Unterhalb des E-Klos war der Stammplatz von Susanne M. Hier hat die Prostituierte in der Regel auf ihre Freier gewartet. FOTO: SCHEPP
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Unterhalb des E-Klos war der Stammplatz von Susanne M. Hier hat die Prostituierte in der Regel auf ihre Freier gewartet. FOTO: SCHEPP

Mord verjährt nicht

Keine Spur von Susannes Mörder in Gießen

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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In Gießen wird im Mai 1991die 26 Jahre Susanne M. mit ihrem Halstuch erdrosselt. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

Als kein Leben mehr in Susanne M. war, warf ihr Mörder sie weg. Er hatte die 26 Jahre alte Kleinlindenerin in der Nacht zum 26. Mai 1991 erdrosselt und unterhalb der Lahnstraße auf einem Abstellplatz für Müllcontainer abgelegt. Bis heute gibt es keinen konkreten Tatverdächtigen; alle Spuren liefen bislang ins Leere.

Der 26. Mai 1991 ist ein Sonntagmorgen. Ein Familienvater ist mit seinen beiden Kindern mit den Fahrrädern unterwegs. Die Strecke entlang der Lahn ist wegen ihrer Flussnähe nicht nur schön, sondern auch praktisch, um dem Stadtverkehr zu entgehen. Gegen 11.30 Uhr machen sie unterhalb der Lahnstraße eine Entdeckung: Auf einem von Büschen umrahmten Platz neben einer schmalen Straße zur alten Müllzerkleinerungsanlage und in Nachbarschaft einiger Kleingärten sowie der Kläranlage liegt eine Frau. Der Vater alarmiert die Polizei.

Eine Streifenwagenbesatzung wird zum Fundort geschickt. Neben dem rechten von drei großen Müllcontainern finden sie die junge zierliche Frau mit braunen, schulterlangen Haaren. Sie ist nur halb bekleidet, trägt eine braune Lederjacke und hat ein Tuch um ihren Hals verknotet. Die Polizisten informieren über Funk die Mord-Ermittler auf der Wache: "Das ist ein Fall für euch. Es ist ein Tötungsdelikt."

Susanne M. ist eine attraktive Frau. Auf einem Foto, das die Polizei im Rahmen ihrer Ermittlungen veröffentlicht, schaut sie selbstbewusst und mit festem Blick in die Kamera. Ihr Haar ist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und fällt lässig auf ihre linke Schulter. Für die Polizei ist Susanne M. keine Unbekannte: Beim Rauschgiftkommissariat K 13 ist sie als Fixerin und Prostituierte registriert. Um ihren Heroinkonsum zu finanzieren, geht sie auf den Strich. Ihren Platz hat sie im sogenannten Dirnen-Sperrgebiet unter dem Elefantenklo. An der Ecke Westanlage/Frankfurter Straße wartet sie auf Freier und lotst sie dann auf den verlassenen Platz unterhalb der Lahnstraße - dem späteren Fundort ihrer Leiche.

An jenem Mai-Sonntag beginnen die Mord-Ermittler und die Beamten der Spurensicherung gegen 12 Uhr mit der Tatortarbeit. Ebenfalls vor Ort sindein Bereitschafts-Staatsanwalt und ein Gerichtsmediziner. Schnell stellen sie fest, dass der Personalausweis von Susanne M., ein Portemonnaie mit einem kleineren Geldbetrag und ihr linker Schuh fehlen. Dabei handelt es sich um einen weißen Adidas-Sneaker mit auffällig neongrün-orangefarbenem Schnürsenkel. Der rechte Schuh liegt nahe der zu diesem Zeitpunkt noch namenlosen Leiche.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter den Ausweis und die Geldbörse mitgenommen hat, um die Identifizierung der Toten zu erschweren. Doch die Polizei hat schnell einen Verdacht, wer die junge Frau sein könnte. Gegen 13.30 Uhr wird ein Bekannter von Susanne M. zum Abstellplatz gebracht. Der wirft einen Blick auf die Leiche: "Das ist Susanne. Sie ist nicht nach Hause gekommen", sagt er und muss sich für einen Augenblick gegen die Stahlwand des Containers lehnen. Anschließend bringen ihn die Beamten ins Kommissariat für Kapitalverbrechen (K 11) und vernehmen ihn dort.

