Keine Spezialwelt für das Sterben

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Das Albert-Osswald-Haus hat als erstes Pflegeheim Hessens das deutsche Palliativsiegel bekommen. Bei der AWO will man keine Spezialwelt fürs Sterben schaffen, sondern inmitten der Gemeinschaft einen umsorgten Abschied in Würde ermöglichen.

Jede Woche stirbt ein Bewohner des Alten- und Pflegeheims am Philosophenwald, manchmal sind es auch zwei. An der Tür hängt dann eine schwarze Schleife, die Nachbarn und Pflegekräfte der Wohnbereiche »Lärche« oder »Buche« wissen nun, dass sie sich verabschieden können. »Für uns ist der Tod normal, aber Routine wird er deshalb noch lange nicht«, sagt Ines Klingenmaier, die Leiterin der Einrichtung. Die Arbeiterwohlfahrt hat sich schon vor zehn Jahren auf den Weg gemacht, eine Abschiedskultur für das Pflegeheim zu entwickeln, schildert Geschäftsführer Jens Dapper. Ziel ist es, den Tod als Bestandteil des Lebens in den Alltag zu integrieren und gleichzeitig der Trauer und dem Schmerz Raum zu geben. Für diese Bemühungen wurde das Albert-Osswald-Haus nun mit dem deutschen Palliativsiegel ausgezeichnet. Entworfen und koordiniert hat dieses Zertifikat Prof. Wolfgang George. Es dokumentiert die hohe Betreuungsqualität für Schwerstkranke und Sterbende. Die Situation habe sich in den vergangenen 25 Jahren in Krankenhäusern und Pflegeheimen deutlich verbessert, betonte George. Noch in den 80er Jahren habe es »Exituskeller« in den Kliniken gegeben, in die man die Toten abgeschoben habe.

Die meisten sterben in Klinik oder Heim

Davon könne keine Rede mehr sein, doch trotz vieler Fortschritte sei die Situation längst nicht überall akzeptabel. »Es gibt immer noch große Unterschiede, und noch immer gibt es Häuser, denen man seine Angehörigen niemals anvertrauen sollte«. Zudem klafften Wunsch und Wirklichkeit in Deutschland weit auseinander: Die meisten Menschen hofften, zu Hause in vertrauter Umgebung sterben zu dürfen oder in einem Hospiz. »Aber etwa 75 Prozent der Deutschen sterben in einer stationären Einrichtung und nur 2,5 Prozent in einem Hospiz«.

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, die Bedingungen in den Pflegeheimen zu optimieren. Bei der AWO hat man dazu in den vergangenen Jahren mehrere Maßnahmen ergriffen. Extrem wichtig ist die Betreuung durch das SAPV-Team (spezialisierte ambulante Palliativversorgung) des Klinikums, das für Schmerzfreiheit und Symptomkontrolle sorgt. Zudem gibt es innerhalb des Hauses Pflegekräfte, die sich in der Palliativersorgung fortgebildet haben und Beschwerden lindern helfen sowie für das Wohlergehen in der Endphase sorgen. Ein wichtiger Mosaikstein ist auch die Kooperation mit dem Hospizverein, deren ehrenamtliche Mitarbeiter ins Haus kommen, um Gespräche zu führen oder Zeit mit den Schwerkranken zu verbringen. Auch die Angehörigen finden in ihnen Ansprechpartner. Diese können übrigens jederzeit bei Mutter oder Vater sein und auf Wunsch auch im Zimmer übernachten.

Da immer mehr Bewohner erst sehr spät und in einem kritischen Zustand ins Pflegeheim kommen – eine von allen Beteiligten gewollte Folge des Prinzips »ambulant vor stationär« – ist die Verweildauer heute viel kürzer als früher. Für die Pflege- und Betreuungskräfte ist der zuweilen schnelle Wechsel und die ständige Konfrontation mit dem Tod aber auch eine Belastung. Die Einrichtungsleitung muss hier Unterstützung bieten und Austausch ermöglichen.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und der Sozialdezernent des Landkreises, Hans-Peter Stock, freuen sich mit der AWO über die Auszeichnung. Dass ein Haus in Gießen eine solche Vorreiterrolle spiele, erfülle sie mit Stolz, betonten beide.

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