Obwohl die Bibliothek geöffnet ist, bleibt der Platz davor im Online-Semester leer. FOTO: SEG
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Obwohl die Bibliothek geöffnet ist, bleibt der Platz davor im Online-Semester leer. FOTO: SEG

Kein normales Semester

  • vonSebastian Schmidt
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Nachdem die technischen Anlaufschwierigkeiten der ersten Woche überwunden wurden, erzählen einige Studierende von ihren ersten Erfahrungen. Dazu gehören resignierende Professoren, Überwachung durch Dozenten und ein höherer Arbeitsaufwand.

Seit drei Wochen läuft das Sommersemester an der Justus-Liebig-Universität - wegen Corona bisher nur über das Internet. Die JLU hatte kein konkretes Format für Vorlesungen und Seminare vorgeschrieben, und so stehen die Studierenden vor einem Sammelsurium aus unterschiedlichen Software-Lösungen, Online-Diensten und den Vorstellungen der einzelnen Dozenten, wie dieses Semester ablaufen wird.

Eine Förderschullehramt- studentin erzählt: "Der Professor hat seine Powerpoint-Präsentationen hochgeladen und gesagt, es werde ansonsten keine Vorlesung geben." Das sei "zum Glück" aber nicht die Regel. Ihre anderen Dozenten stellten aufgenommene Videos oder vertonte Powerpoint-Präsentationen ins Internet; so erhalte sie weiterhin eine Erklärung zu den Vorlesungsinhalten.

Die Möglichkeit einer Videokonferenz werde bei ihnen selten genutzt. "Ich glaube, auf dem momentanen technischen Stand ist das auch nicht möglich." Eine Studierende der Psychologie sagt dazu, dass sie ganz froh sei, dass nicht mehr Dozenten Videokonferenzen nutzen. "Dafür braucht man immer gutes Internet, sonst ist die Verbindung weg." In ihrem Studiengang werde ebenfalls mit vertonten Präsentationen gearbeitet, aber nicht alle Professoren würden sie zeitnah hochladen. Es dauere teilweise mehrere Tage nach dem Termin der Veranstaltung, bis sie das Material im Internet abrufen können. Da könne sie schlecht planen, wann sie den Stoff durchgehen kann.

Mehr Arbeit als sonst

Sie berichtet auch, dass das Arbeitspensum für sie dieses Semester höher sei. "Wir müssen in den Kursen teilweise jede Woche einen Test schreiben." Was passiere, wenn sie diese nicht machen, bleibe unklar. Teil der Prüfungsleistung seien sie jedenfalls nicht. Die Psychologiestudierende vermutet dahinter eine Überwachung durch die Dozenten. "Mit den Tests wollen sie kontrollieren, ob wir uns die Texte auch anschauen", glaubt sie. "Letztes Semester, in den selben Kursen, war das nicht so."

Eine Lehramtsstudierende bestätigt diese Erfahrung. "Wir bekommen dieses Semester extrem viele Hausaufgaben, viel mehr als letztes Semester. Das ist etwas übertrieben." Dabei habe sie mit dem selbstständigen Lernen gar kein Problem.

Das geht aber nicht jedem so. Die Studierenden können die Inhalte nicht nur zu der Zeit der Veranstaltung, sondern auch danach noch abrufen. Die angehende Förderschullehrerin erzählt: "Mir fehlt die Struktur. Sonst muss ich immer um 10 Uhr an der Uni sein, und jetzt muss man sich selbst motivieren." Eine andere Lehramtsstudierende findet das gut: "Ich kann mir gerade alles so einteilen, wie es mir in meinem Alltag am besten passt." Die Psychologiestudentin sagt, man müsse sich dieses Semester auf jeden Fall gut selbst organisieren: "Wann lerne ich etwas und bis wann gebe ich etwas ab?"

Die Aufteilung der Termine, wann sie eine Präsentation halten muss, sei für sie ein Problem. Normalerweise würde man sich melden, wann man gerne an der Reihe sein möchte und könne sich die Termine über das Semester verteilen. Dieses Semester haben ihre Dozenten die Reihenfolge alphabetisch festgelegt. Deswegen habe sie wegen ihres Namens in allen Veranstaltungen in den selben zwei Wochen ihre Abgabetermine.

Vielen fehlt der persönliche Umgang

Technische Mängel und ein hohes Arbeitsaufkommen sind aber nur ein Teil des Problems dieser Studierenden. Sie alle schildern gegenüber dieser Zeitung, dass ihnen die soziale Komponente des Studiums fehle. Die angehende Förderschullehrerin sagt: "Wir haben untereinander Skype-Treffen und WhatsApp-Gruppen, aber die können das persönliche Gespräch nicht ersetzen." Auch die Psychologiestudentin betont: "Der fehlende Kontakt macht mich am meisten traurig."

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