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Kein Wiedersehen mit Werner

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Im Dezember 2020 war die Lage im Klinikum dramatisch. Die Zahl der Covid-Patienten stieg von Tag zu Tag, immer mehr Schwerkranke mussten an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden, immer mehr starben. Auch Werner Schmitt (87) schaffte es nicht. Seine Tochter Sieglinde hat ihren Vater in den letzten Lebenswochen nicht mehr gesehen. Dass sie sich nicht verabschieden konnte, hat sie bis heute nicht verwunden.

An der Wand hängen Fotos, auf dem Tisch liegt ein Stapel Bilder: Mama und Papa bei ihrer diamantenen Hochzeit, an Fasching mit Hütchen und Luftschlangen, beim Schunkeln und Singen. »Mein Vater liebte Musik«, erzählt Tochter Sieglinde. Es vergeht kein Tag, an dem die 61-Jährige nicht an ihn denkt und über die letzten Lebenstage grübelt. Szenen seiner einsamen Stunden im Gießener Universitätsklinikum haben ihr wochenlang den Schlaf geraubt und tun es heute noch. In ihrer Wohnung gibt es viele Erinnerungsstücke. »Ich war immer ein Papa-Kind«, sagt sie, während sie in den Familienalben blättert.

Werner Schmitt, geboren am 25. September 1933, war ein »Gewächs« der Gummiinsel. Er hatte sieben Brüder, die Familie lebte in einem der Rotklinkerhäuschen. Nach der Volksschule machte er eine Lehre als Former und Dreher, später war er als Reifenmonteur tätig. »Seiner« Siedlung blieb er bis Anfang der 70er Jahre treu, er war stolz auf die Gemeinschaft, auf den Zusammenhalt. Er empfand es nicht als Stigma, in einem sogenannten sozialen Brennpunkt zu leben. Vielmehr war es eine Ehre, ein echter Gummiinsulaner zu sein.

Ende der 50er Jahre heiratete er seine Frau Gertrud, 1960 kam Sieglinde auf die Welt, zwölf Jahre später Sohn Thomas. 1971 zog die Familie in die Hillebrandstraße im Südviertel, Gertrud führte dort den Haushalt eines Ehepaares in einem Gründerzeithaus. In dieser Wohnung blieben die Schmitts bis zum Umzug ins Pflegeheim im Jahr 2009. Gertrud führte zu Hause ein strenges Regiment, ihre Vorstellung von Ordnung, Sauberkeit und Anstand setzte sie auch mit Schlägen durch - sie selbst hatte es als Kind nicht anders erlebt. Werner war nachgiebiger, er war ausgleichend und der ruhende Pol. Doch wie viele Väter zu der Zeit war er selten zu Hause, er überließ die Familienarbeit und Erziehung weitgehend seiner Frau. Wenn er jedoch da war, erlebte ihn die Tochter als warmherzig und großzügig. »Ach, lass das Mädchen doch«, sagte er, wenn es wieder einmal Streit ums Ausgehen oder »zu gewagte« Kleidung gab.

Werner und Gertrud Schmitt lebten bescheiden. Sie feierten und tanzten gerne, aber große Sprünge waren niemals drin. Als junger Mann hat Werner zum Leidwesen seiner Frau gerne mit Nachbarn seine Feierabendbierchen am Kiosk getrunken, aber das war es dann auch schon mit Ausschweifungen. Sie fuhren nicht in Urlaub, sie besaßen kein Auto und hatten keine teuren Hobbys. »Aber das fehlte ihnen auch nicht, sie waren zufrieden«, sagt die Tochter. Die Schmitts besuchten Konzerte auf dem Schiffenberg, sie gingen zur Kirmes, zu den Festen der 50er-Vereinigung und zum Fastnachtsumzug.

