Kein Spielraum für eine Bewährungsstrafe

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Gießen(se). Richterin Maddalena Fouladfar stand der Unmut auf der Stirn geschrieben. Immer wieder wurde sie von einem der anfangs drei Angeklagten unterbrochen; der junge Mann leidet offensichtlich stark unter der Untersuchungshaft, in der er sich seit September letzten Jahres befindet. Nach dem gestrigen Urteil des Amtsgerichts Gießen wird er die Haft nun noch weitere Monate erdulden müssen.

Dabei war der Sachverhalt eigentlich unspektakulär, in Teilen aber ungewöhnlich und für den Geschädigten durchaus schmerzhaft. Einem 25-jährigen Studenten aus Laubach, wie die drei Angeklagten Deutschen mit Migrationshintergrund, wurde am 28. Juli letzten Jahres gegen 1 Uhr in der Nähe der Liebigschule für zehn Euro ein Fahrrad angeboten. Der Student witterte ein Schnäppchen und erwarb den Drahtesel. Wenig später wurde er aus einer Gruppe junger Männer - den späteren Angeklagten - auf das Fahrrad angesprochen. Während der Student mit einem der drei Angeklagten, dessen Verfahren im Laufe des Prozesses abgetrennt wurde und am Dienstag fortgesetzt werden soll, noch über den Fahrradkauf sprach, soll unvermittelt auf ihn eingeschlagen und - als er schon am Boden lag - auch eingetreten worden sein.

Während einer der beiden Angeklagten die Schläge einräumte, stritt der andere dies vehement, aber ohne Erfolg ab. Da er sich auch der Uhr des Opfers bemächtigt hatte, wurde er zudem wegen Diebstahls verurteilt. Das Gericht schenkte wie Staatsanwalt Mike Hahn dem Opfer Glauben. Ein Jahr ohne Bewährung war die Quittung für diese beiden Vergehen des einen Angeklagten.

PET statt Glasflasche

Mit dem Urteil folgte das Gericht der Forderung des Anklagevertreters, während Verteidiger Philipp Kleiner neun Monate auf Bewährung gefordert hatte. Für eine Bewährung sah das Gericht angesichts der acht Vorstrafen und des Bewährungsversagens keinen Spielraum. Allerdings wurde ein weiteres Verfahren gegen den jungen Mann wegen gefährlicher Körperverletzung eingestellt. Laut Anklage soll er am 6. April 2019 gegen den Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes einer Diskothek in Bahnhofsnähe eine Glasflasche geschleudert und diesen verletzt haben. Entgegen der protokollierten Aussage teilte der Tatzeuge nun mit, dass es sich bei dem "gefährlichen Werkzeug" nicht um eine Glas-, sondern um eine PET-Flasche gehandelt habe.

"Ich haben Zweifel, dass Sie bewährungswürdig sind", teilte die Richterin dem jungen Angeklagten hinterher mit. "Bereits beim ersten Verstoß gegen die Bewährungsauflagen, und wenn es nur eine Kleinigkeit ist, können Sie sicher sein, dass die Berufung von mir zurückgenommen wird", schrieb sie dem Mann ins Stammbuch. So untersagte sie dem Angeklagten weiteren Drogenkonsum, ordnete ein mehr oder weniger regelmäßig vorzunehmendes Drogen-screening an und stellte ihm einen Bewährungshelfer zur Seite. Der zweite Angeklagte kam mit einem blauen Auge davon. Neun Monate Haft auf Bewährung lautete das Urteil für diesen Mann.

Beim dritten Angeklagten wurde der Haftbefehl aufrechterhalten. Der Mann wurde vorzeitig aus dem Gerichtssaal geführt, weil er sein Mitteilungsbedürfnis nicht bremsen konnte. So hat er zweimal einen Brief an das Gericht geschrieben. Im zweiten Schreiben versicherte er: "Ich will ein anständiger Mensch werden." Und schloss seine Ausführungen mit "Inschallah." So Gott will. Zur Aussetzung der Strafe auf Bewährung hat es aber nicht gereicht.

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