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Vorerst kein Inklusionshotel in Gießen – Pläne auf Vitos-Gelände gescheitert

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Von: Stephan Sippel

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Das ehemalige Feste Haus befindet sich auf dem Gelände der Vitos Klinik direkt am Schiffenberger Wald. Es ist von hohen Mauern umgeben.
Das ehemalige Feste Haus befindet sich auf dem Gelände der Vitos Klinik direkt am Schiffenberger Wald. Es ist von hohen Mauern umgeben. © Oliver Schepp

Die Planung war fertig, die Baugenehmigung lag vor. Eigentlich hätten im Herbst 2021 die Gäste im ersten Inklusionshotel Gießens empfangen werden sollen. Doch das Vorhaben für das Feste Haus, wo jahrzehntelang psychisch kranke Rechtsbrecher untergebracht waren, hat sich zerschlagen – vorerst.

Gießen – Rund 100 Inklusionshotels gibt es in Deutschland, das nächste von Gießen aus gesehen in Marburg. Ihr Grundprinzip: Einerseits sind es »ganz normale« Beherbergungsbetriebe, in denen sowohl behinderte als auch nicht behinderte Menschen willkommen sind, wobei die Zimmer durchweg behindertengerecht und oft auch rollstuhlgerecht angelegt sind. Andererseits gibt es dort eine feste Quote an Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung, die am freien Arbeitsmarkt nur schwer einen Job finden. Deshalb werden diese Arbeitsplätze öffentlich gefördert. Die Träger solcher Inklusionseinrichtungen sind in der Regel Sozialverbände.

Für ein Inklusionshotel in Gießen hatte sich die Lebenshilfe starkgemacht. Das Konzept, das Vorstand Dirk Oßwald im Sommer 20219 in dieser Zeitung erläuterte, sah mehrere Partner vor: Einen Investor, die Festhaus Immobilien GmbH, die das seit 2010 leer stehende und denkmalgeschützte Feste Haus in Erbpacht von Vitos übernehmen, zum Hotel umbauen und dann an die Lebenshilfe vermieten sollte - die wollte es dann über eine Tochterfirma betreiben. Sogar die Zahl der Zimmer (54) und Apartments (8) stand schon fest. Doch das Vorhaben ist gescheitert, letztlich aus finanziellen Gründen - das sagen die Beteiligten, die das Aus bei allen unterschiedlichen Interessen »sehr bedauern«.

Vorerst kein Inklusionshotel in Gießen: „Langfristig bleibt das auf der Tagesordnung“

Die Festhaus GmbH, die in Dautphetal sitzt, war schon beim Bau des Marburger Inklusionshotels engagiert und hat sich in Gießen unter anderem einen Namen als Käufer und als Vermieter des früheren Bundesbank-Gebäudes im Wiesecker Weg einen Namen gemacht. Man habe lange und konstruktiv verhandelt, sich aber bei der Pacht nicht einigen können, sagte Hans Ulrich Burk, einer der drei Gesellschafter von Festhaus, im Gespräch mit dieser Zeitung. Der doch sehr teure Ausbau des alten Hauses habe sich so nicht finanzieren lassen. »Wir sind im Guten auseinandergegangen«, bekräftigte er.

Wie es hieß, hat Vitos nach dem Scheitern der Gespräche noch einmal versucht, einen Investor zu finden. Doch dann kam im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie dazu - ein extrem ungünstiger Zeitpunkt, um ein Hotel zu eröffnen. So entschloss sich die Leitung von Vitos kurzfristig, einen Teil des Festen Hauses weiter für eigene Zwecke zu nutzen. In einem Trakt sei dort nach einer Teilsanierung eine »Zentrale Aufnahmeeinheit« untergebracht worden, teilte die Geschäftsführung mit. Dort würden neue Patienten auf das Coronavirus getestet und so lange untergebracht, bis eine Infektion ausgeschlossen werden könne. Anschließend würden sie auf eine reguläre Station für psychisch kranke Rechtsbrecher in Gießen oder Haina verlegt. Langfristige Überlegungen zur Nutzung des Festen Hauses gebe es derzeit nicht, hieß es.

Gießen: Projekt Psychiatriemuseum liegt auch auf Eis

Und die Lebenshilfe? Grundsätzlich gebe es in Gießen Bedarf für ein Inklusionshotel. »Langfristig bleibt das für uns auf der Tagesordnung«, sagte der Vorstand Oßwald dieser Zeitung. Dass man nicht habe in der Pandemie eröffnen müssen, habe sich im Nach- hinein als glücklicher Zufall herausgestellt, räumte er ein.

Von der jüngsten Entwicklung ist auch die Ausstellung »Vom Wert des Menschen« betroffen - sie sollte der Kern eines neues Psychiatriemuseums werden, das im Erdgeschoss des Festen Hauses untergebracht werden sollte. Aus dem Museum wird nun erst einmal nichts. Die derzeit geschlossene Dauerausstellung soll so bald wie möglich wieder eröffnet werden, wenn es Corona zulässt - im Haus 10, wo sie bislang schon untergebracht war, teilte Vitos mit. (Stephan Sippel)

Das Feste Haus

Das Feste Haus in der Licher Straße wurde 1911 auf Initiative des Gießener Professors für Psychiatrie, Robert Sommer, als besonders gesicherter Teil der »Heil- und Pflegeanstalt« errichtet. In den ersten Jahren nannte man die Insassen »kriminelle Irre«, später, nach der Psychiatriereform in den 70ern, war von psychisch kranken Straftätern die Rede. 2010, fast 100 Jahre nach der Eröffnung, wurde das Haus der »forensischen Psychiatrie« vorerst geschlossen.

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