Werner liebte Blasmusik und Schlager, mit dem »englischen Zeug« konnte er nichts anfangen. Er besaß eine stattliche Plattensammlung und drehte bis ins hohe Alter sein geliebtes Radio gerne mal »volle Pulle« auf. »Dicke-Backen-Musik, das war sein Ding«, sagt Sieglinde und lacht. Aber auch Julio Iglesias oder Howie Carpendale. »Amor, Amor, Amor« und »Deine Spuren im Sand…«

Die letzten zwölf Jahre hat das Ehepaar Schmitt im Pflegeheim in Annerod verbracht. Es war keine einfache Zeit, denn Gertrud ist seit einem Schlaganfall im Jahr 2006 halbseitig gelähmt und spricht nicht mehr. Werners Konstitution war immer stabiler, doch ab und zu quälten ihn Wahnvorstellungen - vielleicht eine Folge der Medikamente, die er nehmen musste, so genau weiß man es nicht. Doch meistens war er guter Dinge, er umsorgte seine Frau, freute sich über die regelmäßigen Besuche der Tochter und beteiligte sich an den Aktivitäten der Einrichtung.

Die Pandemie machte ihm keine Angst. Natürlich bedauerte er, dass Sieglinde nicht mehr kommen konnte, aber zum Glück gab es das Telefon. Noch kurz bevor er schwer erkrankte, besorgte sie ihm ein neues Festnetzgerät und gab es an der Pforte ab. »Es funktioniert, mir geht es gut«, sagte er gut gelaunt beim Ausprobieren. Das war am Montag, dem 15. Dezember 2020. Und es war das letzte Mal, dass Vater und Tochter miteinander sprachen.

In den folgenden Tagen berichteten die Pflegekräfte, dass der Vater sich erkältet habe. Es gehe ihm jedoch gut. Er wurde zweimal auf Corona getestet. Beide Male war das Ergebnis negativ. Zu diesem Zeitpunkt gab es in dem Allo-Pflegeheim bereits eine ganze Reihe infizierter Bewohner und Mitarbeiter. Am Samstag bekam Sieglinde einen Anruf: Der Gesundheitszustand des Vaters habe sich drastisch verschlechtert. Man habe den Notarztwagen rufen müssen. In welches Krankenhaus man ihn gebracht habe, wusste die Pflegerin nicht. »Dorthin, wo Platz ist.« Erst nach mehreren Telefonaten fand die Tochter es heraus.

Der Vater lag auf der Intensivstation des UKGM. Er war mit Covid-19 infiziert, die Virenlast war sehr hoch. In den folgenden Tagen telefonierte die Tochter mehrfach mit den Ärzten. Es sah nicht gut aus. »Ihr Vater ist ja auch schon 87«, gab der Arzt zu bedenken und meinte damit: Seine Konstitution ist sehr schwach. Für die Tochter klang es jedoch, als habe man ihn wegen des Alters aufgegeben. »Sie können ihn doch deshalb nicht einfach sterben lassen«, rief sie verzweifelt ins Telefon. Natürlich war das nicht die Absicht, dem Arzt ging es um ein realistisches Bild der Situation.

Es folgte ein Gespräch im Krankenhaus. Ist ein Beatmungsgerät eine Option? Würde der alte Herr das künstliche Koma und die anstrengende Prozedur überleben und wenn ja, in welchem Zustand? Die Prognosen waren schlecht. Sieglinde und ihr Bruder Thomas entschieden sich dagegen. »Der Papa hat das nie gewollt«, sagt Sieglinde. Unterstützung beim Atmen ja, Beatmungsgerät nein. Die folgenden Tage bestanden aus bangem Warten. Anrufe in der Klinik, manchmal ging auf der Station jemand ans Telefon, manchmal nicht. Es war die Zeit, in der das Personal am Limit war. »Wenn das so weitergeht, schaffen wir das nicht mehr«, sagte Pfleger Tobias Kempff damals im Interview.

Am 19. Dezember starb Werner Schmitt. »Es sind so viele Fragen offengeblieben«, sagt seine Tochter. Wie waren Papas letzte Stunden? War jemand bei ihm? Hat er noch einmal etwas gesagt vor seinem Tod? Warum gab es keinen letzten Besuch am Sterbebett? Bei der Vorstellung, dass man den Leichnam wegen der Infektionsgefahr in einen Plastiksack gesteckt und so dem Bestatter übergeben hat, steigen ihr die Tränen in die Augen.

Erst ein halbes Jahr später kann sie sich Familienfotos anschauen und alte Plattencover zur Hand nehmen. Julio Iglesias. Irgendwann wird es auch gelingen, Papas Lieblings-Schmachtfetzen anzuhören. Amor, Amor, Amor…

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