Eine Sonderkommission unter der Leitung von Kommissar Heinz Hillgärtner nimmt ihre Arbeit auf. Die Beamten versuchen, die letzten Stunden von Susanne M. zu rekonstruieren. Am Samstag, 25. Mai, wird sie gegen 23 Uhr an ihrem Stammplatz unter dem E-Klo gesehen. Gegen 1.15 Uhr soll sich Susanne M. noch mal an der Tankstelle im oberen Teil der Frankfurter Straße aufgehalten haben; dann verliert sich ihre Spur.

Die Soko-Ermittler gehen davon aus, dass Susanne M. von ihrem letzten Freier ermordet wurde. Über den Grund kann man nur spekulieren. Die Gerichtsmediziner, die den Leichnam untersuchen, bestätigen jedenfalls, dass die Frau mit ihrem eigenen Schal erdrosselt wurde. Dann hat der Mörder ihre Leiche wohl aus seinem Fahrzeug gehoben und über das Gelände geschleift. Darauf deuten die Tatortspuren hin. Er muss die Sexarbeiterin dann zwischen Container und Buschwerk ablegt haben und verschwunden sein.

Die Polizei verteilt Handzettel mit einem Foto der Ermordeten an Nachtschwärmer oder Taxifahrer in der Innenstadt. Wer hat Susanne M. an jenem Maiabend gesehen? Zu wem ist sie ins Auto gestiegen? Weiß jemand etwas über den verschwundenen Adidas-Sneaker? Ein Kleingärtner und dessen Schwiegersohn haben für die Polizei einen interessanten Hinweis: Gegen 22.30 Uhr, erzählen sie, sei ihnen ein weißer Landrover aufgefallen, der in der Straße neben dem späteren Leichenfundort geparkt habe. Der Schwiegersohn hatte den Wagen mit seiner Taschenlampe angeleuchtet, woraufhin der Fahrer Gas gegeben habe und in Richtung Lahnstraße davongefahren sei. Das Kennzeichen konnten sich die beiden Männer nicht merken. Aber sie sagen: "Da parken schon mal öfter Liebespärchen mit ihren Autos."

Es ist die erste heiße Spur in dem Fall; dementsprechend verwenden die Polizisten viel Energie darauf, den Fahrer des Landrovers zu finden. In der Nacht, in der Susanne M. sterben muss, wird das Fahrzeug mehrfach im Stadtgebiet gesehen. Der Fahrer stammt wohl aus dem Vogelsbergkreis, findet die Polizei heraus. Und tatsächlich: Der Halter des Landrovers kann ermittelt werden.

Er gibt auch zu, Kontakt zu Susanne M. gehabt zu haben. Aber er scheidet als Verdächtiger aus, weil er zur tatkritischen Zeit gegen 1.30 Uhr ein sattelfestes Alibi hat. Am 12. Juni 1991 meldet die Polizei schließlich einen Fahndungserfolg im Fall "Susanne M.". Sie nimmt einen damals 30 Jahre alten Hüttenberger fest. Die Ermittler durchsuchen seine Wohnung und beschlagnahmen zwei Fahrzeuge, um sie auf Spuren zu untersuchen. Was den Mann unter anderem verdächtig macht: Ihm wird eine sexuelle Nötigung vorgeworfen, weil er im Februar eine Frau gewürgt und zu sexuellen Handlungen gezwungen haben soll. Doch auch er scheidet später als Mörder von Susanne M. aus.

In den 2010er Jahren wird der Mordfall im Polizeipräsidium Mittelhessen noch einmal mit frischem Blick und neuen Ermittlungsmethoden unter die Lupe genommen. Aus den Asservaten kann eine DNA-Spur herausgearbeitet werden. Alle Männer, die in der Akte erwähnt werden, unterziehen sich einem DNA-Test. Doch der verläuft negativ. Und der Mann, der Susanne M. erst ermordet und dann weggeworfen hat, ist noch immer nicht gefunden worden.

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