon ihr Leben lang unter einer Anpassungsstörung mit Angstzuständen. Das habe sie ab 2017 nach mehreren privaten Schicksalsschlägen verstärkt mit Beruhigungstabletten und Weinschorle kompensieren wollen. Die Straftat nach dem gescheiterten Entzug sei insofern als Dekompensation zu bewerten.

Therapie erfolgreich

Die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt sei nicht erforderlich, weil zwar ein schädlicher Drogenmissbrauch vorgelegen habe, aber kein dauerhafter und lebensbeeinträchtigender Hang, betonte der Staatsanwalt. Auch eine Sicherungsverwahrung sei nicht vonnöten, da keine erhöhte Wahrscheinlichkeit für die Begehung neuerlicher Straftaten bestehe. Denn die Tat am Weihnachtsfest sei im Zustand einer akuten vorü- bergehenden psychotischen Störung mit schizophrenen Symptomen begangen worden

Im Urteil zu berücksichtigen sei auch die Eigenmotivation der Beschuldigten, die erfolgreich eine stationäre Therapie absolviert habe, abstinent lebe und weiterhin ambulant behandelt werde. Dem schloss sich Verteidiger Alexander Velten an. Entscheidend sei, dass seine Mandantin vorher noch nie polizeilich aufgefallen war, betonte er. Nach der Tat habe sie erkannt, dass sie Hilfe benötigt.

"Das tut mir alles sehr leid", versicherte die Beschuldigte in ihrem Schlusswort mit Tränen in den Augen. "Die größte Strafe habe ich mir selbst gegeben durch all das, was ich in diesem Prozess erfahren und selbst über mich nicht gewusst habe." "Eine Sicherungsverwahrung wäre ein zu schwerer Eingriff ins Privatleben", erklärte Vorsitzender Klaus Bergmann das Urteil. "Sie müssen hart an sich arbeiten", gab er der Gießenerin mit auf den Weg.

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