Anwohner wünschen sich von der Stadt, dass sie neue Wege im Umgang mit der Trinkerszene am Marktplatz findet.	FOTO: SCHEPP
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Anwohner wünschen sich von der Stadt, dass sie neue Wege im Umgang mit der Trinkerszene am Marktplatz findet. FOTO: SCHEPP

Trinkerszene

Keine Lösung am Marktplatz in Gießen in Sicht

Die Alkohol trinkenden Menschen rund um den Gießener Marktplatz sind zum Alltag geworden. Nun machen Anwohner auf die für sie nicht mehr hinnehmbare Situation aufmerksam.

An diesem Nachmittag ist es am Marktplatz vergleichsweise ruhig. Vor dem SWG-Zentrum sowie am großen Baum an den Bushaltestellen haben sich zwei Gruppen zusammengefunden und trinken Alkohol. Alltag am Marktplatz. Josephine Bonica wohnt und arbeitet direkt um die Ecke. Für sie ist es Alltag, dass sie mit dem Lärm leben muss. Sie wusste ja, was sie erwartet, als sie vor acht Jahren in die Innenstadt zog. Die leidenschaftliche Gießenerin wollte das urbane Leben direkt vor der Haustür haben. Für sie ist es aber ein Problem, wenn aus diesen Gruppen unter Alkoholeinfluss heraus gepöbelt oder geschlagen wird, wenn sich Menschen in den Hinterhöfen in vielfältiger Weise erleichtern. »Es wird immer lauter, immer schrecklicher«, sagt die 31 Jahre alte Gießenerin. Dagegen will sie etwas tun - »konstruktiv«, wie sie betont.

Bonica hat mit Anwohnern des Marktplatzes Kontakt aufgenommen. In einem Brief, den sie in fast 200-facher Ausfertigung in die Briefkästen geworfen hat, motiviert sie dazu, ihr an eine E-Mail-Adresse Fotos und Videos vom Treiben der Trinkerszene zu schicken. Sie sammelt die Daten und schickt sie ans Ordnungsamt. Die Anwohner, die ihre Fotos und Videos zu Verfügung stellen, bleiben anonym.

Idee: Mobile Wache

Die erste Resonanz, sagt Bonica, sei positiv. Andere Anwohner freuten sich, dass jemand Bewegung in die verfahrene Sache bringen will. Denn der Umgang mit der Trinkerszene in der Innenstadt erscheint wie eine nie endende Geschichte. Viele Anwohner oder Inhaber von Geschäften scheinen resigniert zu haben.

Was wurde nicht alles versucht, um der Situation Herr zu werden? Die vielleicht skurrilste Idee war, ein Karussell neben den Bushäuschen aufzustellen. Gebracht hat das nichts. Fragt man bei der Stadt nach, welche Maßnahmen sie bisher ergriffen hat, heißt es: »Polizei und Ordnungspolizei kontrollieren diesen Bereich gemeinsam regelmäßig, führen Ansprachen an die Problempersonen durch und greifen, wenn erforderlich, ein.« Auch würden Platzverweise ausgesprochen und alkoholische Getränke sichergestellt.

Gesprochen hat Bonica mit Leuten aus der Trinkerszene schon oft. Dabei habe sie sich genauso oft obszöne Gesten ansehen und Sprüche unter der Gürtellinie anhören müssen. »Es ist ein junges, hochgradig aggressives Publikum«, sagt Bonica. Für sie ist es kein gutes Bild, das Gießen an dieser zentralen Stelle am Rande des gut frequentierten Selterswegs bietet.

Die Stadt spricht von »einigen Punkern und anderen, sich dem Alkohol hingebenden Personen«, die die Szene am Marktplatz bilden. Möglicherweise wirke sich dabei negativ aus, »dass die sonst üblichen Anlaufstellen dieser Leute aufgrund der Einschränkungen in der Corona-Pandemie nicht, wie gewohnt, sondern nur eingeschränkt geöffnet haben«.

Bonica ist es wichtig, dass sie mit der Initiative keine Kritik an der Stadt und dem Ordnungsamt üben will. Sie und die übrigen Anwohner würden gerne »pragmatisch« dabei helfen, die Probleme am Marktplatz für alle Seiten befriedigend zu lösen. "Es geht nicht darum, jemanden zu vertreiben«, betont sie, »aber wenn das so weitergeht, werden Familien und die, die es sich leisten können, wegziehen.«

Gemeinsam mit anderen Anwohnern würde sie gerne mit Verantwortlichen der Stadt sprechen: Was wurde bisher versucht? Was hat kurzfristig geklappt, was nicht? Auch regt sie einen Blick in andere Städte an, wie diese mit solchen Problemen umgehen. »Viele Ideen sind ja nicht schlecht«, sagt Bonica, »aber die Pöbler haben einen längeren Atem.« Sie regt beispielsweise eine mobile Polizeistation wie die an, die im vergangenen Jahr am Mühlgarten an der Lahn im Einsatz war.

Fragt man bei der Stadt nach, wie sie die aktuelle Situation am Marktplatz bewertet, heißt es, die aktuelle Situation sei »zurzeit nicht viel anders, als in der vergleichbaren Vorjahreszeit«. Eine Zunahme der Probleme sei nicht erkennbar. »Auch seitens des BID Marktquartier wurden diesbezüglich keine Beschwerden vorgetragen«, teilt die Stadt über die Pressestelle mit. Die von Bonica gesammelten und weitergeleiteten Fotos und Videos zeigten »keine qualifizierten Rechtsverstöße«. Darunter versteht man laut Stadt »Handlungen, die nicht nur durch den Betrachter gefühlt rechtswidrig, sondern auch durch entsprechende Rechtsvorschriften belegbar mit einer Strafe bedroht sind.« Pöbeleien untereinander seien nicht strafbar, und bei »grobstörendem Verhalten« müsste es Zeugen geben - oder die Polizei direkt danebenstehen.

Videoüberwachung

Warum ist es so schwer, die Situation in den Griff zu bekommen? »Die Personen, über die sich manche Bürger ärgern oder von denen sie sich möglicherweise bedroht fühlen, haben auch ein Recht darauf, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen«, teilt die Stadt mit. Sie hätten ein Recht darauf, ihren Aufenthaltsort selbst zu bestimmen - solange sie keine Rechtsverstöße begehen. »Erst bei nachweisbaren Rechtsverstößen können Polizei und Ordnungspolizei eingreifen«, betont die Pressestelle.

Für die Zukunft kündigt die Stadt die Inbetriebnahme der Videoüberwachungsanlage an - und die Fortsetzung der Kontrollen von Polizei und Ordnungspolizei. Aber vielleicht kommt die Stadt - gemeinsam mit Anwohnern und Geschäftsinhabern - noch auf andere Ideen?

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