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Keine Lektüre für Vegetarier

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Von: Marion Schwarzmann

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Moderator Hans-Jürgen Linke (l.) im Gespräch mit Klaus Weise. © Marion Schwarzmann

Schon das Cover spricht eine deutliche Sprache. Es zeigt den Vater des Autors in Metzgerschürze und mit Fleischerbeil zwischen zwei hängenden Schweinehälften. Dieses Buch ist offensichtlich nichts für Vegetarier, obwohl es den lautmalerischen Titel »Sommerleithe« trägt.

Klaus Weise wuchs in einem Metzgerhaushalt im thüringischen Gera auf. Das hat ihn tief geprägt, war Glück und Fluch zugleich. »Leithe - das bedeutet Abhang«, erklärt der 70-jährige Theatermann, der nun unter die Autoren gegangen ist. »Das ist die Straße meiner Kindheit, in der ich sehr glücklich war.« Sommerleithe - das für ihn wohlklingendste Wort der Welt. Doch: »Was für mich Heimat war, wurde zerrissen.« Denn der autobiografisch gefärbte Roman berichtet von einem traumatischen Einschnitt: der Flucht in den Westen und den Schwierigkeiten der fünfköpfigen Familie, hier ihren neuen Platz zu finden.

Doch erst einmal hängt der kleine Junge im Metzgerhimmel. Ein Scherz des Gesellen Oswald, der ihn an einem Räucherspieß zwischen Würsten und Schinken mit Billigung des Vaters von der Decke baumeln lässt. Was anfänglich wie das Paradies wirkt, wächst sich rasch mit nachlassender Kraft der Arme in Angst aus. Ein Gefühl, was ihn im gut 300 Seiten starken Buch noch öfter ereilen wird.

Klug eingestrichen, führt Weise bei seiner Lesung auf Einladung des Literarischen Zentrums im KiZ durch die Geschichte seiner Kindheit, die geprägt ist von allerlei komischen Episoden im Nachkriegsdeutschland - Ost wie West, aber auch von bitteren Erfahrungen. Dabei erzählt er nicht chronologisch, springt zwischen den Zeitebenen hin und her. Und er setzt sich - fast schon philosophisch - mit dem Töten von Tieren auseinander, wobei er den Zuhörern an diesem Abend das Kapitel über das Handwerk des Schlachtens erspart.

Flucht prägt Erinnerungen

Ob die Flucht aus Gera für ihn die Vertreibung aus dem Paradies war, will Moderator Hans-Jürgen Linke wissen. »Ich war glücklich in der DDR«, bekennt Weise. »Die irritierende Flucht war das einschneidendste Erlebnis, was ich mir vorstellen konnte.« Das war am 15. Juni 1958, er war sechs Jahre alt, und die Eltern hatten ihre drei Kinder nicht in ihr Vorhaben eingeweiht. Nach einer Odyssee über Berlin - »die Stadt war kalt«, einem albtraumhaften Flug bei Gewitter von Hannover nach Aachen zu Freunden des Vaters landete die Familie erst einmal in Frankfurt. »Unser absoluter Tiefpunkt«, findet Weise, der viel später einmal das Schauspiel am Staatstheater in der Nachbarstadt Darmstadt leiten wird und danach zehn Jahre lang Generalintendant in Bonn wird.

Seine Beschreibung des sauer schmeckenden Apfelweins, der verdünnt sogar den Kindern zum Abendessen eingeflößt wird, löst spontanes Gelächter im Publikum aus. Lebhaft kann man sich die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den beiden Dialekten vorstellen. »Sogar Goethe floh vor dieser Frankfurter Sprache nach Weimar«, bemerkt Moderator Linke.

In Mülheim an der Ruhr geht es in den 60er Jahren für die Familie endlich wieder aufwärts. Der Vater übernimmt eine große Metzgerei, kann sich einen S-Klasse Mercedes leisten. Das ist jedoch nichts gegen das Auto mit dem unaussprechlichen Namen, das der Nachbar, Herr Pavel, fährt: ein Citroën. Und erst Frau Pavel, die sich ungeniert am Vormittag in ihrem weißen Bikini im Liegestuhl auf dem Balkon sonnt und den glotzenden Männern wie Jungen den Kopf verdreht. Catherine Deneuve hätte keine Chance gegen diese Göttin!

Mit dem Vater in der alten Heimat

Noch einmal sei er mit seinem Vater in der alten Heimat Gera gewesen, erzählt Klaus Weise auf Nachfrage. Das war im Sommer 1989. Eine Abschiedsreise, wie er sie im vorletzten kurzen 54. Kapitel beschreibt. Auch Gießen ist ihm nicht gänzlich fremd, hat er doch hier am Stadttheater vor gut 40 Jahren »Bunbury« von Oscar Wilde inszeniert.

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