Am Fenster… Ein Besuchsverbot wird es nicht mehr geben, aber dennoch sind die Einschränkungen für Senioren bitter. SCHEPP
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Am Fenster… Ein Besuchsverbot wird es nicht mehr geben, aber dennoch sind die Einschränkungen für Senioren bitter. SCHEPP

"Keine erneute Schließung"

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Eine Schließung von Pflegeheimen soll es nicht noch einmal geben. Erneute Einschränkungen sind aber aufgrund der steigenden Corona-Zahlen nicht vermeidbar. AWO-Geschäftsführer Jens Dapper ist trotzdem zuversichtlich, die Senioren auch im Winter schützen zu können, ohne sie zu isolieren.

Herr Dapper, wird Ihnen das Herz schwer beim Gedanken an den Advent? Das ist ja ohnehin eine emotional kritische Zeit, und wenn dann weniger Kontakte möglich sind…

Jens Dapper: Dunkelheit und Kälte stellen uns sicher vor eine noch größere Herausforderung als bisher. Die Emotionalität der Vorweihnachtszeit wird die Situation sicher verschärfen. Aber ganz so pessimistisch sehe ich das Ganze nicht…

… es wird trotz allem eine stimmungsvolle Zeit?

Dapper: Ganz sicher. Ein Pflegeheim funktioniert wie eine große Wohngemeinschaft, wo alle Verantwortung tragen, ob Mitarbeiter oder Bewohner. Zwar sind die Kontakte eingeschränkt und gewohnte Gruppenveranstaltungen fallen nun aus, aber schöne vorweihnachtliche Momente werden trotzdem entstehen. Da setze ich auch ganz auf unsere Mitarbeiter, die sich sehr liebevoll und kreativ darum kümmern.

Wie sehen die aktuellen Besuchsregelungen aus?

Dapper: Wir haben die Regelungen eingeführt, die vor der Lockerung bestanden haben: drei Besuche je Woche für eine Stunde und eine Person.

Funktioniert das gut?

Dapper: Ja. Das ist eingeübt bei Besuchern und bei Mitarbeitern und hat auch seit vergangenem Freitag zu keinerlei Komplikationen geführt. Es wird unter Abwägung der Einschränkungen versus dem Gesundheitsschutz allseits mitgetragen.

Gibt es Ausnahmen?

Dapper: Es gibt Einzelregelungen beispielsweise bei sich verschlechterndem Gesundheitszustand oder Eintritt in die palliative Phase. Das ist in Abstimmung mit unserem Fachpersonal immer möglich und auch nötig. Die sehr ausgeprägten Hygieneregeln wurbeibehalten und bleiben natürlich weiterhin gültig.

Wie haben die Senioren die letzten Monate verkraftet?

Dapper: Die Isolation hat nach Rückmeldung unserer Pflegekräfte bei einigen Bewohnern erhebliche Auswirkungen gehabt. Das ist sicherlich individuell unterschiedlich, aber insgesamt hat es zu gesundheitlichen Verschlechterungen geführt.

Das sind telefonieren und skypen kein Ersatz?

Dapper: Wir haben zum Glück ein hoch funktionales WLAN-Netz, sodass unsere Bewohner gerade über Skype mit ihren Angehörigen jederzeit in Verbindung bleiben konnten. Die Betreuungskräfte haben diese Form der Kommunikation sehr gezielt immer wieder genutzt, um soziale Isolationstendenzen deutlich zu verbessern. Den persönlichen Kontakt, das muss man allerdings auch sagen, konnte das natürlich nicht vollständig ersetzen.

In der Rückschau gab es Kritik an der kompletten Schließung der Einrichtungen. Wie sehen Sie das?

Dapper: Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Zum Zeitpunkt der politischen Entscheidung zur Schließung wussten wir über das Virus noch viel zu wenig, um das Risiko des Infektionsgeschehens und mögliche Folgen inklusive Mortalitätsrisiken einschätzen zu können. Aber ich glaube, dass die damalige Entscheidung richtig war. Mit heutigem Wissen können wir eine komplette Schließung aber aus meiner Sicht auf jeden Fall vermeiden.

Was bedeutet die Dauerbelastung für die Mitarbeiter?

Dapper: Die Dauerbelastung wirkt sich ganz klar auf die Mitarbeiter aus. Die zusätzliche Belastung ist spürbar und wird auch immer wieder thematisiert. Ich habe höchsten Respekt für die Leistungen unserer Mitarbeiter. Nicht nur im Bereich der Pflege, sondern auch bei der Kinderbetreuung und in der Sucht- und Wohnungslosenhilfe.

Gibt es so etwas wie eine Erschwerniszulage?

Dapper: Die Pflegeprämie ist natürlich in voller Höhe ausgezahlt worden. Bei uns wird im Gegensatz zu 80 Prozent in der Pflegebranche übrigens Tariflohn gezahlt.

Stehen die Schnelltests schon zur Verfügung?

Dapper: Noch nicht, aber wir sind mit Untersützung des Landkreises dran. Unser hauseigener Krisenstab bereitet die Nutzung der Schnelltests gerade vor. Dazu benötigt man eine klare Prozessbeschreibung und Schulung von Mitarbeitern. Die Bedingungen, wer wann getestet werden kann und sollte, müssen noch klar definiert werden.

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